Die Figur des Richters Di hat in der chinesischen Literaturgeschichte in etwa einen solchen Stellenwert wie Sherlock Holmes für diejenige des Abendlandes. Der Unterschied ist nur, dass Richter Di bereits zur Zeit der Tang-Dynastie wirkte, wo er seine Ermittlungen stets in den Dienst der Entrechteten stellte.Die Ermittlungsmethoden dieses chinesischen Helden stehen aber der neuzeitlichen Forensik und Kriminalistik in nichts nach. Und so sind die Kriminalfälle, die Richter Di mit Mut und Witz gelöst hat, über die Jahrhunderte hinweg im Gedächtnis der Chinesen geblieben und leben als Erzählungen und als Sujets von Holzschnitten weiter.
Diese musste der niederländische Diplomat und Sinologe Robert van Gulik nur aufgreifen, um auf der Basis der mittelalterlichen Erzählungen Detektivgeschichten zu erzählen, die zugleich tiefe Einblicke in die Kultur des kaiserlichen Chinas ermöglichen. Van Gulik, der 1910 im niederländischen Zutphen geboren wurde und 1967 in Den Haag starb, interessierte sich insbesondere für mittelalterliche Rechtsprechung und das Sexualleben der alten Chinesen. Er galt als hervorragender Linguist und sprach nicht weniger als ein Dutzend Sprachen.
Die Geschichtensammlung «Richter Di bei der Arbeit» umfasst sechzehn Geschichten und ist nun noch einmal in der Kriminalbibliothek der Süddeutschen Zeitung aufgelegt worden. Die Texte sind mit mittelalterlichen chinesischen Holzstichen illustriert. (nz)