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Demographischer Wandel
Krieg der Generationen
Frank Schirrmacher
Foto: ddp
Wie sieht die Zukunft aus? Junge islamische Kämpfer, die die Alten im Westen über den Haufen rennen? Über den globalen Generationenkonflikt sprach die Netzeitung mit Frank Schirrmacher.
 
Netzeitung: In Ihrem neuen Buch «Das Methusalem-Komplott» schildern Sie sehr dramatisch die Veränderungen, die der demographische Wandel – also die Alterung und gleichzeitige Schrumpfung der Gesellschaft – mit sich bringt. Sie sprechen gar von einem Krieg der Generationen.

Frank Schirrmacher: Es gibt Kriege mit Waffen, Steinen und Messern, und es gibt einen Krieg, der immer schon als seelischer Krieg geführt worden ist, das ist der Generationenkrieg. Dieser Krieg hat in der Geschichte auch Gutes hervorgebracht, etwa den produktiven Konflikt zwischen Vätern und Söhnen. Mir geht es nun aber zunächst um die naheliegende Tatsache, dass eine große Zahl abhängiger, nicht mehr arbeitender Menschen ernährt wird von einer kleinen Anzahl von Arbeitenden. Dies ist nicht nur ein Renten- und Versorgungsproblem, denn in uns steckt biologisch konditioniert ein Affekt gegen Ältere.

Jetzt werden wir wie mit einer Zeitmaschine wieder in Vorzeiten transportiert. In der Gesellschaft, in die wir hineinwachsen, wird der Ältere wieder das, was er schon bei den Affen war: nämlich derjenige, der eine Gefahr für die Population darstellt, weil er die Nahrung wegfrisst, sich aber gleichzeitig nicht mehr fortpflanzen kann. Die Analogie zu dieser Figur ist in der Kultur die Arbeit: Es geht also um Menschen, die sich nicht mehr durch Arbeit reproduzieren können.

Netzeitung: Sie sehen diese Entwicklung im Zusammenhang mit einer Bedrohung durch den Islam.

Schirrmacher: Was viel zu wenig gesehen wird, ist, dass die islamische Bedrohung ebenfalls von Generationendifferenzen verursacht wird. Hier wachsen 144 Millionen Arbeitskräfte, ein Großteil zwischen 15 und 24 Jahren heran, und zwar im islamischen Raum um uns herum. Ich zitiere in diesem Zusammenhang die Theorie, die Huntington wieder aktuell gemacht hat, dass Gesellschaften, die zu mehr als 20 Prozent aus Jugendlichen bestehen, instabil werden können. In Europa war das seit der französischen Revolution eigentlich fast immer so, in der Weimarer Republik gab es 36 Prozent Jugendliche.

Die sehr ernst zunehmende Befürchtung ist nun, dass ein solcher Trend die arabische Welt, sobald er sie erreicht, instabil macht – siehe Saudi Arabien. Es entsteht dabei eine Jugendbewegung, die nicht einmal fundamentalistisch sein muss, sie kann auch eher moralisch motiviert sein, vergleichbar mit den 68ern. Die Gefahr ist jedenfalls, dass diese Bewegung uns dann später auch noch in die Zange nimmt.

Netzeitung: Sie gehen also von einer Kippfigur aus: Auf der einen Seite schrumpfende Gesellschaften im Westen und auf der anderen eine Bevölkerungsexplosion in der arabischen Welt, die der westlichen Gesellschaft gefährlich wird?

Schirrmacher: Exakt. Es ist beinahe eine Parodie der Weltgeschichte: Unsere revolutionäre Jugend geht in den Ruhestand und zwar genau zu dem Zeitpunkt, zu dem in diesen Ländern eine unvorstellbar große Anzahl revolutionärer Jugendlicher heranwächst. Der Punkt ist: Wenn die heute Unter-Vierzigjährigen nach heutigen Maßstäben «alt» sind – also jenseits der 55 – dann erst kulminiert diese Situation.

