06. Jul 2006 14:49
Mit seinem Unterwasser-Thriller »Der Schwarm« schrieb er sich in die Weltspitze und landete mit seinem Sachbuch über die Meere wieder auf Platz 1 der Bestsellerlisten. Im bücher-Interview sagt Frank Schätzing, warum er ökologische Betroffenheitsgesten ablehnt. Und welchen Fisch er am liebsten isst.
Interview von Walter Drechsel, Bücher-MagazinEs begann mit einer Schnapslaune in einer Berliner Bar. Um vier Uhr morgens saß dort der Thrillerautor Frank Schätzing, 49, mit seinem Verleger und einem befreundeten Journalisten. Schätzing hatte mit seinem Unterwasser-Thriller »Der Schwarm« Platz 1 der Bestsellerlisten erobert. Das Trio in der Bar schmiedete bei geistigen Getränken den Plan, die Recherchen zu dem Stoff für eine Zeitschriftenserie über das Leben im Meer zu verwenden. Und der Verleger wollte »ein dünnes Bändchen« daraus machen. Und so beginnt jetzt auch das Buch, das Schätzing danach schrieb, mit dieser Szene morgens in einer Berliner Bar. Aus dem schmalen Band allerdings wurde ein 500-Seiten-Wälzer, eine »Zeitreise durch die Meere« vom Urknall bis ins 21. Jahrhundert. Mit »Nachrichten aus einem unbekannten Universum« gelang dem Kölner Schätzing ein Double, wie es die deutsche Literatur noch nicht gesehen hat: Er platzierte zwei Jahre nach seinem Thriller auch sein Sachbuch auf Platz 1.
Mit leichter Hand geschrieben und stilistische »Elemente des Thrillers« verwendend, wie der Autor sagt, sind diese »Nachrichten« denn auch keine Zweitverwertung. Schätzing, früher tagsüber noch als Werbefachmann in der eigenen Agentur beschäftigt, zog sich in eine kleine Arbeitswohnung in der Kölner Innenstadt zurück und konzentrierte sich auf den Stoff. Die »Nachrichten« wurden »das erste Buch, das ich bei Tageslicht geschrieben habe«. Und das Werk erhellt nun die Geschichte des Universums unter Wasser – beginnend vor 13,7 Milliarden Jahren mit dem Urknall und vor viereinhalb Milliarden Jahren mit der Geburt des Planeten. Von den Millionen Lebewesen in einem einzigen Tropfen über die Riesengeschöpfe des Kambriums bis zum Frevel der japanischen Haifischflossen-Mafia. Vom Mythos des Moby Dick bis zur Ostsee-Flotte, die die letzten Fischbestände ausrottet. Schätzing lässt keinen Zweifel, was er vom Umgang des Menschen mit dem Ökosystem Meer hält: »Der liebe Gott wird in der Hölle anrufen und fragen, ob dort noch Platz ist für sechs Milliarden Idioten.« Doch sein Buch ist auch frei von jeder Betroffenheitsgeste: »Ich habe keine Botschaften, alles Messianische ist mir zuwider«, sagt er im großen Interview mit bücher.
Herr Schätzing, muss ich mir Sorgen machen, dass schon bald der Planet kollabiert?
Also hier in meinem Büro sind Sie sicher. Im Grunde brauchen Sie sich gar keine Sorgen zu machen, weil wir ohnehin wenig ändern können. So schnell kollabiert die Erde nicht, aber sie wird weiterhin beben, Feuer spucken und Riesenwellen über die Meere schicken. Geologischer Alltag. Damit kann man leben, wenn man sich bemüht, den Planeten besser zu verstehen, einfach um vorbereitet zu sein. Stattdessen glauben wir, uns gegen alles versichern zu können. Die Natur ist von Policen allerdings eher unbeeindruckt.
Ihr Buch beschreibt nun mal auch sehr anschaulich die Folgen der Umweltzerstörung. Man erfährt etwa, dass wir ohne die Einzeller im Meer schon sehr viel stärker unter dem Ausstoß der Stickoxyde leiden würden. Eine Handlungsanleitung, eine Botschaft, fehlt aber in Ihrem Buch.
Ich misstraue einer Aufklärungsgesellschaft, die zu jedem Problem gleich auch einen Katalog korrekten Handelns präsentiert, aus dem man sich unreflektiert was Passendes raussuchen kann. In der es für alles Experten und Gegenexperten gibt, und jeder hat ein Patentrezept. Wie soll jemand aktiv werden, wenn man ihm ständig sein Verhalten vorkaut? Ich kann Anregungen geben, aufklären, Vorschläge unterbreiten. Den bewussten Umgang mit der Welt muss jeder selbst erlernen. Botschaften habe ich keine, mir ist alles Messianische zuwider.
