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BMW-Motorradchef Diess garantiert
für die Sicherheit des Bremssystems

19. Jul 2005 10:00
BMW-Motorradchef Herbert Diess
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Trotz anhaltender Kritik am Integral ABS hält BMW sein Bremssystem für sicher. Bereits vor dem angekündigten Systemcheck könne man für «die Sicherheit der Systeme eintreten», sagte Motorradchef Herbert Diess der Netzeitung.

Zur Person:
Herbert Diess ist seit dem 1. Februar 2003 Leiter des Geschäftsbereichs Motorrad bei BMW. Der 46-Jährige studierte Maschinenbau an der TU München und promovierte dort 1987 zum Dr.-Ing. Vor seinem Amtsantritt war der Manager von der BMW Group mit der Leitung des Werkes Oxford betraut.
BMW steht wegen Problemen am Integral ABS an seinen Motorrädern seit Wochen in der Kritik. Die Staatsanwaltschaft in München ermittelt gegen den Konzern aufgrund einer Strafanzeige wegen Gefährdung der Straßenverkehrssicherheit. Dass am Ende der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen das ganze Bremssystems in Frage gestellt sein könnte, glaubt BMW-Motorradchef Herbert Diess nicht. «Nein, davon gehen wir nicht aus, da unser System allen Anforderungen entspricht und das derzeit beste System ist, das es am Markt gibt», sagte Diess der Netzeitung.

«Keine Gefährdung des Verkehrs»

Mehr in der Netzeitung:
Eine Gefährdung der Straßenverkehrssicherheit durch die mit dem Integral ABS fahrenden BMW-Motorräder schließt Diess kategorisch aus. «Es gab zwei Vorfälle bei Sicherheitstrainings des ADAC. Bei diesen zwei Fällen kam es zu einem Ausfall der ABS-Funktion. Wir sind uns jedoch sicher, dass diese Ausfälle wirklich nur unter den besonderen Umständen eines Fahrsicherheitstrainings auftauchen», sagte der BMW-Motorradchef. «Ich bin sicher, dass diese Ausfälle im Straßenverkehr nicht vorkommen und wir kennen bis heute auch keinen einzigen Fall.»

Dass BMW bei einem Nachfolgesystem auf den in der Kritik stehenden Bremskraftverstärker verzichtet, wollte Diess nicht ausschließen. «Wir sind uns sicher, dass der Ansatz Integral-Bremse für BMW und unsere Motorräder der richtige ist. In wie weit der technologische Fortschritt uns Möglichkeiten zu anderen Lösungen gibt als die bisher verfolgte, werden die weiteren Entwicklungsschritte zeigen.» Mit Blick auf den kostenlosen Systemcheck der Bremsen, den BMW 260.000 Fahrern anbietet, hofft Diess auf eine große Beteiligung. «Ich hoffe, dass es möglichst viele sind, da der Systemcheck uns auch noch einmal die zusätzliche Möglichkeit gibt, durch das Auslesen des Fehlerspeichers einen Überblick über den Zustand des Systems zu erlangen.» Nach dem Check könne man den Kunden garantieren, «dass das System sich in einem optimalen Wartungszustand befindet. Und wir können auch jetzt für die Sicherheit der Systeme eintreten, da sie ständig von unserem Qualitätsmanagement überwacht werden».

«System kontinuierlich optimiert«

Netzeitung: Herr Diess, der ADAC hatte BMW bereits im September des zurückliegenden Jahres über Funktionsstörungen am Integral ABS informiert. Doch erst jetzt haben Sie sich entschlossen, einen kostenlosen Systemcheck anzubieten. Hätten Sie mit Blick auf die Sicherheit der Kunden nicht viel eher reagieren müssen?

Herbert Diess: Wir haben zu dem Thema ABS seit dem Produktionsbeginn 2001 eine Reihe von Rückmeldungen unserer Kunden erhalten. Im Rahmen der Modellpflege haben wir kontinuierlich seit 2001 Optimierungen am System durchgeführt. Unsere Maßnahmen haben also nichts mit einer Aktion des ADAC zu tun.

Netzeitung: Hätten Sie nicht spätestens aufgrund dieses Schreibens des ADAC, mit dem Sie über Funktionsstörungen am Integral ABS bei Fahrsicherheitstrainings informiert worden sind, hellhörig werden müssen und entsprechende Maßnahmen einleiten müssen?

Diess: Es gab zwei Vorfälle bei Sicherheitstrainings des ADAC. Bei diesen zwei Fällen kam es zu einem Ausfall der ABS-Funktion. Wir sind uns jedoch sicher, dass diese Ausfälle wirklich nur unter den besonderen Umständen eines Fahrsicherheitstrainings auftauchen.

