Russendisko zum Selberkochen
Was hat man sich unter einem «Kochbuch des Sozialismus» vorzustellen? Eine Zeitreise zu parteitreuen Köchen hinter dem Eisernen Vorhang? Einen Essay über kulinarische Gepflogenheiten zu Zeiten der Mangelwirtschaft? Ein Handbuch der Volksküche?
Nichts dergleichen, bei Kaminer dient das Sujet stets nur als Anlass für mehr oder weniger amüsante Geschichten, die er selbst erlebt hat oder die ihm erzählt wurden, und für Kuriositäten aus der Welt des Halbwissens. In «Küche totalitär» kommt eine recht eigenwillige Sammlung von Kochrezepten aus einigen ehemaligen Republiken der Sowjetunion dazu. Ein für alle Mal räumt Kaminer hier mit dem Klischee auf, die Russen äßen pausenlos Kaviar: Der war zu sowjetischen Zeiten Mangelware, und die so genannten «Neuen Russen» ziehen heute, nachdem sie zu großem Geld gekommen sind, exotische Köstlichkeiten aus fernen Ländern vor.
Das Sujet des Kochbuchs dient wie die Erzählungen über die Republiken, aus denen die Rezepte stammen, hauptsächlich dem Zweck, eine farbenprächtige Kulisse abzugeben für neue Erzählungen aus Wladimirs Welt. Die Auswahl der Regionen beschränkt sich dabei zwangsläufig auf jene, die irgendwie mit seinem Anekdotenschatz in Verbindung zu bringen sind: Armenien, Weißrussland, Georgien, Ukraine, Aserbaidschan, Sibirien, Usbekistan, Lettland, Tatarstan und Südrussland.
Die Geschichte vom ersten Tschetschenienkrieg 1992 reduziert Kaminer auf die Information, dass seine Schwiegermutter Grosny verließ, nachdem sich nach Erklärung der Unabhängigkeit Tschetscheniens durch Präsident Dschochar Mussajewitsch Dudajew die Überfälle auf Russen häuften. Um dem vermeintlich ungebildeten deutschen Leser eine bessere Vorstellung von den geografischen Dimensionen zu geben, zieht er anschauliche Vergleiche: «Armenien ist ein Land von der Größe Niedersachsens, dafür aber von großer Schönheit», heißt es beispielsweise. Über Weißrussland hingegen berichtet er, dass es weniger Einwohner als Baden-Württemberg hat, dafür aber so groß ist wie die halbe Bundesrepublik.
Will man dieses oder die anderen Rezepte, die Olga Kaminer in dem Buch zusammengestellt hat, wirklich nachkochen, wird man schnell auf manche Ungereimtheit stoßen, wie zum Beispiel gehäutete Walnüsse, in Mehl gewälzte Zwiebelscheiben, die kurz darauf in eine Bouillon geworfen werden, Schwarzbrotscheiben, die erst im Ofen getrocknet werden sollen, um gleich danach in Wasser eingeweicht zu werden, oder mit Fischmasse gefüllte Pelmeni, von denen mittlerweile auch hierzulande jeder weiß, dass es sich dabei um Teigtaschen mit Hackfleisch handelt.
Küche totalitär. Das Kochbuch des Sozialismus von Wladimir und Olga Kaminer.
München: Manhattan 2006
224 Seiten, 18 Euro

