Against all Enemies: 

netzeitung.deUSA spielen ein Spiel, dessen Regeln sie nicht kennen

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Mudschaheddin in Afghanistan (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Mudschaheddin in Afghanistan
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Als die Sowjets sich aus Afghanistan zurückzogen, gab es ein neues Spiel: die Amerikaner nannten es «Kampf für die Freiheit». Die Spieler selbst nannten es Dschihad - finanziert wurde es von den USA.

Von Anjana Shrivastava

«Der militärische Geheimdienst Pakistans, finanziert von Amerikanern, der saudischen Regierung und sogenannten Wohltätigkeitsorganisationen, hat Stammesangehörige, wie wir sie aus dem 19. Jahrhundert kennen, und viele tausend arabische Freiwillige in eine Streitmacht verwandelt. Diese hat schließlich sogar die mächtige rote Armee an den Krückstock gebracht. Die Stinger - eine kleine Bodenluftrakete, die auf der Schulter getragen wird – gab schließlich den Ausschlag für den Erfolg dieser Kämpfer«, schreibt Clarke über die Ereignisse in Afghanistan und Reagans Rolle darin.

Aber bereits mit dem Rückzug der Sowjets, erscheinen Clarke die Defizite der Amerikaner in Zentralasien gravierend zu sein: Die Abhängigkeit von fremden Geheimdiensten, begründet durch einen schwerwiegenden Mangel an Sprachkenntnissen. Clarke berichtet von zwei Ereignissen, aus der Zeit, als er unter Ronald Reagan Ministerialrat im staatlichen Geheimdienstministerium war und die er für verdeckte Aktionen des KGB hält, gleichsam Abschiedsgesten der scheidenden Besetzter: eine Explosion in Rawalpindi, wo das Hauptquartier und Waffenlager des CIA und das des pakistanischen Geheimdienstes für Operationen in Afghanistan untergebracht war. Zum anderen, Monate später, der Tod des höchstqualifizierten amerikanischen Diplomaten im Nahen Osten, der in einem Flugzeugunfall gemeinsam mit dem pakistanischen militärischen Machthaber ums Leben kam.

Verlust der Illusionen
»In den folgenden Jahren stolperten wir im Mittleren Osten von einer Krise in die nächste, und manche von uns fragten sich gelegentlich, was geschehen wäre, wenn Arnold Raphel nicht in diesem Flugzeug gesessen hätte. Zwar verfügte die amerikanische Regierung über eine Menge von hochkompetenten Sowjetunionexperten, aber nur wenige Führungsoffiziere, die Urdu und Farsi sprachen und auch die Macht hatten, etwas in Washington zu bewegen.«

Nachdem die Amerikaner Afghanistan sehr schnell verlassen hatten – ganz so, als seien sie, mehr noch als die Sowjets, besiegt worden – wurde die Politik in Zentralasien auf die billige Tour weitergeführt: mit einem bevollmächtigten Geheimdienst, der ein Auge auf die ehemals bevollmächtigten Kämpfer werfen sollte. So wie die Diktaturen der arabischen Welt die wirkliche Bedeutung des Falls der Sowjetunion nicht begriffen hatten, dachten auch die Vereinigten Staaten nicht viel über das eigentliche Wesen der kämpfenden Statthalter nach, die sie zurückgelassen hatten. Die Amerikaner sahen nicht, wie sich das Feld für Zentralasiatische Gotteskrieger weitete, weil diese Leute über Jahrzehnte von ihrer Heimat und Geschichte entfremdet worden waren und außerdem keine Illusionen mehr in Bezug auf ihre eigenen Eliten hegten, die in der Mehrheit als bürokratische Marionetten der Sowjets funktionierten.

Ein radikalisiertes, reiches Kind
Ein generelles Interesse an diesen Dingen hätte zu einem besseren Verständnis davon führen können, was auf den ersten Blick als einfache Gespräche beim Tee in Kabul, Jalalabad oder Kandahar in den Jahren nach 1989 erschienen war. Zu dieser Zeit begann sich der »Freiheitskämpfer« bin Laden Gedanken darüber zu machen, wozu diese eigentlich altertümlichen Stammesangehörigen in der Lage sein würden, wenn man sie mit Stingers ausstatten würde, und welche überraschenden Achillesversen bei anderen Supermächten als der Sowjetunion wohl zum Vorschein kommen würden.

