Gerhart Richter hat längst einen festen Platz im Kanon der wichtigsten deutschen Nachkriegskünstler. Er gilt als akribischer und genauer Arbeiter, die herausragende handwerkliche Qualität seiner Malerei fällt vor allem bei seinen fotorealistischen Arbeiten sofort ins Auge. Der Künstler ist aber auch durch seine abrupten Stilwechsel bekannt geworden und durch die historischen Bezüge in seinem Werk, so etwa bei dem in Schwarz-Weiß gemalten Zyklus zur RAF. Nicht ins Visier des Künstlers geriet indes seine Lebens- und Familiengeschichte, der sich nun der Journalist Jürgen Schreiber angenommen hat.
Der Autor ist gar der Meinung, durch diesen biografischen Zugang das Geheimnis hinter Richters Bildern entschlüsselt zu haben. Die Wege von Opfern und Tätern verflechten sich, so Schreiber, auf gespenstische Art und Weise. Sein früherer Schwiegervater Dr. Heinrich Eufinger ist ein Nazi der ersten Stunde, seine Tante Marianne ein Opfer der NS-Psychiatrie. Sie wurde im Alter von 21 Jahren zwangssterilisiert und schließlich ein Opfer des Euthanasieprogramms.
Eufinger, in dessen Tochter Ema der unwissende Richter sich später verliebt, wird in der DDR und danach in der Bundesrepublik wieder ein hochgeachteter Mediziner. In seiner biografischen Studie versucht Schreiber nachzuweisen, wie sich diese Zusammenhänge auf Gerhart Richter ausgewirkt und schließlich auch seine Kunst beeinflusst haben.
Jürgen Schreiber gilt als einer der profiliertesten investigativen Journalisten aus Deutschland. Er hat für die «Stuttgarter Zeitung», die «Frankfurter Rundschau» und das «SZ-Magazin» gearbeitet und für seine Reportagen den Theodor-Wolff-Preis erhalten. Momentan ist Schreiber Chefreporter beim Berliner «Tagesspiegel». (nz)