17. Aug 2006 11:34
Der Däne Morten Ramsland hat den Familienroman des Jahres geschrieben: Die Helden sind Trinker, Betrüger und zugleich gute Menschen, die nur ein kleines bisschen Glück für sich wollen. Ein wenig ähneln sie Ramslands Vorfahren. bücher spricht mit ihm über die Erinnerung.
Von Clemens Bomsdorf, Bücher-Magazin
Vor sechs Jahren, um acht Uhr morgens, begann Morten Ramsland, 35, sich zu erinnern. Und zu erfinden. Drei Generationen, drei gebrochene Männer, eine furios erzählte Familiengeschichte. Ist es die der Ramslands?
Nein! Morten Ramsland will nicht, dass seine zwei Kinder, seine Frau in Magazinen zu sehen sind. Er selbst ist schon bekannt genug, der junge Autor, 35, der für seinen zweiten Roman »Hundsköpfe« den höchsten Vorschuss der dänischen Literaturgeschichte bekommen hat: gut 400.000 Euro! Morten Ramsland steht also allein in dem etwas eingelaufenen T-Shirt und der verwaschenen Cordhose vor seinem Schrebergarten, im Grünen, etwas außerhalb der Stadt Århus. Hier wohnt er mit seiner Familie im Sommer. Doch obwohl er da allein steht, die Hände in den Taschen, sieht man überall seine Familie: Da steht ein rosa Kinderrad vor der Gartenpforte, auf der Wiese eine Rutsche aus verblichenem, rot-gelbem Plastik (sie hat viele Sommer erlebt), überall liegen Bälle, Dreiräder, an den Bäumen hängen selbst geschnitzte Holzpuppen. Dazwischen steht Morten Ramsland, der etwas später beim Bier auf der Terrasse dieser kleinen Holzhütte zwischen Kinderwagen und zum Trocknen aufgehängten Lappen sagt: »Ich bin in einer disfunktionalen Familie aufgewachsen.« Wir sind jetzt mittendrin, im Thema von »Hundsköpfe«, diesem gewaltigen Familienroman, in dem auch die Familiengeschichte des Autors Ramsland steckt.
Ramsland erzählt in »Hundsköpfe« mit viel Witz und in einem erstaunlichen Tempo eine nordische Familiengeschichte von der Jugend des Großvaters Askild und dessen Kriegsgefangenschaft in Deutschland bis zur Heimkehr von Askild Enkel Asger an das Sterbebett der Großmutter. In dieser Familie läuft selten etwas glatt: Als Askild zum ersten Mal versucht, Björk zu heiraten, schmeißt ihr Vater den frisch diplomierten Ingenieur raus. Der arme Schlucker soll nicht in die reiche Reederfamilie einheiraten!
Erst als die Reederei bankrott ist, weil die Deutschen deren sämtliche Schiffe versenkt haben, steht der Hochzeit nichts mehr im Wege. Der Heirat nicht, der Ehe schon: Askild trinkt, Askild verliert oft den Job und muss für den nächsten in eine andere Stadt ziehen, Björk träumt von einem schöneren Leben mit jenem Arzt, den der Vater gern als ihren Mann gesehen hätte … Nein, so richtig gut kann das nicht gehen. Und es geht nicht gut: Die Männer in »Hundsköpfe« morden, um ihr eigenes Überleben zu sichern, fliehen vor Frauen, die sie geschwängert haben, in die weite Welt oder in den Alkohol. Diese Geschichte begann Ramsland am 2. Januar 2000 um acht Uhr morgens zu schreiben. Er erinnert sich genau: »Ich war gerade von drei Monaten Indien und Nepal zurückgekehrt, setzte mich ins Arbeitszimmer unserer kleinen Wohnung und hatte auf einmal die erste Szene im Kopf: Askild flieht vor den Bluthunden über eine ostdeutsche Ebene. Das Buch sollte in der Gegenwart enden und alles dazwischen von den Geschichten meiner eigenen Familie inspiriert sein.«
