Unfallverhütung:
Auf der letzen Reise
20.06.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Sie eignet sich kaum noch, wie einst im Schlager besungen, zum Marschieren. Noch ist sie trotz ihrer Naturnähe eine besonders gute Adresse für romantische Gefühle. Auf der Landstraße, dort wo sich die Mehrzahl der Autofahrer im Vergleich mit allen anderen Verkehrswegen angeblich am sichersten fühlt, lauert am ehesten der Tod. 61 Prozent aller Verkehrstoten hauchen hier zuletzt ihr Leben aus, fünf Mal mehr als auf der mit größeren Ängsten behafteten Autobahn. Und er, der den besonderen Liebreiz der Landstraße ausmacht, ist zugleich die eigentliche Todes-Ursache: der Baum.
Auch wenn immer mehr Autos ihren Crashtest mit fünf Sternen absolvieren, bleibt Sicherheit in diesem Moment eine Illusion. Denn der EuroNCAP schreibt für den Test nur eine Aufprallgeschwindigkeit von 23 km/h vor. «In der Realität», sagt Dekra-Unfallexperte Jörg Ahlgrimm, «ist die Aufprallgeschwindigkeit oft mehr als doppelt so hoch.» Das schon, wenn sich die Fahrer an eine vorgeschriebene Reisegeschwindigkeit von 80 km/h hielten. «Bei der Kollision mit einem Baum wird die gesamte Aufprallenergie auf eine kleine Fahrzeugfläche konzentriert», erklärt Ahlgrimm. Dafür sei kein Auto konstruiert. Erst recht nicht, wenn der Aufprall mit dem Dach nach einem Überschlag oder mit der Seite nach einem Schleudermanöver erfolgt. Nach oben und zur Seite gibt es keine Knautschzonen.
Rechnet man die Unfallzahlen des vergangenen Jahres hoch, waren solche Szenen aus anderer Perspektive für etwa 900 Unfallopfer die letzten ihres Lebens. Die Möglichkeiten dagegen wirksam etwas zu tun sind nicht unbegrenzt. Zum einen sind es vor allem junge Fahrer, wie man auch an den unübersehbaren Holzkreuzen ablesen kann, die derart von der Fahrbahn abkommen. Wie Ahlgrimm es sieht, fehlt ihnen oft noch die nötige Lebenserfahrung, um dem Augenblick gewachsen zu sein. Als Unfallforscher plädiert er deshalb dafür, dass sie mehr Fahrpraxis unter Anleitung erwerben können.
Aus Forschersicht hält er überdies die Zeit für gekommen und die technischen Mittel für ausgereift, Fahrzeuge mit einer Blackbox auszurüsten, die Fahrer- und Fahrzeugverhalten in kritischen Momenten aufzeichnet. Denn es gibt nach wie vor zu wenig Einblicke in die Umstände jenes Momentes, da Fahrer von der Landstraße abkommen.
Für mehr als ein Drittel der 2007 auf diesem Verkehrsweg Verunglückten stand «Abkommen von der Fahrbahn» im Unfallprotokoll. Augenblicksversagen, technische Mängel, Sekundenschlaf ... in vielen Fällen bleibt die Frage danach unbeantwortet. In Deutschland sind 2008 knapp 4500 Menschen im Straßenverkehr ums Leben gekommen.

