Wer hat Angst vor Wladimir Putin?  |  Die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja | | Foto: AP |
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Im Oktober 2006 wurde die Journalistin Politkowskaja hinterrücks erschossen. Ihr «Russisches Tagebuch» ist ein Rapport voll bitterer Ironie über die Putin-Jahre, meint Franziska Zwerg.
Die Lektüre des «Russischen Tagebuchs» von Anna Politkowskaja legt den Schluss nahe, dass sie ihr Leben zuvörderst dem Kampf gegen einen Mann und seine Machtstruktur gewidmet hat, den sie verantwortlich machte für die Missstände in ihrem Land und für die politischen und menschlichen Katastrophen, die sich während seiner Amtszeit ereignet haben – Wladimir Putin. Das Tagebuch enthält keinerlei private Aufzeichnungen. Vielmehr befasst sich die Autorin streng und ausschließlich mit der Tagespolitik in Russland zwischen 2003 und 2005. Auf ihrem Weg traf sie viele, die darüber verzweifelt waren wie sie, und die sie in ihren Aufzeichnungen zitiert, wie beispielsweise das Komitee der «Mütter von Beslan»: «Wir sind schuld am Tod unserer Kinder, (…) weil wir diese Kinder geboren und sie dazu verurteilt haben, in einem Land zu leben, in dem sie sich als überflüssig herausgestellt haben. Wir sind schuld, weil wir für einen Präsidenten gestimmt haben, der keine Kinder braucht.»
Pressefreiheit als Einkommensfrage
Politkowskajas «Russisches Tagebuch» prangert die Missstände in ihrem Land an, in dem, wie es heißt, unter Putin eine «Halbdiktatur» errichtet wurde. Sie macht den «lupenreinen Demokraten» dafür verantwortlich, dass er das Ende des russischen Parlamentarismus' erwirkt und ein erneuertes sowjetisches System als Remake etabliert habe - eine sowjetische Stabilität, die vom Westen finanziell unterstützt wird. Allerdings muss sie dabei konzedieren, dass dies ganz offensichtlich im Einverständnis mit dem russischen Volk geschieht, das gegen Putins Maßnahmen keinen Widerstand leistet. Zumindest bestätigte eine Meinungsumfrage im Januar 2004, dass 50 Prozent der Befragten zu Putin größtes Vertrauen haben. Die Crux wird an dieser Stelle offensichtlich: Während zu sowjetischen Zeiten keine demokratischen Gepflogenheiten wie beispielsweise Meinungsumfragen oder freie Wahlen existierten, verfügt die russische Gesellschaft heute über entsprechende Institutionen - wobei diese allerdings vor allem der Machterhaltung der (gewählten) Regierung dienen. In diesem Licht ist auch das Thema Pressefreiheit zu sehen: Einerseits werden praktisch alle Massenmedien kontrolliert, andererseits bietet das Internet natürlich auch in Russland unbegrenzte Möglichkeiten zur freien Meinungsäußerung. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass man nur als akkreditierter Journalist bei Gucci einkaufen kann.
Tödliche Konsequenzen In Politkowskajas «Russischem Tagebuch» werden nicht nur die großen politischen Ereignisse in Russland zwischen 2003 und 2005 nachgezeichnet, sie analysiert zudem äußert genau die gesellschaftlichen und politischen Strukturen ihres Landes. Schockierend ist dabei die Brutalität, die sie in einigen Sphären der russischen Gesellschaft beschreibt, vor allem in der russischen Armee. Dabei analysiert sie die Situation sachlich, allenfalls mit einem Anflug von bitterer Ironie, sie vergleicht die Zustände heute mit denen der Vergangenheit, sucht nach den Gründen für eine Entwicklung, die für sie unter Putin einen derartig katastrophalen Verlauf genommen hat, dass sie sogar von der Realität einer ideologischen Restalinisierung spricht. Wie auch Elena Tregubowa, der geschassten Journalistin aus dem Pool der Kreml-Berichterstatter, sieht Politkowskaja den Hauptschuldigen in Putin selbst. Doch auch wenn sie deutlich gegen ihn Verachtung hegt, bleibt sie in ihrer Kritik – anders als ihre Kollegin – meist sachlich. An Tregubowas Wohnungstür explodierte nach Erscheinen ihres putinkritischen Buches eine Bombe, der Tag, an dem Politkowskaja ermordet wurde, war bekanntlich Putins Geburtstag. Über mögliche Zusammenhänge ist gerätselt worden, der Täter ist bis heute nicht ermittelt.
Staat und Individuum «Ich habe immer gewusst, dass auf unseren Staat kein Verlass ist, dass man betrogen wird», zitiert Anna Politkowskaja einen ehemaligen Tschetschenienkämpfer aus Jekaterinburg, der trotz Lungendurchschuss, zwei Splittern im Kopf und einer Titanplatte, die einen Teil des zertrümmerten Schädels ersetzt, alles erreicht hat, was er sich wünschte: Er fand nach seinem Kriegseinsatz Arbeit, heiratete und absolviert bereits seine zweite Ausbildung. Viele andere, die die Hölle des Tschetschenienkrieges erlebt haben, konnten danach nicht mehr Fuß fassen. Unter Putin wurden die Sozialleistungen für Kriegsteilnehmer in einem Maße gekürzt, dass für die Betroffenen kaum noch etwas übrig bleibt. Die Kinder aus weniger reichen Familien waren lediglich gut als Kanonenfutter, Patriotismus ist eine nicht allzu lohnende Angelegenheit. Den Kriegsversehrten, den Schwächeren, wie Politkovskaja sie nennt, hilft der Staat nicht auf, nur der Stärkste hat eine Chance zu überleben. Das Misstrauen gegen den Staat hat Tradition, und auch heute gibt es offensichtlich keinen Grund, etwas an dieser Gewohnheit zu ändern.
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Anna Politkovskaja: Russisches Tagebuch. Mit einem Vorwort von Sonia Mikich. Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag 2007 458 Seiten, 24,90 Euro
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