Passat im Wandel der Zeit:
Von der Raupe zum Schmetterling
01.02.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Der erste Griff geht ins Leere. So sehr man auch zwischen Sitz und B-Säule herumtastet: Sicherheitsgurte sucht man vergebens. Als der in kräftigem Leuchtorange lackierte Passat LS im Jahr 1973 vom Band rollte, waren die Lebensretter noch nicht verpflichtend. Kinder tobten sorglos auf der Rückbank herum, und Papa kurbelte an einem spindeldürren Volant ohne Pralltopf. Dabei war der VW Typ 32, von Star-Designer Giugiaro quasi als Zubrot zum Golf entworfen, ein Wolfsburger Quantensprung in Sachen Sicherheit, Komfort und Raumgefühl.
Noch heute lässt sich der knapp 900 Kilo leichte Senior, der mit seiner Lackierung im Straßenverkehr wie eine Leuchtboje wirkt, angenehm ruhig durch die Kurven zirkeln. Beim Rangieren stört die fehlende Servounterstützung kaum, und mit einem Wendekreis von 10,5 Metern ist der 4,2 Meter lange Wagen überraschend handlich. Seite an Seite mit seinem Urenkel Passat CC fallen vor allem die 13-Zoll-Räderchen auf. Solche Formate findet man heutzutage höchstens noch bei japanischen Zwergenautos.
9060 D-Mark kostete das Basismodell mit 55 PS im Jahr 1973. Den Preis des 54 PS starken 1600 L hatte VW auf 9030 Mark angehoben, um der Kundschaft den Umstieg vom Nasenbär auf den Passat schmackhaft zu machen. Später kam eine echte Fließhecklimousine mit großer Heckklappe dazu sowie die Kombiversion Variant, die allerdings nur rund ein Fünftel der Gesamtproduktion des Ur-Passat ausmachte.
Dennoch sieht man heute zwar noch den ein oder anderen Golf I, aber so gut wie keinen Ur-Passat mehr auf der Straße. Als Brot-und-Butter-Auto und Lastesel wurde er meist zu Tode geknechtet. In der von der Ölkrise besonders gebeutelten USA schlug sich der Passat unter dem Namen Volkswagen Dasher gar nicht mal schlecht, und in Brasilien wurde der Wagen sogar noch bis 1988 gebaut acht Jahre nach dem Start der zweiten Modellgeneration und mit einer Audi-Front versehen.
Da ist die Fahrt schneeweißen CC natürlich ein Zeitsprung in eine andere Welt: Wie in einem Mini-Phaeton gleitet man dahin und wird von der Cockpit-Landschaft wie von einem Kokon umschlossen. Schon der Basismotor bringt 160 Pferdestärken mit und ist mit durchschnittlich 7,6 Litern Verbrauch sparsamer unterwegs als der Ur-Passat mit 75 PS und 10 Litern. All der Komfort und Sicherheitsgewinn, den der Wagen in den letzten 35 Jahren angehäuft hat, fordert aber seinen Tribut: Eine gute halbe Tonne Gewicht trennt das leuchtorangene Passat-Coupé von seinem Urenkel.

