Yamaha XT 660 Z Tenere:
Wüstes Jubiläum
Machen wir es kurz und halten uns an die unter Motorradfahrern geläufige Bezeichnung: Statt des ausschweifenden Typennamens Yamaha XT 660 Z Tenere nennen wir die neue einzylindrige Reiseenduro des japanischen Herstellers einfach Tenere. Da ist er also wieder, jener legendäre Name, der seit Anfang der Achtziger ganze Heerscharen von zweiradelnden Abenteurern zu elektrisieren wusste Tenere, das klingt nach Wüste, fernen Ländern und der Einsamkeit schier unendlicher Weiten, abenteuerliche Erlebnisse inklusive.
Angenehmen Dauerbetrieb ermöglicht der erstaunliche Windschutz des Vorbaus, der nahezu jeglichen Winddruck vom Sonnenschild des Endurohelms nimmt. Hintern und Hüfte sehen sich gut abgestützt, doch der mangelnde Bewegungsraum stört Freigeister. Das gilt aber nur für die sitzende Fahrt. Im Stehen über Stock, Stein und Wüstensand stellt sich schnell Rallye-Feeling ein, selbst Normalgroße kommen gut an den Lenker und genießen dank der schmalen Taille guten Knieschluss.
So pflügen selbst Fahrer mit wenig Offroadkenntnis leicht und locker über Schotterpisten und fühlen sich ein bisschen wie Dakar-Helden, zumindest so lange, bis sie in tiefes Geläuf geraten. Für richtige Sandfelder sind die straßenorientierten Pneus vom Schlage eines Michelin Anakee eben nicht gemacht, trotz der geländetauglichen Dimensionierung mit großem 21-Zoll-Rad vorn.
Wie schwer das wirklich ist, spürt man erst beim Aufheben. Dann merkt man auch, wie sinnvoll die eher unschönen grauen Plastik-Protektoren an Tank und Seitenverkleidung sind: Beim Sturz schützen diese die wertvollen Bauteile wie Tank, Krümmer und Motorenperipherie vor Bodenkontakt, die paar Kratzer auf den vergleichsweise schnell und günstig ausgewechselten Kunststoff-Formteilen verleihen sogar noch Patina.
Wieder zurück auf befestigtem Terrain wirkt der Geselle nicht mehr ganz so souverän. Über 5500 U/min, bei denen eigentlich das maximale Drehmoment von 58 Nm greifen sollte, wirkt er fad und beginnt trotz Ausgleichswelle mit zunehmenden Vibrationen zu nerven. Über die verschlungenen Asphaltpfade Südmarokkos flitzt die Yamaha durchaus stabil mit ansprechender Präzision, infolge der geringen Bewegungsmöglichkeiten will sie jedoch mit etwas Körpereinsatz durch Wechselkurven geführt werden. Dem passionierten Weltenbummler wird diese Dynamik schon etwas zuviel des Guten sein, deshalb hat die aktuelle Tenere eine zweite Bremsscheibe spendiert bekommen des stärkeren Motors und des höheren Gewichts wegen. Deren Wirkung geht im Großen und Ganzen in Ordnung, allerdings agiert das Doppel vergleichsweise verhalten und defensiv auf den Zug am Bremshebel. Auf Schotter ist das aber auch besser so.
Verglichen mit dem gelungenen Rest sind dies jedoch Kleinigkeiten, die niemanden davon abhalten werden, sich mit der neuen Tenere auf Weltreise zu begeben. Angesichts des maßvollen Preises von knapp 7000 Euro dürften aber auch solche Motorradfahrer zur Yamaha kommen, die sich für eine Wüstenflair-Reiseenduro für mitteleuropäischen Asphalt interessieren.