Bin Ladens Leute dürften sich sicherlich beleidigt gefühlt haben, als die saudische Königsfamilie im Jahr 1990, nach der irakischen Invasion Kuweits nächtlichen Besuch bekam: von einer amerikanischen Delegation mit Clarke, Cheney und Wolfowitz. In den Tagen nach dieser Visite gab der saudische König in einem unförmlichen Statement zu verstehen, dass er bin Ladens abgerissene Kämpfer von nun an nicht mehr nötig habe. An diesem Punkt begann ein verbitterter bin Laden seine Karriere als Staatenloser. Der erste Golfkrieg trat eine ganze Lawine von Re-Islamisierungen los, wobei eines der zentralen Reizthemen die amerikanische Truppenpräsenz in Saudi-Arabien und somit die Protektion der heiligen Stätten Mekka und Medina war. Doch hielt der amerikanische Geheimdienst bin Laden 1990 lediglich für ein radikalisiertes reiches Kind. Es würde noch fünf Jahre dauern, bevor Washington begriff, was aus seinem ehemaligen Verbündeten geworden war.

Wer sind diese Typen?
Die Beamten des britischen Empires haben immer und auf hohem Niveau ihre staubigen Studien der orientalischen Sprachen betrieben, aber im Washington der Neunziger machten die neuen elektronischen Sprachen und ihre Bedeutung für die Landesverteidigung Geschichte. Richard Clarke staunt über die »Zauberer des FBI«, denen bereits in den ersten Tagen nach dem ersten Anschlag auf das World Trade Center von 1993 die erste Festnahme gelungen war. »Die forensischen Spezialisten des FBI gingen durch den zerstörten Keller des Gebäudes und stellten genau fest, an welchem Fahrzeugtyp die Bombe befestigt war. Dann waren wir in der Lage den gemieteten Truck zu identifizieren und seine Spur bis zu einer Konzessionsvergabe im nördlichen New Jersey nachzuverfolgen. Unglaublicherweise berichtete der Autoverleih, dass die Person, die den Wagen gemietet hatte, am nächsten Tag zurückkommen wollte, um die Anzahlung für den Wagen abzuholen, den er als gestohlen bezeichnete.« Seine Festnahme führte zu einer Liste weiterer Verdächtiger: mehrere Ägypter, ein Jordanier, ein Iraker und ein Pakistani.

Während diese wichtige erste Festnahme ebenso blitzschnell erschien wie die amerikanische Invasion des Iraks, dauerte der nächste Schritt quälend lange. Als die FBI mit der Liste der übrigen Namen zu ihm kam, fragte Clarke: »Ihr wisst also die Namen der Täter. Welche Gruppe ist das? Oder, um aus einem großen Film zu zitieren, wer sind diese Typen? Was wollt ihr mir erzählen«, fragt Clarke, »dass sich diese Jungs bei einem Straßenbasketballspiel am YMCA in Brooklyn oder in Jersey City getroffen haben, weil sie sich langweilten? Wollt ihr, dass ich das glaube?«

Yousef, Strippenzieher beim Muhabarat?
Schwere Fehler waren zu diesem Zeitpunkt bereits vorgefallen. Zwei der verdächtigten Männer, einschließlich Ramzi Yousef, hatten sich bereits im Vorjahr am New Yorker JFK-Flughafen ohne Pässe gezeigt: Einer von ihnen wurde verhaftet, weil er eine Anleitung mit dem Titel »Wie baue ich eine Bombe« bei sich trug, den anderen ließ man mit der Aufforderung laufen, sich zu einem späteren Zeitpunkt bei der Einwanderungsbehörde zu melden. 1995, also nur zwei Jahre später, deutete einiges darauf hin, dass sich Ramzy Yousef auf den Philippinen aufhielt.

Mittlerweile behaupteten neokonservative Experten in Amerika, dass der wirkliche »Ramzi Yousef« der terroristische Strippenzieher des irakischen Geheimdienstes Muhabarat gewesen sei. Nach dem Oklahoma-Attentat von 1995 gerieten Gerüchte über einen mysteriösen dunkelhäutigen Iraker in Umlauf, und das, obwohl die Terroristen in diesem Fall rechtsextreme weiße Anarchisten waren.

Erkundung des «Bin-Laden-Netzwerks»
Während der ersten Jahre der Clinton-Regierung war Osama bin Laden die einzige bekannte Verbindung zwischen verschiedenen Terroranschlägen. Daher fragten sich Clarke und Kollegen von der National Security Agency, Tony Lake and Sandy Berger, ob seine Rolle nicht größer war, als vorher angenommen. Hier begann die langandauernde und noch nicht beendete Jagd nach bin Laden, die die Ermittler zu allen strategischen Knotenpunkten des globalen Dschihadismus führte – von den Philippinen nach Bosnien, von Sudan nach Tschetschenien, durch ein Netzwerk von Geldtransaktionen und Waffenhandel, das arabische Veteranen in Afghanistan mit «Wohltätigkeitseinrichtungen» in London und Riad verband.

