24. Apr 2006 17:10
Die Sensation des Bücherfrühlings: »Sommerdiebe«, der lang verschollene Debütroman des vielleicht größten aller amerikanischen Schriftsteller.
Von Jost Kaiser, Bücher-Magazin
Dieses Frühjahr gehört 22 Jahre nach seinem drogengetränkten Wegdämmern Truman Capote. Capote auf allen Kanälen. Gerade hat »Capote«, der Film mit Philipp Seymour Hofmann, drei Oscars eingefahren. Der Film »Infamous«, der ebenfalls Capotes Arbeit an »Kaltblütig« zum Thema hat, wird bald folgen.
Und punktgenau zur Capote-Wiederkehr bringt der Schweizer Kein & Aber Verlag Capotes lange verschollenes Erstlingswerk »Sommer crossing«, zu Deutsch »Sommerdiebe«, auf den Markt. Das Manuskript holte Capote jahrelang immer wieder aus der Schublade, versuchte es weiterzuschreiben, und verzweifelte jedes Mal. Dabei war »Sommer crossing« vollendet. Diese tragische Liebesgeschichte ist so sprachgewaltig erzählt, da fehlt nichts.
Ein miserabler Witz der Literaturgeschichte, dass der vielleicht größte aller amerikanischen Schreiber sein erstes Werk für misslungen hielt und doch an seinem letzten Versuch scheiterte, dem nur in Auszügen erschienenen »Answered Prayers Erhörte Gebete«. In Wahrheit freilich ist Capote an sich selbst zugrunde gegangen, aufgezehrt von seiner Kunst. Geboren als Truman Streckfus Person am 30. September 1924 in New Orleans, hatte er sich mit »Frühstück bei Tiffany« als Wunderkind etabliert und als Hausdichter der Reichen, Schönen und Berühmten New Yorks empfohlen. Mit dem Tatsachenroman »Kaltblütig« ging er in die Literaturgeschichte ein und schickte sich an, der Proust seiner Zeit zu werden.
»Er ist der vollkommenste Schreiber meiner Generation« sagte Norman Mailer über Capote, der ihm in herzlicher Feindschaft zugetan war. Es waren die rund 20 Jahre von Ende der 1950er bis Anfang der 1980er in Amerika; eine turbulente Zeit für die Nation. Der Geist von Kennedys »Camelot«, wie das »Weiße Haus« damals hieß, wurde vom Napalmqualm Vietnams verdunkelt, alles änderte sich. Und im intellektuellen Kraftzentrum New York hatte Capote seinen festen Platz als Ikone. Das Dreigestirn Mailer, Capote und Gore Vidal beherrschte die Literatur-Debatte, man schlug und vertrug sich in den Spalten des »New Yorker«, schrieb Reportagen für den »Esquire« oder gab Interviews im »Playboy«.
Und Capote beherrschte noch dazu die Klatschspalten. Der kleine Mann mit dem großen Kopf und der Quackstimme gab den Bohemien, hielt Hof in den Luxushotels, ging aus mit Prinzessinnen und Schauspielerinnen, kokste mit Andy Warhol in der später weltberühmten Disko »Studio 54«, betäubte seine innere Not mit Alkohol und Pillen, machte kein Hehl aus seinem Schwulsein, kannte jeden und jede in New York und Hollywood und hatte für jeden eine bissige Bemerkung parat. Das »Genie sui generis«, wie Albert Camus ihn nannte, machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Dostojewski? »Ein lausiger Stilist.« Joyce Carol Oates? »Eine Monster-Witzfigur, die öffentlich geköpft werden sollte, sie zu lesen, heißt, absolut zu kotzen.« Oscar Wilde, sagte er aber, hätte er bestimmt gemocht; und wie Wilde war Capote ein brillanter Entertainer mit funkelndem Witz, jederzeit zu einer Pointe bereit. Als er zu Dreharbeiten in Hollywood war, krachte ein Kronleuchter neben ihm herunter. Capote sprang
auf: »Gore (Vidal) muss irgendwo in der Kulisse sein!« 1983 musste er wegen Trunkenheit am Steuer und Fahrens ohne Führerschein vor Gericht und erschien in Shorts. »Immerhin habe ich es so auf die Titelseite von «Womens Wear Daily» geschafft.«
Dann machte Truman Capote seinen größten Fehler: Er wollte mit »Answered Prayers« sein Opus magnum schaffen; aus seinen Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Notizen und Erinnerungen einen Schlüsselroman über die Reichen und Berühmten zu machen. Vier Stücke daraus druckte der »Esquire«, wohlweislich mit dem Hinweis, »dass auch Proust Klatsch« sei. Capotes Freunde waren entsetzt. James Mitchener schrieb im Vorwort zu »Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie.«, der aus Gesprächen zusammengestellten »Biografie« Capotes, die 1985 erschien: »Klatschen auf der Toilette, der Blick eines Proktologen auf die amerikanische Gesellschaft.« Doch auch Mitchener summiert: »Es kann das Werk eines amerikanischen Proust werden. Aber ich höre, er trinkt so viel und hängt so schwer an Drogen, dass er es nur schwerlich schaffen dürfte.« Mitchener behielt Recht: 1984 starb Capote; zwölf Jahre Arbeit an »Answered Prayers« blieben Fragment. Schon über »Kaltblütig« hatte Capote gesagt: »Ich würde es bestimmt nicht noch mal machen. Denn das Schreiben des Buches war zweifellos die emotional stärkste Erfahrung meines Lebens als Künstler. Hätte ich damals, als ich anfing «In Cold Blood» zu schreiben, gewusst, was es alles nach sich ziehen würde, ich hätte es niemals begonnen.«
Unter dieser Vorgabe, also vom Ende des ausgelaugten Capotes her gesehen, wird nun das wiederaufgetauchte Debüt, der Kurzroman »Sommerdiebe«, gelesen.
