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Tanja Dückers
Die German Weltflucht
11. Jan 2006 12:46

Tanja Dückers
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Foto: Bücher Magazin
Exklusiv in der Printausgabe druckt «bücher» Auszüge aus Tanja Dückers' neuem großen Roman. Und spricht mit der Autorin darüber, warum eine ganze Generation ihre Eltern hasst.

Von Jost Kaiser, Bücher-Magazin

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Neulich saß Tanja Dückers in einer ausrangierten Verkehrskanzel. Leicht erhöht über dem Ku-damm, im alten Westberlin, wo sie aufgewachsen ist. Der Verkehr unter ihr rauschte, die riesige Leuchtwand gegenüber bei C&A zuckte.
Und Dückers erinnerte sich. An ihre Schulfreundin Pascale. An Herrn K., den freundlichen, traumatisierten Apotheker aus dem Irak. An das Parkhaus, in dem die Penner wohnten, die Brot und Wurst bekamen und dafür die Autos der Anwohner bewachten.

Da oben hatte sie ein Verlag für die Anthologie «Kanzlerinnen, schwindelfrei», für «literarische Höhenflüge über Berlin» reingesetzt. Vielleicht ist das ja nur ein Aspekt des Literaturbetriebswahnsinns, in den Tanja Dückers, 37, als erfolgreiche «junge Autorin» eingespeist ist, wie man so sagt: in alten Verkehrskanzeln, auf Symposien, in Goethe-Instituten weltweit sitzen.

Vielleicht beginnt aber so ja auch das Erzählen: von oben gucken, was ist. Distanz haben, um Nähe herzustellen, zur Welt und ihren Figuren. Aber auch: erhöht sein, ein wenig von oben herabgucken. Tanja Dückers jedenfalls sagt: «Die Kanzel war wirklich beeindruckend. Seitdem ich da oben saß, habe ich die Sehnsucht zurück an diesen Ort.» Jetzt sitzen wir im «Kakao», einem dunklen Café am Berliner Helmholtzplatz, Berlin-Prenzlauer Berg. Vor dem Fenster das Kasperletheater der aktuellen Existenzformen der Berliner Boheme. Zurzeit haben alle Kinder, die sie in Retro-Kinderwagen am Fenster vorbeischieben.
Da ist es, Dückers¹ großes Thema: Generationen.

Und wenn es um Generationen geht, geht es ja in Deutschland immer um Abgründe und Vorwürfe: Eine Generation macht die andere fertig. Dückers
sagt: «Ich finde das einen unsinnigen Konkurrenzkampf zwischen den Generationen, speziell der Vorwurf der Oberflächlichkeit.
Existenzialphilosophisch ausgedrückt: Das Leben ist immer schwierig, egal ob man eine schicke Couch zu Hause hat oder nicht. Das ist materialistisch gedacht, nur weil man nicht in einer ausgebombten Wohnung sitzt, würde Leben jetzt leicht sein.»

So leicht macht sie es sich nicht in ihrem neuen Buch «Der längste Tag». Hier gibt es keine klaren Fronten, bloß zwei Generationen, die einander fremd sind: Paul Kadereit (Aufbaugeneration), ein Zoologe und Reptilien-Freak mit der lebenslang ungelebten Sehnsucht nach «Amerika», seinem Traumland, stirbt. Das Buch berichtet, wie die fünf Kinder des nahezu autistischen Mannes, der sich regelrecht in seiner Terrarien-Welt verkriecht, auf seinen Tod reagieren.

Generationen, das ist Dückers Thema, seit sie sich vom Ruf emanzipiert hat, die «Stimme der Subkultur» (Berliner Morgenpost) zu sein. «Subkultur» das hieß bei vielen «Spaß». Und «Spaß» gleich «Spaßkultur». Also gar keine Kultur. Davon ist sie lange weg. Schon in «Himmelskörper», ihrem größten Erfolg, ging es um eine Meteorologin, die in der Vergangenheit ihrer Familie wühlt. Kein Spaß. Jetzt wieder. «Es ist der Versuch eines Generationenporträts, um die Unterschiede zwischen der so genannten Gründer- und Aufbaugeneration und der, die so gern als hedonistische Generation bezeichnet wird.»

So sieht Tanja Dückers aus, wie ein Mitglied der hedonistischen Generation.
Sie trägt Zöpfe, ein grünes Cordsacko und Puma-Turnschuhe. Und ihren berühmten orientalischen Lidstrich, ihr Markenzeichen. Sie wohnt in der Nähe vom Café «Kakao» in Berlin-Prenzlauer Berg, der Gegend der Berliner Boheme.
Jetzt hat sie sich in die tiefen Lederpolster fallen lassen und wird von nun mit leicht mauligem, gelangweiltem Unterton referieren, ohne einen anzugucken.