Diese Ausfälle kommen nur durch eine sehr harte und wiederholte äußerst schnelle Betätigung der ABS-Bremse zustande und dann auch nur in Kombination mit einer ungewöhnlich stark geschwächten Spannungsversorgung.. Ich bin sicher, dass diese Ausfälle im Straßenverkehr nicht vorkommen und wir kennen bis heute auch keinen einzigen Fall. Deshalb haben wir uns entschieden, in unserer Betriebsanleitung darauf hinzuweisen, dass bei Fahrsicherheitstrainings nur eine bestimmte Anzahl von Wiederholungen zulässig sind. Zudem haben wir die Organisatoren von Fahrsicherheitstrainings darauf hingewiesen, dass sie die Anweisungen der Betriebsanleitung berücksichtigen sollen.

Netzeitung: Was macht Sie da so sicher, schließlich beklagt eine Vielzahl von Fahrern einen Ausfall der ABS-Funktion? So dürften schnelle Bergabfahrten durchaus vergleichbar der Situation eines Fahrsicherheitstrainings sein.

Diess: Den beschriebenen Ausfall der ABS-Regelung beim ADAC können wir – so zeigen unsere Untersuchungen – wirklich nur in Einzelfällen bei Fahrsicherheitstrainings feststellen. Die speziellen technischen Randbedingungen sind auf der Straße schlicht nicht gegeben.

Man darf das auch nicht verwechseln, die Hauptdiskussion dreht sich um den Ausfall der Servounterstützung. Wenn das ABS-System einen Fehler feststellt, dann geht das System zurück in die vorgesehene Sicherheitsebene. Hier wirkt dann eine rein mechanisch-hydraulische Bremse. Und gerade diese Sicherheitsbremse steht bei einigen Fahrern in der Kritik, weil sie nach einer stärkeren Betätigung des Bremshebels verlangt. Doch nach unserem Datenmaterial ist es noch nie zu einem Ausfall der Sicherheitsbremse gekommen.

»Nehmen Bersorgnis der Kunden ernst«

Netzeitung: Machen Sie es sich nicht zu einfach, wenn man die festgestellten Funktionsstörungen nicht als technischen Ausfall einstuft, sondern als etwas, was auf Akzeptanzschwierigkeiten der Kunden zurückzuführen ist?


Diess: Nein, das sagen wir ja nicht. Seit Einführung des Systems im Frühjahr 2001 gibt es eine Reihe von Kunden, die sich gemeldet haben und mit dem Bremssystem nicht zufrieden waren. Das sind aber natürlich nicht alles Fehlfunktionen oder gar Ausfälle. Nach unserem heutigen Kenntnisstand gab es die Einzelfälle beim ADAC, da haben wir umgehend reagiert. Und es gab eine Anzahl von Rückfällen in die Sicherheitsebene, dabei aber keine ernsten Unfälle. Wir nehmen die Besorgnis der Kunden selbstverständlich ernst, deshalb bieten wir jetzt an, alle Fahrzeuge einer kostenlosen Bremsuntersuchung zuzuführen. In dieser Untersuchung wird das Bremssystem genau getestet und auf seinen Wartungszustand hin überprüft.

»Integral ABS hat Vorteile«

Netzeitung: Wenn Sie sagen, dass Sie die Probleme der Kunden nicht auf Akzeptanzschwierigkeiten mit dem System zurückführen, dann ist das nicht korrekt. Schließlich wurde genau dies in der Antwort von BMW an den ADAC getan. Muss eine Bremse nicht in jeder Situation so funktionieren, wie es der Fahrer gewohnt ist?

Diess: Unser Integral ABS-System hat eine Reihe von Vorteilen. So bietet es eine optimale Bremskraftverteilung zwischen Vorder- und Hinterrad. Das ist das beste System, das es für die Stabilität eines Motorrades während des Bremsvorganges überhaupt gibt. Unabhängige Tests bestätigen uns immer wieder, dass wir sowohl auf trockener als auch nasser Fahrbahn zu den kürzesten Bremswegen gelangen, auch bei Soziusbetrieb. Zudem bietet unser System einen Schutz vor einem Überschlag, so dass dem Fahrer die größten Sicherheitsreserven geboten werden...

Netzeitung: ...durch den Ausfall des Bremskraftverstärkers entsteht aber ein längerer Hebelweg, der den Fahrer in Notsituationen durchaus vor arge Probleme stellen kann...

Diess: ...auch hier haben wir auf die Diskussionen beim Rückfall in die Restbremsfunktion reagiert und bei neuen Modellen, wo es möglich war, Modifikationen durchgeführt. Das jetzt plötzlich diese stärkere Kritik an diesem System zutage tritt, liegt an zwei, drei Einzelfällen, über die in den Medien besonders stark berichtet wurde.

Netzeitung: In einer früheren Veröffentlichung war von circa 20 Fällen zu lesen, bei denen es zu einem Ausfall des Bremskraftverstärkers gekommen ist. Stellen Sie sich vor diesem Hintergrund nicht die Frage nach dem Sinn dieses Systems?

