Jung, schön, aber «underfucked»  |  Cover-Detail | | Foto: PR |
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Nachdem Benjamin Berton in «Wildlinge» drei pubertierende Jungen in der französischen Provinz porträtierte, nimmt er in seinem neuen Roman «Am Pool» das hohle Gehabe junger vergnügungssüchtiger Führungskräfte aufs Korn.
Von Franziska ZwergEléonore Caribou arbeitet als Wirtschaftsprüferin bei Ernst & Young, ist 27 Jahre alt, ledig und überarbeitet. Auch wenn es in ihrer Firma als unschicklich gilt, kurzfristig Urlaub zu beantragen, geht sie das Risiko ein und gewinnt ein paar freie Tage, die sie mit ihrem Ex-Freund Julien und seinen Freunden im Haus seines Vaters an der Côte d’Azur verbringen will. Dort ist sie unter ihresgleichen: Juliens Freunde, aufstrebende Jungkarrieristen, erholen sich für ein paar Tage am Pool, lassen sich in der Sonne braten und konsumieren dabei Alkohol und Drogen. Sie ist der einzige Single dort, alle anderen treten paarweise auf. Ihr Ex-Freund Julien stellt ihr seine Verlobte Sylvie vor, was ihn allerdings nicht daran hindert, Eléonore sexuelle Avancen zu machen.
Koks und Ratespiele Eléonore hat ihren Körper gründlich auf den Kurzurlaub vorbereitet – Markencremes darauf verteilt, Pickel entfernt, die Achseln epiliert. Denn am Pool kommt es darauf an. Man wird taxiert nach Body Mass Index sowie Größe und Form sekundärer Geschlechtsmerkmale. Das Leben hangelt sich entlang an Markenbewusstsein und den Verlautbarungen von Hochglanzjournalen, das Allgemeinwissen am Horizont von «Trivial Pursuit». Geld ist das Mittel, um sich frei in dieser Welt zu bewegen, und §solange man einen Gegenwert dafür bekommt, ist es keine Schande zu schuften«.Doch Eléonore hat ein Problem: Sie ist bedingt durch ihr Singledasein schon seit Monaten «underfucked», und dieser Mangel lässt sich auch nicht durch irgendwen aus der Poolgesellschaft beheben.
Der Liquidator als Märchenprinz Eléonores Leidensdruck wird so groß, dass sie sogar versucht, ihre «Nachfolgerin» Sylvie mit Scheuerpulver zu vergiften, das sie ihr heimlich in den Cocktail rührt. Doch dann kommt die Rettung – «der letzte Märchenprinz». Wir lernen den natürlich ebenfalls durchtrainierten, standesgemäßen Firmenliquidator Aurousseau von der Banque Rothschild zu Beginn des Romans dabei kennen, wie er routiniert, mit Sachverstand und Brutalität den Chef eines Sägewerks in Bourg entmachtet. Fast hätten wir ihn über die Poolgeschichten vergessen, als er kurz vor Ende des Romans wieder auftaucht und der Autor darüber räsoniert, dass es für Eléonore nun wirklich höchste Zeit sei, mal «richtig durchgenommen» zu werden. Sie und Aurousseau haben sich kurz zuvor zufällig zum zweiten Mal am selben Tag getroffen und sind beim Spaziergang in eine Wohltätigkeitsparty geraten, die einer Apokalypse gleicht: Promis lassen sich zum Wohle aidskranker Kinder mit Champagner volllaufen, diese toben mit Geschwüren und Grind übersät inmitten der Feiernden, und als Höhepunkt des Abends ist eine pornografische Orgie vorgesehen. Am Strand, abseits der Party, vollzieht Aurousseau an Eléonore den ersehnten Geschlechtsakt, der nicht minder brutal ausfällt, um danach prinzengleich in den Fluten des Meeres zu verschwinden. Für die anderen Urlauber am Pool war diese Nacht hingegen glücklos. Julien hat einen Verkehrsunfall verursacht, Sylvie ist querschnittsgelähmt, und Eléonore denkt daran, was sie nun mit ihrem Ex-Geliebten alles anstellen wird, während sie am Himmel einen bunten Werbezeppelin vorbei ziehen sieht: DAS LEBEN IST SCHÖN (endlich auf Video).
Eléonore ist nicht zu retten Berton zeigt in seinem Roman ein Bild gesellschaftlicher und privater Zustände, wie er sie in der sozialen Schicht der Caribous sieht. Man kann sich die Bedürfnisse eines Menschen kaum reduzierter vorstellen, und der Abgrund, der sich dabei auftut, könnte kaum größer sein. Im Anhang zum Roman befinden sich Lebensläufe der Protagonisten – natürlich als tabellarisches bewerbungstaugliches Curriculum Vitae – sowie einige Grafiken zur Lebenszufriedenheit leitender Angestellter. Als Faktoren, die darauf Einfluss nehmen, sind hier beispielsweise Partys am Wochenende, sexuelle Beziehungen am Arbeitsplatz, Höhe des Einkommens und Besuch von Restaurants mit exotischer Küche genannt. Doch die Glückssucher mit hohem Einkommen und kongruent dazu steigendem Maß an Freiheit (so wie sie sie verstehen) bewegen sich in einer monströsen Welt, die sie statistisch längst verplant hat und ihnen diktiert, welche Maßstäbe sie an sich anzulegen haben. Die Sonne am Pool verbrennt ihnen die Haut, nur ihre materielle Sicherheit strahlt Wärme ab. Auch Drogen, Yoga-Übungen oder die Flucht in einen Kurzurlaub können hier nichts ausrichten: Eléonore kann in ihrem Gefängnis der Einsamkeit nur durch kurze animalische Exzesse Glück empfinden. Fühlbar brodelt unter der dünnen Schicht des gemeinschaftlichen Arrangements die blanke Gewalt, die sich jederzeit zu entladen droht. »Am Pool« ist ein finsteres Buch der Abgründe, fesselnd geschrieben und von Hinrich Schmidt-Henkel glänzend übersetzt.
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Benjamin Berton: Am Pool. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel Köln: DuMont Literatur und Kunstverlag 2006 267 Seiten, 19,90 Euro.
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