Unangenehm ist das trotzdem nicht, eher wirkt sie, als wolle sie eine Traditionslinie aufleben lassen: die der Berliner Göre. Sie ist, so scheint es, in Abwehrstellung gegen blöde Fragen. Warum erzählen, was jeder kapieren muss, der lesen kann. Wie ein Panoptikum der Verhaltensstrategien gegenüber Eltern entfalten sich in «Der längste Tag» in fünf Abschnitten die Lebensentwürfe der fünf erwachsenen Kinder von Paul Kadereit, dem Reptilien-Freak.

Sylvia, die Angepasste. Bennie, der Berliner Boheme, entlassener Journalist, Prototyp des Berliner Medienproletariats. Er könnte genau hier, am Helmholtzplatz wohnen. David, Provinzschauspieler. Anna, die Psychologin, die auch mit einem Psychologen verheiratet ist und eine so genannte aufgeklärte Beziehung führt, mit psychologischen Manierismen. Und schließlich Thomas, der in der kalifornischen Wüste in einem Motorhome auf einem Flugzeugfriedhof esoterischen Neigungen nachgeht.

Tanja Dückers fühlt sich berufen, diese Generation zu verteidigen, auch wenn die im Buch nicht unbedingt gut wegkommt, gerade die Boheme-Brüder David und Bennie, der Schauspieler und arbeitslose Journalist. Sie leben ihr Off-Leben wie eine Parodie, fast ein wenig leidenschaftslos. Da bekommt der emotionsunfähige Vater, von dem sie sich emanzipieren wollten, fast eine Tiefe, denn er ist wenigstens mit ganzer Hingabe von seinen Terrarien ergriffen. Stimmt das? Nein, es ist so, wie die «taz» schrieb: «Es überwiegt der Eindruck, dass Dückers' Geschichten zuerst irgendwie leer sind und auf den zweiten Blick etwas Komisches, Kaputtes oder Tieftrauriges haben.»

In «Der längste Tag» ist das wieder so. Da ist das Boheme-Leben der beiden Brüder in Wahrheit eine unspaßige Angelegenheit um Anerkennung oder einfach nur ums materielle Überleben in Zeiten ökonomischer Krise. Da wird das sorgsam liberal inszenierte, durchdachte Leben des Psychologen-Ehepaars in Wahrheit zur fragilen Angelegenheit, ständig am Rand der Hysterie. In Wahrheit tragen die Kinder das Autistische des Vaters weiter, aber in einer coolen umgedeuteten Form.

Dückers gelingen die Psychogramme der Charaktere nicht immer, besonders bei Anna, der Psychologin mit der «Frauengruppe», lauert das Klischee. Das überaus gelungene Zentrum des Buches ist aber die Geschichte von Thommy, der mit seinem Sohn in der kalifornischen Wüste lebt. Fast scheint es, als sei seine Flucht aus der Beziehungswüste der Familie in der realen Wüste geendet. «German Weltflucht» nennt Tanja Dückers das. Den Begriff hat sie erfunden. «Thommy lebt die ungelebten Wünsche seines Vaters aus. Der jüngste Sohn ist nun da und findet dort Landschaft, die keineswegs der zurechtgerückten Welt seines Vaters gleicht. Es ist eine Form von Ernüchterung, er lebt den Traum und begegnet der Ernüchterung dieses Traums.» Sagt Dückers.

Am Fenster ziehen die Kinderwagenschieber vorbei, Dückers nippt an der Mandelmilch. Sie psychologisiert gern, manchmal zu viel, dann wird es etwas überladen. Sogar die deutsche Philosophie zieht sie heran: «Thommy zog sich schon in seine eigene Welt zurück und Thommys Sohn lebt auch schon zurückgezogen. So pflanzt sich die Weltflucht über mehrere Generationen fort. Weltflucht das ist ein sehr deutscher Zug, der sich auch in der Literatur und Philosophie zeigt. Das hat mich interessiert und das wollte ich mit Figuren beleben und deutlich machen.»

Sagt Dückers ganz ernst, mit ihren lustigen Zöpfen. Deutsche Philosophie?
Das mag sein. Aber in Wahrheit ist das egal. Es ist egal, solange Dückers Sätze glücken wie: «Das Hässliche war ihm heilig gewesen, das Leere war nicht leer, sondern einfach ein Raum für ihn selber. Ausgefüllt mit seinen Träumen und Gedanken. Nie war die Wüste leer gewesen.» Das sagt Thommy in der Wüste, im Motorhome zwischen Flugzeugfriedhof und Müll. Es ist ein Satz von großem Trost. Wie Dückers darauf gekommen ist und was es bedeutet – egal. Draußen am Helmholtzplatz ziehen immer noch die jung-bürgerlichen Kinderwagenschieber vorbei, denen ins Gesicht geschrieben steht, dass sie sich so ganz anders, so viel besser als ihre Eltern fühlen. Ihr entkommt nicht, denke ich plötzlich.

Tanja Dückers: Der längste Tag des Jahres, Aufbau, 213 Seiten, 18,90 Euro (erscheint am 16. März 2006)

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