Diess: In der Summe glauben wir nach wie vor, dass der Bremskraftverstärker auch für den weniger geübten Fahrer die optimalen Verzögerungswerte zulässt. Von der Systemkonzeption liegen wir richtig, doch natürlich müssen wir bei Weiterentwicklungen beziehungsweise Nachfolgesystemen diesen Punkt im Auge haben. Jeder Fall, in dem das System nicht perfekt funktioniert, ist ein Fall zuviel.

Netzeitung: Werden Sie bei Nachfolgesystemen am Bremskraftverstärker festhalten, da andere Hersteller auch ohne dieses System und ohne Ausfälle beachtliche Bremsleistungen erzielen?

Diess: Wir sind uns sicher, dass der Ansatz Integral-Bremse für BMW und unsere Motorräder der richtige ist. In wie weit der technologische Fortschritte uns Möglichkeiten zu anderen Lösungen gibt als die bisher verfolgte, werden die weiteren Entwicklungsschritte zeigen.

»Arbeiten an Nachfolgessystem

Netzeitung: Wann ist mit einem Nachfolgesystem zu rechnen?

Diess: Wir arbeiten daran. Wir werden sicherlich in den nächsten Jahren ein Nachfolgesystem vorstellen, über konkrete Termine möchten wir noch nicht sprechen.

Netzeitung: Herr Kahlenberg, der Leiter Qualitätsmanagement bei BMW, hatte in einer internen Mail festgestellt, dass die Komplexität des Bremssystems unbefriedigend und eine Fehlerfreiheit der gesamten Produktion nicht sicherzustellen sei. Hat eine solche Aussage Sie überhaupt nicht beunruhigt?

Diess: Nein, diese Aussage hat mich nicht beunruhigt, weil ein Chef der Qualitätssicherung gehalten ist, sehr, sehr kritisch zu sein und auf kontinuierliche Verbesserung zu drängen. Jede andere Aussage eines Qualitätssicherungschefs hätte mich besorgter gemacht.

Netzeitung: Wäre die logische Konsequenz aus einer solchen Mail nicht gewesen, einen Rückruf zu starten?

Diess: In keiner Weise. Die Kritik eines Qualitätschefs muss intern in dieser Form formuliert sein, wie es Herr Kahlenberg getan hat.

«Keine Gefährdung des Straßenverkehrs»

Netzeitung: Können Sie nach Ihrem jetzigen Kenntnisstand eine Gefährdung des Straßenverkehrs durch das Integral ABS ausschließen?

Diess: Ja!

Netzeitung: Sie schreiben jetzt 260.000 Fahrer von BMW-Motorrädern mit Integral ABS an, die zu einem Systemcheck aufgefordert werden. Können Sie den Kunden nach diesem Check garantieren, dass das System einwandfrei funktioniert?

Diess: Wir können nach diesem Check garantieren, dass das System sich in einem optimalen Wartungszustand befindet. Und wir können auch jetzt für die Sicherheit der Systeme eintreten, da sie ständig von unserem Qualitätsmanagement überwacht werden. Das System ist von allen Behörden geprüft und zertifiziert.

Netzeitung: Wie viele Fahrer werden sich Ihrer Meinung nach dem Systemcheck unterziehen?

Diess: Ich hoffe, dass es möglichst viele sind, da der Systemcheck uns eine auch noch einmal die zusätzliche Möglichkeit gibt, durch das Auslesen des Fehlerspeichers einen Überblick über den Zustand des Systems zu erlangen.

«Gehen von keinen Unfällen aus»

Netzeitung: Was geschieht, wenn trotz des Systemchecks wegen Bremsproblemen ein Unfall passiert, liegt die Verantwortung dann beim Kunden?

Diess: Wir gehen von keinen Unfällen aus.

Netzeitung: Der ADAC begrüßt den Systemcheck, ist jedoch an dem Prüfverfahren interessiert, das so angelegt sein müsse, dass die Bauteile erkannt und ausgetauscht werden können, die zu den Problemen führen. Ist das gewährleistet?

Diess: Ja, davon können Sie ausgehen.

Netzeitung: Die Staatsanwaltschaft München ermittelt seit geraumer Zeit aufgrund einer Anzeige gegen BMW wegen Gefährdung der Straßenverkehrssicherheit. Wird am Ende der Ermittlungen das gesamte BMW-Bremssystem in Frage gestellt sein?

Diess: Nein, davon gehen wir nicht aus, da unser System allen Anforderungen entspricht und das derzeit beste System ist, das es am Markt gibt. BMW ist der Pionier beim Motorrad-ABS und wir sind stolz darauf, dass wir durch die Einführung des ABS dazu beigetragen haben, kritische Situationen und schwere Unfälle zu vermeiden, die es ohne ABS sicherlich gegeben hätte. Wir werden auch weiterhin bei der ABS-Entwicklung eine Vorreiterrolle spielen.

Das Interview mit Herbert Diess führte Frank Mertens

 
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