Der »Spiegel« etwa sah bei Erscheinen in den USA den Blick zurück »in ein noch unberührtes, seinem Autor für alles offen stehendes Amerika« und einen »wunderbar lichten Roman«. In dem kurzen Text, eine »Boy meets girl«-Geschichte, blitzt bereits das auf, was der standesbewusste Capote später positiv gewendet zu seinem Lebensinhalt machen sollte. Es ist eine Welt der Klassengegensätze. Die Liebe des Mädchens aus Uptown zu dem jüdischen Burschen aus Downtown in »Sommerdiebe« hat nie eine Chance. Am Ende sind alle tot. Hauptfigur des Romans, er spielt kurz nach dem Krieg, ist die 17-jährige Grady McNeil aus einer der besten New Yorker Familien.
Hier herrschen die feinen Distinktionen des neuenglischen Milieus und dieses unverhohlene, ironisch verkleidete Klassenbewusstein wird durch das Palavern über anscheinend Nebensächliches nur noch verstärkt: Anzüge, Rocklängen und Make-up. Grady ist kompetente Teilnehmerin dieses Spiels, das sie mit ihrem standesgemäßen Verehrer Peter betreibt und will doch daraus fliehen wenigstens für einen Sommer, ehe die unvermeidlichen Gesetze des eigenen Standes greifen: standesgemäße Heirat, Kinder und das unendliche, ironische Palavern über die Qualen des Luxus. Dieses Spiel mit dem Klassenbewusstsein beherrschte Truman Capote perfekt. Er beherrschte die Posen, liebte sie, kalkulierte seine Auftritte perfekt und beobachtete dieses Spiel zugleich von außen. In »Sommerdiebe« zeichnet er das Porträt eines Nachkriegsamerikas, das es sich im Wohlstand behaglich macht, die Oberflächen, die Produkte zu schätzen lernt und nun in dieser Sprache das Klassenbewusstsein formuliert. Zwischen diesen Gegensätzen reibt sich Capotes Heldin in »Sommerdiebe« auf. Grady erinnert an Holly Golightly aus Capotes großem Roman »Frühstück bei Tiffany«. Sie ist jünger, sie ist sorgloser, sie ist aber ebenso zart, ebenso zerbrechlich.
Vor Grady liegt zu Beginn des Romans dieser eine Sommer, in dem sie einen ganzen Kontinent zwischen sich und ihrer Familie weiß: Während ihre Eltern nach Europa segeln, bleibt Grady allein zurück in New York. Sie kann tun und lassen, was sie will. Und doch streut Capote schon überall düstere Andeutungen des Verderbens ein: Der offene Augenblick ist keiner. »Ihr eigenes Leben, glaubte sie fest, hatte noch nicht begonnen; doch als sie sich jetzt dunkel und blass im Spiegel sah, wusste sie, es währte schon sehr lange Zeit.« Grady hatte die »Aura eigenwilligen und privilegierten Zaubers«, und sie war ein Mädchen, »dem etwas widerfahren würde«. Sie verliebt sich in Clyde Manzer, einen jüdischen Jungen aus Brooklyn, der, zurück aus dem Krieg, als Parkplatzwächter arbeitet. Doch letztlich liegt auch hier ein Meer im Weg: »Es war, als sei die Welt, in der sie sich begegneten, ein Schiff, in die Flaute geraten zwischen zwei Inseln, die sie selbst waren: ohne jede Anstrengung konnte er ihre Küste sehen, aber seine blieb verborgen im tief hängenden Nebel«. Hier zählt nicht das ironische Palaver. Clyde hat das »schlichte Stipendium, das zu einem Diplom in Alltagsbewältigung führt - wohin laufen, wo verstecken, wie U-Bahn fahren und ins Kino gehen und einen Münzfernsprecher benutzen, ohne etwas zu bezahlen« - »das war die Ausbildung, die seinen Augen die bewegliche Ausdruckskraft verlieh«. Für Clyde geht es um alles.
Grady hingegen hat bereits die coole, standesbewusste Abgeklärtheit, die den Gang nach Brooklyn, über die unsichtbare Klassengrenze zu einem risikoarmen Spiel macht. Ein bisschen wie eine frühe Paris Hilton. »Aufgrund des Geldes konnte sie es sich leisten, immer alles zu ersetzen: Häuser, Möbel, Menschen.« Diese Geschichte des ewigen amerikanischen Boy-meets-girl hört sich nach Kitsch an und ist es doch keinen Augenblick. Denn die scheinbar einfache Geschichte benutzt Capote, um sich in einen wahrhaften Rausch seiner Sprachgewalt zu steigern. Grady übt die eingefrorene Pose des Großstadtmenschen, die Coolness, die später im Leben, gäbe es denn eins, alles zu einem komplizierten Spiel aus Andeutungen und Chiffren machen würde: »Unter den stickigen unentrinnbaren Zwängen der Nähe zu anderen wäre sie bald genug verkümmert, ihr Organismus brauchte das kalte, abgeschiedene Klima des Einzelwesens.« Und: »Du bist ein Rätsel, mein Liebes, sagte ihre Mutter, und Grady, die versonnen durch einen Tafelaufsatz mit Rosen und Farn über den Tisch blickte, lächelte nachsichtig: Ja, ich bin ein Rätsel, und der Gedanke gefiel ihr.« So lautet der erste Satz des Buches. Und so ist es auch noch am Ende. Manche Geheimnisse müssen bleiben.
Truman Capote: Sommerdiebe, Kein & Aber, 160 Seiten, 18,90 Euro