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Hermann Kurzke
Im Zweifel für Gott
14. Dez 2005 15:15

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Foto: Bücher Magazin
»Wir brauchen Gott – unabhängig davon, ob es ihn gibt«, antwortet der renommierte Thomas-Mann-Biograf Professor Hermann Kurzke auf die größte aller Fragen.

Ein Interview von Konrad Lischka, Bücher-Magazin

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Gut eine Million Besucher beim Weltjugendtag, die Bild-Volksbibel nach wenigen Wochen ausverkauft – Zeichen neuer Frömmigkeit. Über diese Sehnsucht nach Gott diskutiert Hermann Kurzke (62, Germanistik-Professor in Mainz, Autor der Standardbiografie »Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk«) in seinem neuen Buch »Unglaubensgespräche« mit dem zweifelnden Atheisten Jacques Wirion. Fast hätte Kurzke ihn überzeugt. Sie einigen sich so: »Die Wahrheit liegt in der Mitte: zwischen zwei Menschen, die aufeinander zugehen.« Ein Gespräch über das Opium des Volkes.

Wann haben Sie zuletzt an Gott gezweifelt?

Ständig. Der Kopf zweifelt, das Herz nicht. Intellektuell gibt es natürlich viele Einwände.

Zum Beispiel?

Es ist eine nahe liegende These, dass Gott eine Projektion der menschlichen Mängel ist, eine Kompensation, ein vollkommenes Wesen, das alles hat, was uns fehlt. Und am Satz von Gott als dem Opium des Volkes ist auch etwas Richtiges.

Wenn Gott nur in unserer Vorstellung existiert – entwertet ihn das?

Nein. Diese Projektion ist doch trotzdem wirksam, die Menschen arbeiten ständig an ihr und mit ihr, sie hilft uns zu leben. Ich möchte, dass die Intellektuellen aufhören, auf der Gottesvorstellung herumzutrampeln, als hätten sie etwas Besseres. Der Gottesbegriff ist eine wichtige Kulturleistung. Wir brauchen Gott – unabhängig davon, ob es ihn wirklich gibt.

Warum? Wir Menschen brauchen Gott, weil … angesichts des Todes alles, was wir tun, wertlos ist. Man will da in irgendeiner Form eine Antwort, eine Hilfe haben. Wir brauchen Gott auch, um mit der Zufälligkeit des Lebens fertig zu werden. Wir brauchen Erklärungen, wir können nicht damit leben, dass das Leben ein Chaos von grundlosen Zufällen ist. Wir brauchen eine Kultur des Umgangs mit dem Leben und dem Tod.

Haben Sie schon einmal Gott in der Not um Hilfe gebeten?

Ja, zweifellos.

Und?

Man darf nicht erwarten, dass die Hilfe direkt kommt. Und wenn doch sofort etwas Gutes passiert, sage ich als Intellektueller: Das ist wie beim Horoskop, wenn etwas Passendes eintritt, merkt man es sich, wenn nicht, vergisst man es. So kann es auch zu Erfolgsstorys bei Gottesanrufungen kommen. Aber darum geht es überhaupt nicht.

Sondern?

Darum, dass man eine Instanz hat, mit der man sich beredet. Das Gespräch mit Gott hat auch immer die Funktion, die eigene Identität zu finden und zu stabilisieren. Zweifellos ist Gott nicht einer, der jeden Tag eingreift und mir meine Sachen erledigt. Gott ist eher ein Vorzeichen vor dem Ganzen der Welt.

Danach sehnen die Menschen sich. Die Papstwahl war das größte Medienereignis des Jahres … Ja, das sind alles Zeichen für eine neue Sehnsucht nach Gott, zweifellos. Und ich glaube, dass beide Kirchen auf diesem Strom großartig schwimmen könnten. Wenn sie das erkennen würden, begabte Leute hätten, diesen Prozess etwas zivilisieren und kultivieren würden. Denn, was da heute hochkommt, ist ja eine sehr wildwüchsige Religiosität. Eine Religiosität, die bereit ist, alles Mögliche einzusaugen – indianische Medizinmänner, Tarotkarten, Voodoo-Zauber, indische Kulte. Die Leute suchen überall.

Wenn Liturgie Theater ist, wie Sie schreiben, warum dann christliches, nicht etwa buddhistisches Theater?