Das Buch liest sich verblüffend relaxed, wenn man die aktuellen Probleme betrachtet. Es ist ziemlich lustig, im Plauderton geschrieben …
Und da sagen ein paar Altachtundsechziger natürlich, wie kannst du hier sitzen und in die Sonne grinsen, während die Wale umgebracht werden? Bloß, dieses Rund-um-die-Uhr-Betroffenheitsgetue, wie es die 1970er und 1980er prägte, ist für nichts gut. Wie soll man etwas Positives bewirken, wenn man sich jeden Lebensgenuss versagt? Ich esse Fleisch, ich trage Schlangenlederschuhe, ich lebe und lache gern. Echte Naturschützer haben damit kein Problem. Gerade mit Lebenslust kann ich was bewirken, mit Humor Feindbilder abbauen. Ich kenne Umweltaktivisten, Leute bei Greenpeace oder Sharkproject, die hervorragende Arbeit leisten und zugleich ausgewiesene Weinkenner sind, echte Genussmenschen. Dafür ist manch eifernder Ökoapostel hoffnungslos verbohrt, während wiederum Manager aus dem Ölgeschäft gute Ideen haben, wie man die Meere schützt. Klischees sind von gestern. Man muss hinhören, miteinander reden, miteinander lachen.
Sie haben immerhin US-Präsident George W. Bush hart kritisiert.
Ja, als Vertreter einer Geisteshaltung, die leider zunehmend von anderen geteilt wird. Fast schon ungerecht, immer nur auf ihm rumzuhacken. Bush surft auf der Welle des Neokonservatismus, der erstarkte, als die liberaleren Modelle in die Krise kamen, und er nutzt die Verunsicherung der Menschen schamlos aus. Auch in einem Sachbuch muss es erlaubt sein, religiös motivierte Arroganz und gewissenlosen Raubbau infrage zu stellen. Sonst wären die »Nachrichten« nur ein weiteres Biologiebuch geworden.
Woher kommt denn nun Ihrer Meinung nach das riesige Interesse am Thema Meer?
Ich glaube zum einen durch die immer besseren Dokumentationen im Fernsehen – seit Hans Hass und Jacques Cousteau ist viel passiert. Nie zuvor konnte man sich ein so umfassendes Bild vom Leben unter Wasser machen. Zum anderen: Die Welt ist weit gehend entzaubert. Nur zwei Biotope halten noch Wunder bereit – der Regenwald und das Universum unter Wasser. Und 99 Prozent dessen, was im Regenwald lebt, krabbelt. Das ist nicht sehr angenehm. Unter Wasser ist es freundlicher, es ist bunt, es leben wundervolle Geschöpfe dort und gewaltige Jäger. Auch von der Bestie lassen wir uns gerne faszinieren. Dann, ab 200 Meter Wassertiefe wird es dunkel. Dieser kaum erklärte, nicht transparente Inner Space ist ein idealer Projektionsraum für die Fantasie. Wir wollen uns eben wieder verzaubern lassen.
Was Sachbüchern sehr selten gelingt …
Stimmt. Hinzu kommt aber, dass das Bewusstsein für die Gefährdung der Umwelt soeben gewaltig wächst. Einhergehend mit dem frustrierenden Gefühl, immer mehr zu erfahren und dabei immer weniger zu kapieren. Unter den Dauereinschlägen der täglichen Info-Splitterbomben verstehen wir die Zusammenhänge nicht mehr. Die Menschen sehnen sich danach, dass man ihnen die Welt als Ganzes erklärt. Übrigens auch in der Belletristik. Denken Sie an Daniel Kehlmanns wunderbare »Vermessung der Welt«. Sie bekommen in einer Romanhandlung Wissen vermittelt. Der Leser ersteht also zwei Bücher zum Preis von einem. Einen Thriller oder Roman und ein Sachbuch. Mit den »Nachrichten« habe ich eigentlich ein Sachbuch mit Thrillerelementen geschrieben. Vorher mit dem »Schwarm« war das umgekehrt: Das war ein Thriller mit Sachbuchelementen.
Essen Sie eigentlich nach fast sechs Jahren Beschäftigung mit dem Meer noch Fisch?
Ich liebe Rotbarbe und Steinbutt.
Bevor sie nun in Kochsendungen auftreten …
Was ich vermutlich nicht tun werde …
… darf man das Rezept erfahren?
Die Barben mache ich mit Safran-Risotto an einer Safran-Sauternes-Sauce. Die Rotbarbe kurz braten, zwei Scampi zur schmackhaften Deko. An die Sauce kommt außerdem eine Mischung aus winzigen Weintrauben, kleinen gerösteten Brotwürfeln und knusprigem Bacon. Zum Steinbutt dünste ich Chicoree, klassisch mit Salz, Pfeffer und Muskat in Butter geschwenkt. Dann zwei ordentliche Löffel Trüffelbutter unterrühren.
Im Winter fangen Sie mit einem neuen Thriller an. Um was wird es gehen?
Schaun mer mal (lacht).
Um Fußball?
Nein, nichts mit Grün. Ich werde den Schauplatz wechseln. So wie ich das in meinen Büchern vor dem »Schwarm« auch immer getan habe.
Bei unserem Gespräch vor zwei Jahren über den »Schwarm« sagten Sie uns, Sie wollten eigentlich Popstar werden. Ist das noch so?
Ich habe das Gefühl, das ich mit allem, was ich tue, wieder zurück zur Musik will. Ich vertone meine Hörbücher selbst und schreibe Songs. Irgendwann werde ich wohl auch mal ein Album aufnehmen und auf Tour gehen.
Dürfen wir die Richtung erfahren?
Beeinflusst bin ich von David Bowie, Peter Gabriel, Björk. Aber die Herausforderung ist natürlich, wie Frank Schätzing zu klingen.