29.07.2005
Herausgeber: netzeitung.de
BMW kämpft um Vertrauen der Kunden
Das Integral ABS von BMW steht in der Kritik: Bei Fahrsicherheitstrainings war es zum Ausfall des Bremskraftverstärkers gekommen. Doch selbst die Restbremsfunktion reicht aus, das Motorrad sicher zum Stehen zu bringen.
Jeder Fall, in dem es zu Problemen mit dem Bremssystem kommt, ist ein Fall zu viel. Das räumt Herbert Diess unumwunden ein. Die zurückliegenden Wochen waren für den Motorrad-Chef von BMW und seine Mitarbeiter aufreibend. Fast täglich war der 46 Jahre alte Manager konfrontiert mit Negativschlagzeilen um das Teilintegral-ABS an BMW-Motorrädern.
Rückkehr zur SachlichkeitUnter Extrembedingungen war es in einigen wenigen Fällen zum Ausfall des elektrohydraulischen Bremskraftverstärkers und damit des ABS gekommen. Der Grund dafür liegt in einem Abfall der Bordspannung bei Stop-and-Go-Verkehr mit extremer Bremsbetätigung im Regelbereich. Einer Situation also, wie sie bei Fahrsicherheitstrainings vorkommt. «Doch im Straßenverkehr schließen wir ein solches Vorkommnis aus», sagte Diess im Fahrer-Trainings-Zentrum (FTZ) am Münchner-Flughafen. Dorthin hat BMW eine Gruppe von Journalisten geladen, um sie über die Leistungsfähigkeit des Teilintegral-ABS zu informieren. «Mit dieser Maßnahme wollen wir die Diskussion auf eine sachliche Ebene zurückführen.»
Einen Absatzrückgang aufgrund der Berichterstattung über Probleme am Integral-ABS hat BMW Motorrad bisher nicht zu verzeichnen gehabt, sagt Diess. Doch eine Vielzahl von Kunden ist verunsichert. Daran ändert auch das Ergebnis einer Umfrage des ADAC nicht, die Diess präsentierte: Danach haben 99,9 Prozent aller Befragten Motorradfahrer einer BMW noch nie Probleme mit dem ABS gehabt. «Dennoch werden wir unsere technischen Anstrengungen erhöhen, um auch besonders kritische Kunden zufrieden zu stellen.»
Arbeit am NachfolgesystemsSo arbeitet BMW bereits seit geraumer Zeit an einem Nachfolgesystem. Auch bei dem neuen System wird das Unternehmen - gegen das die Staatsanwaltschaft München I nach wie vor wegen Gefährdung der Straßenverkehrssicherheit ermittelt - an der Teilintegral-Bremse festhalten. Ob das Nachfolgesystem jedoch erneut über einen Bremskraftverstärker verfügen wird, bleibt abzuwarten. Eine konkrete Aussage war dazu weder von Diess noch von Entwicklungsleiter Peter Müller zu erhalten. So viel scheint jedoch sicher: Sollte es andere technische Lösungen als den Bremskraftverstärker geben, wird man wohl darauf zurückgreifen.
Doch solange es die nicht gibt, müssen sich die Kunden mit dem seit 2001 auf dem Markt befindlichen Integral ABS zufrieden geben. Ein System, das dem Fahrer einen kurzen Bremsweg bei einem optimalen Regelverhalten bei einer ABS-Bremsung auf den unterschiedlichsten Fahrbahnzuständen bieten soll - und bietet. Das zeigten die Bremstests von drei unterschiedlichen Fahrern - zwei kamen vom TÜV, einer von BMW - im FTZ. Dabei demonstrierte das erfahrene Fahrer-Trio auf einer K 1200 R zunächst auf trockener Fahrbahn, wie die Maschinen mit ABS, ohne ABS und mit der Restbremsfunktion aus Tempo 80 km/h zum Stillstand gebracht werden.
Mit ABS stoppte die Maschine erwartungsgemäß problemlos, blieb absolut spurstabil. Ohne ABS kam die Maschine zwar auch - je nach Fahrer - bei rund 25 bis 27 Metern zum Stehen, doch dabei kam es zum Blockieren und einem Ausbrechen des Hinterrades. Mit der Restbremsfunktion konnte - und das dürfte für die viele derzeit verunsicherte Fahrer von Bedeutung sein - eine ähnliche Bremsleistung wie ohne ABS-Funktion erzielt werden. «Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass BMW beim Test Maschinen des Baujahres 2005 verwendet hat. Mit Blick darauf muss man festhalten, dass seit 2001 die Leistung der Restbremse um bis zu einem Viertel verbessert wurde, also bis zu 50 Newton», sagte ADAC-Motorradexperte Ruprecht Müller.