Weil sich für uns diese Frage nicht stellt. Wir leben in unserem Kulturkreis in der christlichen Tradition und können nur stark in ihr sein. Ich würde umgekehrt auch jedem Buddhisten mit Lessings Worten aus der Ringparabel sagen: Bring die Kraft deines Ringes an den Tag. Nicht: Werde Christ.

Wann waren Sie zuletzt in der Kirche?

Vorigen Sonntag. Zufällig in einem evangelischen Gottesdienst, obwohl ich katholisch bin. Ich bin leider mit meiner Heimatgemeinde nicht sehr zufrieden. Da ärgere ich mich fast jedes Mal über irgendetwas, über die Predigt, über die Lieder, die ausgesucht werden. Sie haben dort eine unselige Faszination für Maria Luise Thurmair. Deswegen gehe ich regelmäßig unregelmäßig woanders hin. Ich hätte gern einen festen Bezug, aber das kriege ich nicht hin. Das stört mich.

Warum?

Weil es Heimat nur da gibt, in der althergebrachten Kirche. Man kann Kirche nicht selbst erzeugen. Es gibt ein Bedürfnis, welches die alten Kirchen leider oft nicht mehr erfüllen. Doch auch neue, kleine Gemeinschaften können nicht das bieten, was eine jahrhundertealte, traditionsgesättigte Institution bieten kann.

Glaube braucht Tradition?

Das Ich allein, sei es noch so klug, ist schwach. Es findet das Bergende nicht aus eigener Kraft. Tradition ist nötig, um den Intellekt zu entlasten.
Intellektualität ist andererseits nötig, um Tradition zu prüfen und zu reinigen. Tradition und Intellektualität sind kommunizierende Röhren. Menschen bedürfen dringend der Stütze der Tradition. Sie gibt Modelle, sie entlastet mich, weil ich nicht mehr alles selbst ausdenken muss. Ihre Entscheidungen stets mündig und souverän zu treffen: Das schaffen die Menschen nicht, das ist eine maßlose Überforderung.

Die schönste Idee des Christentums?

Vielleicht die Gnade. Zur Gnade gehört immer das Unverdiente, das Geschenk.
Gutes erfahren, Liebe erfahren. Bei vielem, was ich tue, habe ich das Gefühl, dass ich es nicht selbst gemacht habe, dass ich es bekommen, geschenkt bekommen habe.

Das größte Missverständnis über das Christentum?

Ist auch eines im Christentum selbst: Gott als jemanden zu verstehen, der einen Haufen Gesetze aufstellt, die man dann befolgen muss, um nur dann in den Himmel zu kommen. Das glaube ich nicht. Gott ist immer größer als alles, was wir uns vorstellen. Wenn, dann ist er ein Schenkender, ein Verzeihender, einer, der uns aufnimmt. Ich habe deshalb auch große Probleme mit einer ewigen Verdammnis. Die kann es meiner Meinung nach nicht geben. Der Mensch ist etwas durch und durch Relatives – er kann nichts Absolutes tun. Selbst die größten Verbrechen haben Voraussetzungen, die sie vor einem allerhöchsten Gerichtshof verzeihlich machen müssten. Ewige Verdammnis für immer zeitlich gebundene Handlungen – das scheint mir nicht denkbar.

Ihr Bild von Gott?

Nach all den Erfahrungen, die ich im Laufe meines Lebens damit gemacht habe, nach allen intellektuellen Versuchen und Versuchungen komme ich jetzt zu einem eher persönlichen Gottesbild zurück. Es ähnelt vielleicht dem Bild eines Vaters, mit dem ich mein Leben be-spreche, dem ich mich einschlafend anvertraue, an den ich morgens denke. Wobei es mir inzwischen egal ist, ob ich mich mit einer Projektion unterhalte oder mit einem persönlichen Gott, der tatsächlich hinter dieser Projektion steckt. Wer das entscheiden will, überhebt sich. Die Wahrheitsfrage an sich und als absolute können wir nicht beantworten, das hat schon Kant gesagt. Und ich glaube, da hat er Recht.

Wann haben Sie zuletzt Gott gespürt?

Dazu bin ich viel zu kritisch, mir das zuzuschreiben. Die Frage möchte ich gern Gott selbst überlassen, ob er in dem ist, was ich lebe, fühle und denke. Dass er dort ist, dass er die Seele dessen ist, darauf kann ich nur hoffen.

Hermann Kurzke, Jacques Wirion: Unglaubensgespräch. Vom Nutzen und Nachteil der Religion für das Leben, C.H. Beck, 280 Seiten, 22,90 Euro

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