Ferrari 612 Scaglietti: Schwarze Schönheit
26.10.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Es gibt nicht viele Hersteller, die in der heutigen Zeit noch einen Gran Tourismo bauen können. Die meisten versuchen es längst nicht mehr. Bentley, Aston Martin, Mercedes-Benz und BMW - die Liste der klassischen 2+2-Sitzer unserer Zeit ist alles andere als lang. Dabei sind diese Luxuslimousinen mit zwei meist mächtig dimensionierten Türen für viele die Krone der automobilen Baukunst. Einmal mehr, wenn sie eine derart perfekte Symbiose zwischen Eleganz und Sportlichkeit wie ein Ferrari 612 Scaglietti bilden.
Der 612 Scaglietti ist einer der schönsten Ferraris überhaupt. Er reiht sich ein in eine GT-Historie von 250 GT, 365 GT oder den 400ern. Doch selbst Traditionalisten sollten ehrlich sein. Gab es schon einmal einen GT, der schöner war? Man kann trefflich darüber streiten, ob man dem 612er seine fahrdynamischen Qualitäten auf den ersten Blick ansehen kann.
Der Ferrari 612 ist eine Fahrmaschine, gerade in Verbindung mit der optional erhältlichen F1-Schaltung. Mit dem Rennsportgetriebe, Karbon-Bremsen, Sportfahrwerk und ebensolcher Auspuffanlage kennt die Fahrdynamik hinter dem griffigen Formel-Steuer kaum Grenzen. Die einen mögen den Sound des Zwölfenders als zu laut empfinden. Der gemeine Ferrari-Interessent vernimmt ihn als akustisches Lockmittel, was zumeist das Zücken der Brieftasche nach sich zieht.
Wer es darauf anlegt und die italienischen Rösser unter der endlos langen Motorhaube trampeln lässt, erlebt sein automobiles Weltwunder. Vom Stand bis auf Tempo 100 vergehen kaum mehr als vier Sekunden. Wer allein die Zahlen liest, weiß kaum, ob das nun schnell oder langsam schien. Daher am besten nochmals die Start-Prozedur.
Wer die Zügel locker lässt und über die metallenen Schaltpaddel geschickt die Fahrstufen einlegt, fühlt die Formel-1-Atmophäre erst beim dritten oder vierten Anlauf. Dazu ist nicht einmal das Ausfahren der versprochenen 320 km/h Spitzengeschwindigkeit nötig.
Der schwere Zwölfzylinder liegt hinter der Vorderachse - auch ein Grund weshalb der Innenraum alles andere als üppig dimensioniert erscheint. Das Getriebe liegt zielgerichtet im Heck. Zusammen mit der Aluminiumkarosserie sorgt das für eine Gewichtsverteilung von 54 Prozent an der Hinterachse. Ein Garant dafür, dass die satte Motorleistung nicht im Nirwana verpufft und sich erst auf der Straße entlädt. Einlenkverhalten, Geradeauslauf und Bremsvermögen genügen höchsten Ansprüchen.
Schalter und Bedienelemente hat man bei deutlich preiswerteren Fahrzeugen aus dem Fiat-Konzern mehr als einmal gesehen. Die Lenkstockhebel haben in einem Ferrari nun wirklich nichts zu suchen. Da schauert es jeden Mittelklasse-Chauffeur. Dazu ein Radio-Navigationssystem aus dem Hause Becker. Mehr als einen wenig charismatischen Ferrari-Schriftzug gibt es nicht. Ein übersichtlicher Bildschirm - Fehlanzeige.
Ein entsprechender Kontrakt mit einigen Tankstellenbetreibern wäre ebenfalls ganz im Sinne des Fahrers. Mit 25 Litern pro 100 Kilometern sollte man durchschnittlich kalkulieren. Dabei geht es mehr um das nervige Nachtanken, denn um die Benzinkosten. Die interessieren bei einem Basispreis von 221.100 Euro wahrhaft niemanden. Mit der ein oder anderen motorsportlichen Annehmlichkeit geht der Ferrari 612er für mindestens 240.000 Euro aus den elitären Showrooms der oberen Zehntausend.

