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Russendisko zum Selberkochen
Covergrafik
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Foto: PR
Wladimir Kaminer legt seit Jahren in der «Russendisko» Platten auf. Außerdem veröffentlicht er regelmäßig Erzählungen, in denen es wiederum um die «Russendisko» geht. Dem Erfolgsrezept bleibt er auch in seinem Kochbuch treu.
 
Von Franziska Zwerg

Was hat man sich unter einem «Kochbuch des Sozialismus» vorzustellen? Eine Zeitreise zu parteitreuen Köchen hinter dem Eisernen Vorhang? Einen Essay über kulinarische Gepflogenheiten zu Zeiten der Mangelwirtschaft? Ein Handbuch der Volksküche?

Nichts dergleichen, bei Kaminer dient das Sujet stets nur als Anlass für mehr oder weniger amüsante Geschichten, die er selbst erlebt hat oder die ihm erzählt wurden, und für Kuriositäten aus der Welt des Halbwissens. In «Küche totalitär» kommt eine recht eigenwillige Sammlung von Kochrezepten aus einigen ehemaligen Republiken der Sowjetunion dazu. Ein für alle Mal räumt Kaminer hier mit dem Klischee auf, die Russen äßen pausenlos Kaviar: Der war zu sowjetischen Zeiten Mangelware, und die so genannten «Neuen Russen» ziehen heute, nachdem sie zu großem Geld gekommen sind, exotische Köstlichkeiten aus fernen Ländern vor.

Kochrezepte als Beigabe

Somit ist Kaviar allenfalls interessant als relativ günstige Handelsware auf dem Schwarzmarkt in Astrachan. Da diese Art von Handel jedoch verboten ist, kommt es vor, dass die Polizei dem Kunden nach erfolgreichem Deal den Kaviar gleich wieder abnimmt, die Strafe kassiert und den Kaviar zum Weiterverkauf an den Händler zurückgibt.

Das Sujet des Kochbuchs dient wie die Erzählungen über die Republiken, aus denen die Rezepte stammen, hauptsächlich dem Zweck, eine farbenprächtige Kulisse abzugeben für neue Erzählungen aus Wladimirs Welt. Die Auswahl der Regionen beschränkt sich dabei zwangsläufig auf jene, die irgendwie mit seinem Anekdotenschatz in Verbindung zu bringen sind: Armenien, Weißrussland, Georgien, Ukraine, Aserbaidschan, Sibirien, Usbekistan, Lettland, Tatarstan und Südrussland.

Russen sind an allem schuld

Dass es hier um den russischen, kolonialistisch angehauchten Blick auf verschiedene Nationalküchen geht, mit welchem auch die jeweiligen Landesgeschichten zumindest oberflächlich ins Visier genommen werden, macht besonders das Kapitel über Lettland deutlich: Spöttisch berichtet Kaminer von der Eigenart der Letten, an allen Problemen ihres Landes den Russen und dem Sozialismus die Schuld zu geben. Besonders bissig machen sich auf diesem Hintergrund seine Anmerkungen zur Biografie der lettischen Präsidentin Vaira Vike-Freiberga aus, deren Flucht 1944 von Lettland nach Deutschland er darin motiviert sieht, dass sie «dem Kommunismus weniger als dem Faschismus abgewinnen» konnte. (Die unfreiwillige Emigrantin war zu diesem Zeitpunkt im Übrigen ganze sieben Jahre alt.)

Die Geschichte vom ersten Tschetschenienkrieg 1992 reduziert Kaminer auf die Information, dass seine Schwiegermutter Grosny verließ, nachdem sich nach Erklärung der Unabhängigkeit Tschetscheniens durch Präsident Dschochar Mussajewitsch Dudajew die Überfälle auf Russen häuften. Um dem vermeintlich ungebildeten deutschen Leser eine bessere Vorstellung von den geografischen Dimensionen zu geben, zieht er anschauliche Vergleiche: «Armenien ist ein Land von der Größe Niedersachsens, dafür aber von großer Schönheit», heißt es beispielsweise. Über Weißrussland hingegen berichtet er, dass es weniger Einwohner als Baden-Württemberg hat, dafür aber so groß ist wie die halbe Bundesrepublik.

Gebackene Kartoffel oder Kartoffel gebacken?

Nach der Lektüre des Weißrussland-Kapitels entsteht der Eindruck, die weißrussische Küche käme fast ausschließlich mit einer Zutat aus: der Kartoffel, die durch die zahlreichen Atomkraftwerke, welche die Sowjetunion mit Strom versorgten, jedes Jahr an Größe zugenommen hat. Ein Menü mit Gerichten der weißrussischen Küche fällt damit entsprechen schlicht aus: gebackene Kartoffeln, Hering mit Kartoffeln gebacken, Kartoffelsuppe, Kartoffeln mit Rinderfilet und als Dessert ein Törtchen mit dem Namen «Kartöffelchen».

Will man dieses oder die anderen Rezepte, die Olga Kaminer in dem Buch zusammengestellt hat, wirklich nachkochen, wird man schnell auf manche Ungereimtheit stoßen, wie zum Beispiel gehäutete Walnüsse, in Mehl gewälzte Zwiebelscheiben, die kurz darauf in eine Bouillon geworfen werden, Schwarzbrotscheiben, die erst im Ofen getrocknet werden sollen, um gleich danach in Wasser eingeweicht zu werden, oder mit Fischmasse gefüllte Pelmeni, von denen mittlerweile auch hierzulande jeder weiß, dass es sich dabei um Teigtaschen mit Hackfleisch handelt.

Das Beste zum Schluss

Wer in dem Buch auf der Suche nach etwas Brauchbaren ist, dürfte, um auf der sicheren Seite zu sein, auf das letzte Rezept zurückzugreifen, das von Wladimir Kaminer selbst stammt: «Eine Flasche guten Wodka drei bis vier Stunden im Kühlschrank aufbewahren. Schwarzbrot, Heringsfilet, Salzgurken und eingelegte Pilze in kleine Stückchen schneiden und auf einem Teller anrichten. Den Wodka kalt aus kleinen Gläsern trinken. Nach dem ersten nichts essen, nach dem zweiten nur Brot nehmen, nach dem dritten ist alles erlaubt.»

Foto: PR
Wladimir Kaminer:
Küche totalitär. Das Kochbuch des Sozialismus von Wladimir und Olga Kaminer.
München: Manhattan 2006
224 Seiten, 18 Euro


 
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