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Landschaft mit Leichen und singenden Vögeln
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Foto: PR
Mit achtzehn Jahren wurde Arkadi Babtschenko zum russischen Militär eingezogen und 1996 nach Tschetschenien versetzt. Seine Texte schildern die grausame Realität des Krieges, den er erlebte und der aus ihm einen anderen Menschen machte.
 
Von Franziska Zwerg

Für seinen Zyklus «Zehn Bilder vom Krieg» wurde der 1977 in Moskau geborene Arkadi Babtschenko mit dem Preis der literarischen Zeitschrift «Debüt» ausgezeichnet. Doch diese ausdrucksstarken Miniaturen sind nur der erste kleine Teil des in deutscher Übersetzung vorliegenden Buches «Die Farbe des Krieges». Arkadi Babtschenko hat ihn gesehen, diesen Krieg, der seit 1994 in Tschetschenien geführt wird und nach den Anschlägen vom 11. September 2001 vom Kreml offiziell als «Teil des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus» bezeichnet wird.

Doch geht es in Babtschenkos Buch nicht ausschließlich um diesen konkreten Krieg. Was er beschreibt, könnte sich auch an einer anderen Front, an einem anderen Kriegsschauplatz abspielen. Er beschreibt «die Fratze Krieg», wie es seinerzeit in einem russischen Popsong hieß.

Einsatz zum Töten

Seine Kameraden sind so jung wie er, die meisten von ihnen haben sich bislang nur einmal vor einer Frau ausgezogen – vor der Stabsärztin. Von ihrer Jugend ist ihnen nur die Grausamkeit geblieben, welche Kindern eigen ist. Ohne diese Grausamkeit könnten sie nicht töten und hätten kaum eine Chance zu überleben. Sie müssen mitansehen, wie andere von Geschossen zerfetzt werden, abgerissene Gliedmaßen in den Händen halten, wie sie einen langsamen, schmerzvollen Tod sterben.

Kaum jemand von ihnen hat sich freiwillig zum Einsatz gemeldet. Sie wissen auch nicht, wofür sie kämpfen, es gibt keine ethische Rechtfertigung für ihr Töten. Doch hatten sie keine Wahl: Ihre Unterschrift unter der Einwilligung, in diesen Krieg zu gehen, wurde ihnen abgepresst. Sie sind Kinder aus Familien, die anders als die «Klugen und Schönen» nicht über Geld und Kontakte verfügten, um sich vom Kriegseinsatz freizukaufen. Als Kanonenfutter müssen sie in einem Krieg dienen, der einzig dazu dient, die Macht ihres Präsidenten zu erhalten.

Wenn sie in diesem Krieg sterben, haben sie ihr Leben für die Karriere gewählter Politiker geopfert. Doch zum Trost werden sie mit Frontpaketen bedacht: Jeder bekommt 30 Kekse und wird im Begleitbrief aufgefordert, bei der bevorstehenden Wahl die Stimme für den amtierenden Präsidenten abzugeben.

Die Gewalt der «Großväter»

Vor dem unmittelbaren Fronteinsatz lernen die Rekruten zunächst die Gewalt innerhalb ihres Regiments kennen. Schläge und Misshandlungen erfolgen ohne erkennbaren Grund, einfach nur mit dem selbst angemaßten Recht der «Großväter», der älteren Militärs, die Jüngeren zu berauben, zu schlagen und zu demütigen. Im Umgang miteinander gibt es nichts Menschliches, Hass ist der ständige Begleiter des Soldatenalltags, nach ausufernden Wodkaorgien ist keiner mehr vor dem anderen sicher: eine sehr eigentümliche Art, jemandem die Angst vor einem möglichen Tod in der Schlacht auszutreiben.

Kurz vor dem ersehnten Frieden kommen sie in den Genuss einer Auszeichnungszeremonie, die den Spott über ihre Person auf die Spitze treibt: Dem Schreiber und dem Koch werden für «Verdienste im Kampf» vom eigens angereisten Bataillonskommandeur Medaillen und Urkunden verliehen. Danach gönnt der Kommandeur sich erst einmal ein Dampfbad.

Der Krieg ist bunt

Jemandem den Krieg zu beschreiben, der ihn nicht erlebt hat, sagt Arkadi Babtschenko, bleibt ein aussichtsloses Unterfangen. Im Krieg bildet man mehr als fünf Sinne aus. Die Vorstellung, der Krieg müsse schwarzweiß sein, kann nur aus alten Filmen stammen. Tatsächlich gehört zu seinen größten Paradoxa, dass eine Landschaft mit Menschenleichen übersät sein kann, gleichzeitig jedoch die Bäume blühen und Vögel singen. In seiner Coda am Ende des Buches, macht Babtschenko dem Krieg eine Liebeserklärung. Für ihn ist der Krieg «meine erste Frau, meine erste Liebe», der er seine Jugend gegeben hat. Aus dem achtzehnjährigen Jungen wurde ein Greis, für den es keinen Frieden mehr geben kann und der den Krieg verfluchen wird, falls er als Russe einmal die Möglichkeit haben sollte, unbewaffnet nach Tschetschenien zurückzukehren.

Inmitten einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, in der die Gesetze des Friedens nicht gelten, sehnt sich der Soldat vor allem nach der einfachen, unspektakulären Normalität des Alltags. Als er in Grosny stationiert ist, sucht er Abend für Abend heimlich eine leerstehende Wohnung auf, um sich in seiner schmutzigen Uniform in einem Sessel sitzend hineinzuträumen in das zivile Glück. Es sind diese wenigen poetischen Momente, die das Buch lesenswert machen.

Foto: PR
Arkadi Babtschenko:
Die Farbe des Krieges.
Deutsch von Olaf Kühl
Rowohlt: Berlin 2007
256 Seiten, 17,90 Euro.



 
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