Was sind das für Geschichten? Wir fahren mit Morten Ramsland in die Hafenstadt Odense, auf die dänische Insel Fünen. Hier ist die Stammkneipe der beiden Großväter: dem aus dem Buch und Ramslands eigenem: das »Corner«. Eine Eckkneipe, die Stufen sind abgesplittert, drinnen viel dunkles Holz – ein Ort außerhalb der Zeit. Die Kneipe könnte auch so ausgesehen haben, als die beiden Großväter hier tranken. Ramsland erinnert sich beim Bier: »Mein Großvater trank zu viel, er musste deshalb wie im Buch mehrmals die Arbeit wechseln.« Sogar eine alte Preisliste hängt noch an der Wand »Øl pr. flaske 1,75« (Bier pro Flasche 1,75) steht da. Die Gäste sind fast nur Männer, um die 60, 70 Jahre alt. Ein alter Herr in hellbeiger Jacke, die wenigen Haare im selben unscheinbaren Farbton, steht mit der Zigarette in der Hand an einem Spielautomaten hinter Ramsland. Auch die Kirche, in der die Trauerfeier für die beiden Großväter stattfand, ist ganz in der Nähe. Ramsland trinkt sein Bier langsam und erzählt, dass das »Corner« und die Kirche in der Nähe ein exemplarisches Beispiel für die Vermischung von Fiktion und Wirklichkeit in »Hundsköpfe« sind. Natürlich, die Wirklichkeit hat ihn inspiriert, sagt Ramsland. Mehr nicht: »Auf der Beerdigung meines Großvaters in der örtlichen Kirche waren seine Saufkumpanen aus dem Corner nicht. Das existiert nur im Buch.«
Großvater Askild ist die zentrale Figur von »Hundsköpfe«, nicht Ich-Erzähler Asger, wie der Autor 1971 in Odense geboren. Askild stammt im Buche wie in der Wirklichkeit aus Norwegen, war in einem Konzentrationslager, und zwar nicht, weil er eine Heldentat im Widerstand und gegen die Deutschen vollbracht hatte, sondern weil er die Besatzer betrog, um an ihnen zu verdienen. »Fiktion ist manchmal besser als die Wahrheit«, sagt Ramsland. Er übertreibt als Erzähler. Er übertreibt, wenn es nötig ist: Bei der Beschreibung der »Hundsköpfe« etwa, jener Ungeheuer unter der Kellertreppe, die der Ich-Erzähler in der Jugend so sehr fürchtet. Oder bei den riesigen Ohren des Vaters des Ich-Erzählers, in die die Nachbarsjungen gleich literweise Dreck und Ungeziefer stecken. Erinnerungen an den körperlich ebenfalls missgebildeten Oskar Matzerath werden wach. Auch bei der ersten Szene von »Hundsköpfe« denkt man an Grass’ »Blechtrommel«. Der deutsche Nobelpreisträger lässt sein Buch mit der Stammhalterin auf einem kaschubischen Acker beginnen, bei Ramsland ist es eine Ebene in Ostdeutschland. Die Politik spielt in Ramslands »Roman« nur eine Rolle, wenn sie für die persönliche Entwicklung der Protagonisten entscheidend ist. Um die geht es Ramsland: Wie stark prägen uns fami-
liäre Bande? In einer Schlüsselszene geht der längst erwachsen gewordene Vater des Ich-Erzählers zu seinen Eltern Björk und Askild, um mit ihnen abzurechnen. In einem Wortschwall wirft er ihnen all das an den Kopf, mit dem sie seiner Meinung nach sein Leben verpfuscht hätten.
»Nein«, lacht Ramsland, »eine solche Abrechnung habe ich mit meinen Eltern nicht gehabt.« Er hat »Hundsköpfe« geschrieben. Und dabei das erlebt: »Indem ich meine Geschichte aufschrieb, wurde ich mir über vieles klarer, und mir ging es wieder besser.« Wieder besser? »Nein, ich hatte gewiss keine unglückliche Kindheit«, wehrt der Autor ab: »Manches in den zwischenmenschlichen Beziehungen hätte besser sein können. Ich hatte ein sehr distanziertes Verhältnis zu meinen Eltern«, erinnert er sich, zurück auf der Terrasse seines Schrebergartens in Århus. Mehr will er nicht sagen, das ist privat, das ist vorbei. Durchs Terrassenfenster sieht man im Halbdunkel drinnen ein Bild an der Wand, das Ramsland vor einiger Zeit gemalt hat: Vier Menschen stehen da, »disfunktionale Familie« hat es mal ein Freund genannt, sagt Ramsland. Hinter der Wand schlafen seine zwei Kinder gerade, am Schreibtisch sieht man Ramslands Frau arbeiten. Es wird bald Abendessen geben. Wir gehen zur Gartenpforte, vorbei am Dreirad, an der Rutsche, an dem großen roten Ball. Gute Nacht, schlaft gut. Das kann Morten Ramsland heute, da sind wir ganz sicher.
Morten Ramsland: Hundsköpfe, Schöffling, 480 Seiten, 24,90 Euro (Erscheinungsdatum: 1. September)
Morten Ramsland: Hundsköpfe, steinbach sprechende bücher, ca. 480 Minuten, 29,90 Euro (Erscheinungsdatum: 1. September)