Netzeitung: Der Terrorismus als Massenphänomen – sind denn Terroristen im Maßstab demographischer Kalkulationen, also in Größenordnungen von Millionen zu erfassen?

Schirrmacher: Nein, das wäre ein Missverständnis. Der Terrorismus ist kein Massenphänomen. Aber die Inkubation terroristischer oder revolutionärer Bewegungen kommt eben aus Gesellschaften, die oft derartig instabil verfasst sind. Die Gefahr, die ich – oder vielmehr andere, die ich ja lediglich referiere – sehe, ist keine terroristische Gefahr. Es ist vielmehr eine Gefahr, die die Stabilität dieser Länder bedroht. Die Bin Ladens und andere sind ja zunächst einmal ein Problem für ihre eigenen Länder. Siehe Iran, wo die iranische Revolution 1979 zu einem Zeitpunkt stattfand, als der Anteil der Jugendlichen bei über 20 Prozent lag. Das ist ein Hort der Instabilität.

Ich glaube natürlich nicht, dass jetzt Millionen von Terroristen herkommen. Ich glaube nur, dass dieses Phänomen uns nun ewig begleiten wird. Wir müssen mit großer Instabilität rechnen. Schauen Sie allein in den Jemen: Selbst nach der günstigsten Prognose der UN wächst die Einwohnerzahl dort bis 2030 von jetzt 17 Millionen auf 72 Millionen. Und das, wie James Hewitt gezeigt hat, in einem Land, das nur aus Wüste besteht und nur drei Flüsse hat, die das ganze Jahr Wasser führen. Diese Entwicklung wird Instabilität schüren.

Und die Botschaft des Terrorismus ist ja seit dem 11. September, dass das auch zu uns in die westlichen Länder kommen kann. Ich stelle mir nach den heutigen Altersbildern eine westliche Gesellschaft vor, deren Bevölkerung dann schon jenseits der 50 sein wird – also ein Altersdurchschnitt, bei dem das Selbstbewusstsein sowieso schon leidet: In diese Gesellschaft fallen dann diese Bomben. Da kann man sich vorstellen, was das wird. Ältere Bürger haben schließlich ein riesiges Sicherheitsbedürfnis. In Florida etwa entscheiden sich ältere Wähler für Politiker, die die Straßenbeleuchtung verbessern wollen, nicht für die, die Schulen bauen

Netzeitung: Sie arbeiten mit einer Fülle statistischen Materials und Hochrechnungen zur demographischen Entwicklung. Nun gibt es auch Kritiker an der Zuverlässigkeit der zugrunde gelegten Prognosen. Prof. Gerd Bosbach, der Statistik, Mathematik und Empirik lehrt und früher für das Statistische Bundesamt gearbeitet hat, ist der Meinung, dass eine 50-Jahre-Prognose zwangsläufig unzuverlässig sein muss. Zu schlecht ließen sich mögliche Strukturbrüche voraussagen, und außerdem seien ganz bewusst und aus politisch-manipulativen Gründen die dramatischsten Daten zugrunde gelegt worden.

Schirrmacher: Ja, Bosbach – der ist, soweit ich weiß, aber auch der einzige Kritiker, ein interessanter übrigens. Er hat ein ausgesprochen politisches Ziel, wenn er sagt, dass die Daten nur gebraucht werden um den jetzigen Sozialabbau zu rechtfertigen. Ich glaube aber, er selber würde sehr vorsichtig sein, wenn es um die Steigerungsraten bei Alterungspopulationen geht. An denen kommt man nicht vorbei. Wie sollten schließlich die Kinder geboren werden in nächsten 20 Jahren? Allein für die Erhaltung bräuchten wir 2,1 Geburten im Durchschnitt.

Und die Politiker, da gebe ich Bosbach gegen Bosbach Recht, haben in der Tat ein Interesse: nämlich das Interesse, dass nicht bekannt wird, dass sie gar nicht daran interessiert sein können, dass jetzt viele Kinder geboren werden. Die Kosten von Großziehen und Ausbildung können nicht gleichzeitig mit den Kosten der anderen abhängigen Schicht, denen der vielen Alten von unserer Gesellschaft ausgehalten werden. Und ich tue eigentlich nur eines: ich sage, das positive Bild von Kindern müssen wir zumindest teilweise auf die Älteren übertragen, also auf die, die wir einmal sein werden.

