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Erst pusten, dann starten

06. Apr 2005 09:14

Johannes Lagois zeigt das Messgerät.
Foto: nz/flehmer
Über 800 Verkehrsteilnehmer sterben jährlich bei Unfällen unter Alkoholeinfluss. Eine Wegfahrsperre soll alkoholauffällige Autofahrer schon vor Fahrtbeginn stoppen.
Ein Atemalkohol-Messgerät soll die Zahl der Verkehrstoten bei Unfällen mit Alkohol weiter senken. Der Bund gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr (B.A.D.S.) hat am Rande der Automobilausstellung Ami in Leipzig Chancen für die Einführung einer Wegfahrsperre für alkoholauffällige Kraftfahrer diskutiert. «Alkohol ist ein gesellschaftliches Problem. Wegen der vielen Autofahrer in Deutschland somit auch ein verkehrstechnisches Problem», sagte Erhard Oehm, Vizepräsident des ADAC, nach der Sitzung. Geleitet worden war sie von Generalbundesanwalt Kay Nehm.

Über 10.000 Schwerverletzte pro Jahr

Rund 12 Prozent aller Verkehrstoten sterben in Deutschland bei Unfällen unter Alkoholeinfluss. 2003 mussten 817 Menschen ihr Leben lassen, 10.000 Menschen überlebten den Unfall schwer verletzt. Zwar ist die Zahl der Toten von 3.641 vor 30 Jahren um mehr als ein Drittel gesunken, doch glaubt der B.A.D.S., dass mit Einführung des so genannten Interlock-Systems die Zahl der Verkehrstoten weiter sinken könnte.

Der Autofahrer muss, bevor er das Auto starten kann, sich einem Atemtest mit dem Messgerät unterziehen. Überschreitet dabei der gemessene Wert die eine vorher eingestellte Promillegrenze, schaltet das mit der Zündung verbundene Messgerät eine elektronische Wegfahrsperre ein. Der alkoholisierte Fahrer kann den Wagen nicht starten.

Modellversuch in Greifswald

Allerdings sind dem System rechtliche Grenzen gesetzt. «Die rechtlichen Möglichkeiten lassen keinen Einbau in jedes Auto zu», sagte Heinz Schöch von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2001 sei immerhin der Einbau des rund 1500 Euro teuren Interlock wenigstens auf freiwilliger Basis möglich. Der Jurist setzt sich dafür ein, dass wenigstens bei der Rückgabe der Fahrerlaubnis ein Gerät installiert werden müsse, um Wiederholungen zu vermeiden. «Ein Modellversuch ist jetzt in Greifswald gestartet worden», so Schöch.

Dabei betont Wolf-Rüdiger Nickel von der Gesellschaft für Verkehrspsychologie, dass der Einsatz des Gerätes nicht ausreiche. Das Messgerät habe einen gewissen Abschreckungseffekt. «Doch sowie ich das Gerät deinstalliere, fällt dieser Effekt sofort weg», so Nickel. Er fordert daher eine weitgehende psychologische Begleitung, um diese Effekte so weit wie möglich zu senken.

Manipulationen möglich

Doch gerade diese Gefahr lässt sich nur schwer dämmen. Durchschnittlich wird jeder Fahrer erst nach dem 3000. Mal Fahren mit Alkohol im Blut erwischt. «Da taucht die Problematik auf, dass ein normaler Kraftfahrer die Fahrt unter Alkohol immer noch als Belohnung ansieht, wenn er nicht erwischt wird», so Nehm.

Doch nicht nur erst beim Ausbau des Messgerätes sind Manipulationen möglich. «Das Gerät kann nicht erkennen, ob nun der Fahrer oder der Beifahrer pustet», sagt Johannes Lagois von der das Gerät anbietenden Firma Dräger Safety aus Lübeck. Allerdings schiebt der Physiker hinterher, dass der dann nicht alkoholisierte Beifahrer sich wohl kaum von einem angetrunkenen oder betrunkenen Fahrer nach Hause bringen lassen würde. Und auch kleiner Kinder könnten nicht zum Test gezwungen werden, da das Messgerät sehr viel Puste fordert.

Lagois verweist zugleich darauf, dass in Ländern wie Schweden oder den USA, in denen diese Geräte bereits rechtlich zugleassen sind, «Manipulationen kaum versucht würden».

124.000 Verkehrssünder

So fordert Nehm, dass «das erhebliche Potenzial der Wegfahrsperre auch genutzt werden sollte» und plädiert ebenfalls für rechtliche Grundlagen. Der Bedarf in Deutschland ist vorhanden. 2002 mussten rund 124.000 Verkehrsteilnehmer den Führerschein nach Fahren unter Alkoholeinfluss abgeben.



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