«Unsere Grundbremse bietet dem Fahrer die gleichen Bremsleistungen wie eine andere normale Motorradbremse», sagt Entwicklungsleiter Müller. Diese Feststellung hat bei BMW vor dem Hintergrund der Negativschlagzeilen der zurückliegenden Wochen auch zu einer neuen Sprachregelung geführt. Man spricht nicht mehr von Restbremse, sondern von Grundbremse. Sieht man von dieser neuen Sprachregelung einmal ab, zeigte der Test eines klar auf: Die Restbremsfunktion bietet dem Fahrer ausreichende Bremsleistungen, um damit sicher zum Stillstand zu kommen.
Keine SchrecksekundeAllerdings waren die Fahrer darauf vorbereitet, dass ihnen nur noch die Restbremsfunktion zur Verfügung steht und sie bei der Betätigung des Handbremshebels einen längeren Hebelweg beziehungsweise einen größeren Druck ausüben müssen. Ein Umstand, der in einer Notsituation für einen ungeübten Fahrer zu einem Problem werden kann, selbst wenn er durch eine Kontrolllampe über den ABS-Ausfall informiert wird. Deshalb weist BMW in der Betriebsanleitung mit Blick auf die besonderen Bedingungen des Fahrsicherheitstrainings darauf hin, auf vielmaliges Bremsen im Regelbereich ohne eine dazwischen liegende längere Fahrtstrecke zu verzichten. «Um es noch einmal deutlich zu sagen: Die besonderen Bedingungen eines Fahrsicherheitstrainings sind nicht auf den Straßenverkehr übertragbar», beruhigt Peter Müller besorgte Fahrer. Dennoch hat sich BMW entschieden, für 260.000 Fahrer mit einem ABS der dritten Generation einen kostenlosen Systemcheck anzubieten. Durch ein Auslesen des Fehlerspeichers erhofft man sich weitere Erkenntnisse zu dem aufgetretenen Problem.
Für den ADAC-Experten Ruprecht Müller ist es aufgrund der «Anfälligkeit des komplexen BMW-Bremssystems» wichtig, dass sich Motorradfahrer mit der Restbremsfunktion vertraut machen. «Sie sollen auf einem abgesperrten Gelände oder bei einem Sicherheitstraining bei Tempo 50 einfach mal die Zündung ausschalten, um dann vorsichtig mit der Restbremse zu bremsen, um sich auf eine solche Situation einzustellen», so Ruprecht Müller. Zugleich rät Müller, eine ABS-Bremse - übrigens nicht nur das Teilintegral ABS von BMW - wie eine ganz normale Motorradbremse zu bedienen. «Ruppiges Bremsen sollte man auch mit ABS vermeiden.» Aus der Umfrage des ADAC geht übrigens hervor, dass es in bis zu 80 Fällen unter normalen Bedingungen des Straßenverkehrs zu einem Ausfall des Bremskraftverstärkers gekommen ist. «Es gibt jedoch keinen Fall, wo es zu einem Ausfall des gesamten Bremssystems gekommen ist.»
Für problematisch erachtet es Ruprecht Müller, wenn BMW sagt, dass die Auslegung des Integral ABS für die Gegebenheiten der öffentlichen Straße erfolgt ist und keine Optimierung für einen bestimmten Einsatzzweck wie Rennstreckenbetrieb gegeben ist. «Einen solchen Hinweis gibt es unseres Wissens bei keinem anderen Hersteller. Damit schließt BMW den Einsatz bei extrem sportlicher Fahrweise weitgehend aus.«
Eines steht jedoch schon jetzt fest: Das von BMW angebotene Integral ABS ist ein Sicherheitsfeature, auf das kein Fahrer verzichten sollte. Wie BMW-Testfahrer Hans-Albert Wagner zum Abschluss der Demonstration auf einer R 1200 GS zeigte, sind die Vorteile des Systems überwältigend. Während er mit ABS problemlos zum Stand kam, hob das Hinterrad bei ausgeschaltetem System gefährlich weit ab. Hätte Wagner die Vorderradbremse nicht geöffnet, wäre ein Überschlag die Folge gewesen. Bereits nach 0,3 bis 0,5 Sekunden kann ein blockierendes Hinterrad zum Sturz führen. Mit ABS kommt es jedoch gar nicht erst zu einer solchen Situation.