Against all Enemies:
USA spielen ein Spiel, dessen Regeln sie nicht kennen
«Der militärische Geheimdienst Pakistans, finanziert von Amerikanern, der saudischen Regierung und sogenannten Wohltätigkeitsorganisationen, hat Stammesangehörige, wie wir sie aus dem 19. Jahrhundert kennen, und viele tausend arabische Freiwillige in eine Streitmacht verwandelt. Diese hat schließlich sogar die mächtige rote Armee an den Krückstock gebracht. Die Stinger - eine kleine Bodenluftrakete, die auf der Schulter getragen wird gab schließlich den Ausschlag für den Erfolg dieser Kämpfer«, schreibt Clarke über die Ereignisse in Afghanistan und Reagans Rolle darin.
Aber bereits mit dem Rückzug der Sowjets, erscheinen Clarke die Defizite der Amerikaner in Zentralasien gravierend zu sein: Die Abhängigkeit von fremden Geheimdiensten, begründet durch einen schwerwiegenden Mangel an Sprachkenntnissen. Clarke berichtet von zwei Ereignissen, aus der Zeit, als er unter Ronald Reagan Ministerialrat im staatlichen Geheimdienstministerium war und die er für verdeckte Aktionen des KGB hält, gleichsam Abschiedsgesten der scheidenden Besetzter: eine Explosion in Rawalpindi, wo das Hauptquartier und Waffenlager des CIA und das des pakistanischen Geheimdienstes für Operationen in Afghanistan untergebracht war. Zum anderen, Monate später, der Tod des höchstqualifizierten amerikanischen Diplomaten im Nahen Osten, der in einem Flugzeugunfall gemeinsam mit dem pakistanischen militärischen Machthaber ums Leben kam.
Nachdem die Amerikaner Afghanistan sehr schnell verlassen hatten ganz so, als seien sie, mehr noch als die Sowjets, besiegt worden wurde die Politik in Zentralasien auf die billige Tour weitergeführt: mit einem bevollmächtigten Geheimdienst, der ein Auge auf die ehemals bevollmächtigten Kämpfer werfen sollte. So wie die Diktaturen der arabischen Welt die wirkliche Bedeutung des Falls der Sowjetunion nicht begriffen hatten, dachten auch die Vereinigten Staaten nicht viel über das eigentliche Wesen der kämpfenden Statthalter nach, die sie zurückgelassen hatten. Die Amerikaner sahen nicht, wie sich das Feld für Zentralasiatische Gotteskrieger weitete, weil diese Leute über Jahrzehnte von ihrer Heimat und Geschichte entfremdet worden waren und außerdem keine Illusionen mehr in Bezug auf ihre eigenen Eliten hegten, die in der Mehrheit als bürokratische Marionetten der Sowjets funktionierten.
Bin Ladens Leute dürften sich sicherlich beleidigt gefühlt haben, als die saudische Königsfamilie im Jahr 1990, nach der irakischen Invasion Kuweits nächtlichen Besuch bekam: von einer amerikanischen Delegation mit Clarke, Cheney und Wolfowitz. In den Tagen nach dieser Visite gab der saudische König in einem unförmlichen Statement zu verstehen, dass er bin Ladens abgerissene Kämpfer von nun an nicht mehr nötig habe. An diesem Punkt begann ein verbitterter bin Laden seine Karriere als Staatenloser. Der erste Golfkrieg trat eine ganze Lawine von Re-Islamisierungen los, wobei eines der zentralen Reizthemen die amerikanische Truppenpräsenz in Saudi-Arabien und somit die Protektion der heiligen Stätten Mekka und Medina war. Doch hielt der amerikanische Geheimdienst bin Laden 1990 lediglich für ein radikalisiertes reiches Kind. Es würde noch fünf Jahre dauern, bevor Washington begriff, was aus seinem ehemaligen Verbündeten geworden war.
Während diese wichtige erste Festnahme ebenso blitzschnell erschien wie die amerikanische Invasion des Iraks, dauerte der nächste Schritt quälend lange. Als die FBI mit der Liste der übrigen Namen zu ihm kam, fragte Clarke: »Ihr wisst also die Namen der Täter. Welche Gruppe ist das? Oder, um aus einem großen Film zu zitieren, wer sind diese Typen? Was wollt ihr mir erzählen«, fragt Clarke, »dass sich diese Jungs bei einem Straßenbasketballspiel am YMCA in Brooklyn oder in Jersey City getroffen haben, weil sie sich langweilten? Wollt ihr, dass ich das glaube?«
Mittlerweile behaupteten neokonservative Experten in Amerika, dass der wirkliche »Ramzi Yousef« der terroristische Strippenzieher des irakischen Geheimdienstes Muhabarat gewesen sei. Nach dem Oklahoma-Attentat von 1995 gerieten Gerüchte über einen mysteriösen dunkelhäutigen Iraker in Umlauf, und das, obwohl die Terroristen in diesem Fall rechtsextreme weiße Anarchisten waren.
Nachdem bin Laden 1995 einen offenen Brief an die saudische Königsfamilie geschrieben hatte, in dem er die Präsenz von US-Truppen auf saudischem Boden verurteilte, drängte die Clinton-Regierung die CIA dazu, eine umherstreifende Aufklärungseinheit einzurichten, die sich nur der Erkundung des «Bin-Laden-Netzwerks» widmen sollte, wie die Regierung die Organisation nun nannte. Mittels Suchanzeigen auf Streichholzbriefchen, die - im Mittleren Osten und auf dem indischen Subkontinent verteilt - eine Belohnung von zwei Millionen Dollar für die Ergreifung von Ramzi Yussuf auslobten, wurde der Mann 1995 in Pakistan gefasst. Der Pakistani, der in Kuweit aufgewachsen war, war ein Teil der Terrorzelle, die schon 1993 versucht hatte, das World Trade Center zu sprengen.
Das Weiße Haus entwickelte einen Entführungsplan, um bin Laden heimlich aus Afghanistan zu schaffen, und vor ein amerikanisches Gericht zu stellen. Doch die Idee wurde bereits im Stadium der Planung fallen gelassen, weil ein Angriff auf bin Ladens schwer bewachtes Camp das Leben der wenigen sprachkundigen CIA-Mitarbeiter gefährdet hätte. 1998 forderte bin Laden öffentlich jeden Muslim auf, Amerikaner überall auf der Welt zu töten, gleichzeitig erklärte er damit im Prinzip jeden Muslim zu seinem persönlichen Beschützer.
Im Gegensatz dazu agiert die amerikanische Regierung in Zentralasien und im Mittleren Osten nun mit blindem Glauben an die eigenen Technologien. Sie handelt gleichsam im Dunkeln: ohne historisches Bewusstsein und ohne zu verstehen, was sie in Gang gesetzt hat, noch wie sie aus diesem Prozess wieder aussteigen kann. Für die Amerikaner gibt es kein Afghanistan, keine isolierten Bergregionen, in die man flüchten kann.
Richard A. Clarke: Against All Enemies: Inside America's War on Terror, Free Press 2004. 320 Seiten, 25,01 Euro. Die deutsche Übersetzung erscheint im Juni 2004 bei Hoffmann & Campe.
Der nächste Teil dieser Serie erscheint am kommenden Montag.