Nachdem bin Laden 1995 einen offenen Brief an die saudische Königsfamilie geschrieben hatte, in dem er die Präsenz von US-Truppen auf saudischem Boden verurteilte, drängte die Clinton-Regierung die CIA dazu, eine umherstreifende Aufklärungseinheit einzurichten, die sich nur der Erkundung des «Bin-Laden-Netzwerks» widmen sollte, wie die Regierung die Organisation nun nannte. Mittels Suchanzeigen auf Streichholzbriefchen, die - im Mittleren Osten und auf dem indischen Subkontinent verteilt - eine Belohnung von zwei Millionen Dollar für die Ergreifung von Ramzi Yussuf auslobten, wurde der Mann 1995 in Pakistan gefasst. Der Pakistani, der in Kuweit aufgewachsen war, war ein Teil der Terrorzelle, die schon 1993 versucht hatte, das World Trade Center zu sprengen.

Das große Kalifat
Als Osama bin Laden 1996 den Sudan für zu unsicher befand, um sich weiter dort aufzuhalten, kehrte er in die isolierten afghanischen Berge zurück. Zur selben Zeit desertierte einer seiner Mitstreiter und bat die USA um Schutz. Daraufhin konnten die Geheimdienste Stück für Stück das Bild eines Netzwerks von Schläferzellen zusammensetzen, die sich in 50 Ländern aufhalten. Die Regierung und auch Richard Clarke haben inzwischen gelernt, dass die Gruppe den Namen Al Qaeda, das Fundament, trägt: «Osama bin Laden, der Sohn eines Bauunternehmers, sah sein Netzwerk als den ersten Baustein an, als das notwendige Fundament für die Konstruktion einer globalen Theokratie, das große Kalifat.»

Das Weiße Haus entwickelte einen Entführungsplan, um bin Laden heimlich aus Afghanistan zu schaffen, und vor ein amerikanisches Gericht zu stellen. Doch die Idee wurde bereits im Stadium der Planung fallen gelassen, weil ein Angriff auf bin Ladens schwer bewachtes Camp das Leben der wenigen sprachkundigen CIA-Mitarbeiter gefährdet hätte. 1998 forderte bin Laden öffentlich jeden Muslim auf, Amerikaner überall auf der Welt zu töten, gleichzeitig erklärte er damit im Prinzip jeden Muslim zu seinem persönlichen Beschützer.

Ressourcen sparen – für Irak
Als die Bush-Regierung nach dem 11. September amerikanische Truppen zusammen mit alliierten Streitkräften Afghanistan besetzen ließ und das Regime der Taliban stürzte, dauerte es nicht lange, bis die Experten, die für die Suche nach bin Laden und seinem Mitstreiter Zawahiri nötig gewesen waren, abgezogen wurden. Die Spezialkräfte, die des Arabischen mächtig waren, wurden bereits im März 2002 wieder zurückbeordert. Man wollte sie für die Vorbereitungen des Krieges im Irak zur Verfügung haben, den die Regierung bereits plante.

Richard Clarke will dennoch nicht aufgeben, und setzt auf eine technologische Lösung. Er will mittels einer unbemannten Drone nach bin Laden suchen, doch Verteidigungsminister Rumsfeld plant bereits den größten Angriff, den es je mit Präzisionswaffen gegeben hat – auf «Ziele mit hohem Wert» in Irak.
Ein politisches System vom Kurs abgebracht
Doch wenn es um einen Präzisionskrieg geht, sind die Terroristen im Vorteil, denn sie haben die einfacheren Aufgaben. Die Agenten Al Qaidas hatten ihren zweiten Angriff auf das World Trade Center gestartet, nachdem sie systematisch Stewardessen und die schlecht bezahlten privaten Sicherheitsdienste auf amerikanischen Flughäfen beobachtet hatten. Sie waren dabei von der richtigen Annahme ausgegangen, dass sie mit diesem Angriff ein ganzes politisches System aus dem Gleichgewicht und vom Kurs abbringen würden.

Im Gegensatz dazu agiert die amerikanische Regierung in Zentralasien und im Mittleren Osten nun mit blindem Glauben an die eigenen Technologien. Sie handelt gleichsam im Dunkeln: ohne historisches Bewusstsein und ohne zu verstehen, was sie in Gang gesetzt hat, noch wie sie aus diesem Prozess wieder aussteigen kann. Für die Amerikaner gibt es kein Afghanistan, keine isolierten Bergregionen, in die man flüchten kann.

Richard A. Clarke: Against All Enemies: Inside America's War on Terror, Free Press 2004. 320 Seiten, 25,01 Euro. Die deutsche Übersetzung erscheint im Juni 2004 bei Hoffmann & Campe.

Der nächste Teil dieser Serie erscheint am kommenden Montag.