Was die Treffsicherheit angeht: die Entwicklung der Altenpopulation lässt sich insofern exakt voraussagen, als die Alten der Zukunft heute alle schon leben. Wenn das ein unsicheres Datum ist, dann doch nur unter einer Bedingung, die noch sehr viel unerfreulicher ist: dass wir nämlich wegen Krieg oder Seuche gar nicht erst alt werden, sondern vorher sterben. Für die Kinder gilt: Die, die nicht geboren worden sind, können in zwanzig Jahren auch keine Kinder zur Welt bringen. So einfach ist das. Warum wir das nicht glauben wollen, habe ich in meinem Buch am Beispiel der großen Fehlalarme – von der Neutronenbombe bis zu der absurden Wirtschaftsprognosen – zu zeigen versucht. Im Gesamten, so sagen jedenfalls die Demographen, sind diese Phänomene relativ sicher vorhersagbar. Ich bediene mich noch eher vorsichtiger Projektionen für einen überaus deutlichen Trend.

Das Jahr 2050 ist ja nur eine Marke, die Jahrzehnte dahin sind unsere besten Jahre, und die werden, nach menschlichem Ermessen, von der Alterung Europas dramatisch geprägt sein. Das betrifft nicht nur mich, auch Sie, und meinen Sohn, der 12 Jahre alt ist.

Netzeitung: Sie berichten ausführlich von wissenschaftlichen Verfahren zur Verlangsamung des Alterungsprozesses und der Verlängerung des menschlichen Lebens. Dank biologischer und genetischer Eingriffe ließe sich die Lebenspanne sogar um ein Vielfaches verlängern.

Schirrmacher: Was mich interessiert, ist nicht Science Fiction. Mich interessiert, worauf momentan die Energie solcher Forscher verwendet wird. Und ich stelle fest, dass die Babyboomer in den Vereinigten Staaten, die am liebsten unsterblich werden wollen, diese Form der Forschung finanzieren. Man soll aber nicht so tun, als ob das nicht auch bei uns das Thema schlechthin sei. Denken Sie an die Stammzellendebatte: Da geht es nur um Altersmedizin, also um Schlaganfälle, Parkinson und ähnliches. Wenn sie heute ein Mittel fänden, um Krebs, Diabetes, Schlaganfälle oder Herzinfarkte auszuschalten, dann würde sich die Lebenserwartung um, wie ich finde, relativ bescheidene 15 Jahre verlängern.

Was die amerikanischen Forscher suchen, ist aber etwas ganz anderes. Und ich kann da nur zitieren, was seit Vaupels biodemographischer Arbeit von 2002, die ich zitiere, ziemlich gesichert scheint: Wir wissen nun nicht einmal mehr, ob es eine Grenze der Lebenserwartung gibt. Und wenn es sie gibt, das zeigen aktuelle Forschungen, sind wir jetzt nicht einmal in der Nähe dieser absoluten Linie. Das wiederum wirft ein wirtschaftliches Problem auf. Jemand, der 20 Jahre länger lebt als von den Behörden vorhergesagt, ist nicht mehr finanzierbar. Das führt dann schließlich zur Frage der Euthanasie.

Netzeitung: Wenn Sie es sich aussuchen könnten: Wie alt möchten Sie werden?

Schirrmacher: Wenn ich in der Verfassung von Hans-Georg Gadamer wäre, wenn ich seinen Brain hätte – in seinem Alter und übrigens jetzt auch schon – dann würde ich sehr gerne 100 werden.

Frank Schirrmacher ist Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», sein Buch «Das Methusalem-Komplott» erscheint dieser Tage im Blessing Verlag und kostet 16,- Euro.

Mit Frank Schirrmacher sprach Ronald Düker.

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