Dunkle Aussichten für Lancia
Viele traditionsreiche Marken gerieten in den vergangenen Jahrzehnten ins Trudeln. Simca, Talbot, Datsun oder zuletzt Rover und MG. Zumeist hatte kaum jemand befürchtet, dass derartige Traditionsmarken einmal in den automobilen Jagdgründen verschwinden würden. Ein ähnlicher Abstieg könnte Lancia drohen, die seit Jahren nichts nennenswertes auf die Beine bringen.
Auch der szenige Minivan Musa als chicer Zwillingsbruder des Fiat Idea war kein schlechter Ansatz - klappte aber ebenso wenig wie der luxuriöse Lancia Phedra, der im Eurovan-Quartett ebenfalls kaum in Erscheinung trat.
Bei vielen Fiat-Autohäusern sind die Lancia-Modelle sogar schon aus den Schauräumen verschwunden. Rund 80 Prozent der gerade noch 120.000 pro Jahr produzierten Neuwagen werden derzeit im Heimatland Italien verkauft. Der Großteil fällt auch hier auf den kleinen Lancia Ypsilon.
Den letzten Golf-Konkurrenten, den die erfolglosen Lancia-Verantwortlichen ins Rennen schickten, war der Delta. Er war europaweit nicht gerade ein Megaseller, hatte aber durch seine jahrelangen Erfolge im Rallyesport einen Ruf wie Donnerhall. Das Design war kantig, einzigartig und gewöhnungsbedürftig, doch jeder wusste, dass ein Delta Integrale HF auf der Straße mit Allradantrieb und Leistung satt zur grandiosen Spaßmaschine mutierte. Zuvor hatte Lancia im regelmäßigen Rhythmus wunderschöne und oftmals sogar charismatische Fahrzeuge hervorgebracht. Bestes Beispiel die Limousinen aus der Aurelia-Reihe oder der Fulvia aus den 60ern, der als Retro-Studie auf der IAA jüngst für viel Aufsehen sorgte.
Überraschenderweise tritt der HPE (steht für High Performance Estate) zwei Klassen höher als in den 80er Jahren an. Der Neue macht mit einer Gesamtlänge von rund 4,50 Metern und bevorzugten Dieselmotoren bis 200 PS auf Crossover-Lifestyle-Kombi. Das ist zuletzt schon beim größeren Fiat Croma mächtig in die Hose gegangen. Der Lancia Delta HPE ist elegant wie eh und je und soll mit einem gleichermaßen luxuriösen wie businessähnlichen Innenraumkonzept überzeugen. Alles schon einmal gehört würde sich wohl auch der legendäre Firmengründer Vincenzo Lancia denken.
Bleibt daher abzuwarten, wie sich Lancia als unscheinbarste Fiat-Marke in den nächsten Jahren entwickeln wird. Mit einem Ausblick auf einen sportlichen Fulvia und einen szenetauglichen Delta HPE ist es kaum getan. Es ist das Konzept, das nach wie vor große Lücken aufweist. Denn eines gilt es nicht zu vergessen: Schönheit allein reicht eben schon lange nicht mehr. Wer weiß das besser als eine Marke wie Lancia?

