Hyosung 650: Koreaner präsentieren überzeugendes Mittelklasse-Motorrad
Einer eingehenden Betrachtung hält dies jedoch nicht stand. Denn sämtliche Komponenten inklusive des Motors entwickelte die Hyosung-Entwicklungsabteilung kurioserweise in Japan beheimatet in Eigenregie. Produziert wird die Naked im heimischen Korea, der günstigen Fertigungskosten wegen. Damit kopiert Hyosung die japanischen Hersteller gleich im doppelten Sinne: Zum einen das Produkt, zum anderen die Taktik, mit der diese vor Jahrzehnten ihre Weltstellung eroberten!
Bei der Rahmenkonstruktion, der Geometrie, USD-Gabel und Doppelscheiben-Bremsanlage zeigen sich weitere starke Ähnlichkeiten. Und als sei das noch nicht genug, scheinen die in Gelb, Schwarz oder Blau erhältlichen Kunststoffteile vom gleichen Zulieferer zu stammen: Die Ergonomie ähnelt dem Vorbild haargenau und schafft auf Anhieb das gleiche Vertrauen erweckende Gefühl. Nur der Name auf dem Tank verrät die Herkunft vom asiatischen Festland. Zuverlässig wie das Original startet die Naked auf den kleinsten Knopfdruck. Geradezu auffordernd kräftig klingt der Motor aus dem rechtsseitigen Endschalldämpfer übrigens per Sekundärluftsystem der Euro-2-Norm genügend.
Den Punch im Keller haben die Ingenieure offenbar der höheren Spitze geopfert, was nicht nur der Drehmomentverlauf mit einem Maximum bei hohen 7500 U/min nahe legt. Oben herum wird der Vau nicht zäh, sondern gibt sich selbst knapp vor der 9000er-Redline noch quicklebendig und drehfreudig. So erscheint die angegebene Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h durchaus realistisch. Einhergehend machen sich deutliche Vibrationen bemerkbar, die sich mit zunehmender Laufleistung eventuell geben. Das dürfte für die hakelige Sechsgangbox nicht zutreffen, die sich durch einen zu kurzen Schaltausleger außerdem nur unpräzise und schwer schalten lässt. Das ist bereits aufgefallen und könnte alsbald durch einen längeren Hebel ausgemerzt sein.
Weniger Kritik muss das Fahrwerk einstecken, das ein leichtes, agiles Handling bei tadelloser Stabilität ermöglicht, gerade so, wie es sich Einsteiger vermutlich wünschen trotz des insgesamt rund zwölf Kilo höheren Fahrzeuggewichts gegenüber einer SV. «Brillant» wäre für den ersten Fahreindruck allerdings mächtig übertrieben, doch das hat sicherlich niemand erwartet. Etwas zu unsensibel gehen Gabel und Federbein mit Schlaglöchern um, doch bieten beide dank der Dämpfungs-Verstellmöglichkeiten noch Feintuning-Optionen. Insgesamt benimmt sich die Naked selbst auf kaltem und rutschigem Asphalt manierlich, gut unterstützt von den Pirelli Diablo-Pneus in moderater Dimensionierung auf klassenüblichen 17-Zoll-Felgen im Fünfspeichen-Design.
Ob die 650er aus Korea als ernst zu nehmender Konkurrent im Haifischbecken Mittelklasse-Motorräder auftaucht? Noch haben Suzuki SV 650, Ducati Monster 620 und Cagiva Raptor 650 das stimmigere und man höre und staune individuellere Paket geschnürt. Doch kommt erst einmal der Preis ins Spiel, dürfte so mancher Interessent schwach werden.

