Exorbitante Strafen für Terroristen von Madrid
31. Okt 2007 12:53, ergänzt 16:57
 |  Angeklagte im Madrider Terrorprozess bei der Urteilsverkündung. | Foto: dpa |
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Zu Zehntausenden Jahren Haft sind Angeklagte im Prozess um die Bombenanschläge auf Züge in Madrid verurteilt worden. Einen der mutmaßlichen Drahtzieher sprach das Gericht überraschend frei.
Dreieinhalb Jahre nach den Bombenanschlägen auf Madrider Vorortzüge hat der Nationale Gerichtshof in Madrid drei Terroristen zu jeweils weit über 30.000 Jahren Haft verurteilt. Zum Abschluss des «Jahrhundertprozesses» sprachen die Richter am Mittwoch sieben der insgesamt 28 Angeklagten frei. Darunter war überraschend auch der Ägypter Rabei Osman el Sayed, in dem die Anklage einen der Drahtzieher der Attentate vom 11. März 2004 gesehen hatte.
Der Marokkaner Otman El Gnaoui erhielt 42.924 Jahre Haft, der Spanier José Emilio Suárez Trashorras 34.715 Jahre. Die beiden hatten nach Ansicht der Richter aus einem Bergwerk den Sprengstoff für die Bomben besorgt. Bei dem früheren Bergmann Trashorras berücksichtigte das Gericht bei seinem Urteil eine psychische Störung als mildernden Umstand. Seine Ex-Ehefrau, die einzige weibliche Angeklagte, wurde freigesprochen. Der Marokkaner Jamal Zougam erhielt 42.922 Jahren Haft. Er war nach Ansicht der Richter einer der Bombenleger, die die Sprengsätze in den Zügen deponiert hatten.
Die Richter verhängten so exorbitante Strafen, weil das spanische Strafrecht keine «lebenslange» Haft vorsieht. Sie werteten jede Tötung bei den Anschlägen als Mord, bei jedem Verletzten legten sie einen Mordversuch zugrunde und zählten die sich so ergebenden Einzelstrafen zusammen. Die Verurteilten dürfen jedoch höchstens 40 Jahre im Gefängnis verbringen.
Keine Beteiligung nachgewiesen
18 Angeklagte erhielten Haftstrafen zwischen drei und 23 Jahren. Bei ihnen sah es das Gericht als erwiesen an, dass sie Mitglieder einer terroristischen Vereinigung waren oder die Terroristen unterstützten. Sieben Tatverdächtige, darunter die mutmaßlichen Anführer der Zelle, standen nicht vor Gericht. Sie hatten sich drei Wochen nach den Anschlägen in der Madrider Vorstadt Leganés selbst in die Luft gesprengt, als Polizisten sie in einer Wohnung stellen wollten. Bei vielen Angeklagten blieb das Gericht mit dem Strafmaß weit unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Die Marokkaner Hassan el Haski und Youssef Belhadj erhielten 15 beziehungsweise zwölf Jahre Haft. Letzteren konnte zwar die Zugehörigkeit zu der Terrorzelle, aber keine Beteiligung an den Anschlägen nachgewiesen werden.
Mutmaßlicher Drahtzieher sitzt in italienischer Haft
Für Überraschung sorgte der Freispruch von Rabei Osman El Sayed, genannt «der Ägypter». In ihm hatte die Anklage einen der Drahtzieher der Anschläge gesehen. Osman sitzt derzeit in Italien in Haft. Er soll sich in einem abgehörten Telefongespräch damit gebrüstet haben, die Anschläge seien seine Idee gewesen. Seine Verteidiger argumentierten jedoch erfolgreich, die Bänder seien falsch übersetzt worden. Gegen einen weiteren Beschuldigten war die Anklage bereits im Laufe des Prozesses zurückgezogen worden.Insgesamt ließ das Gericht offen, wer die Führer der Terroristen und Drahtzieher der Anschläge waren. Für eine Verwicklung der baskischen Untergrundorganisation ETA in die Taten sah das Gericht nicht den geringsten Anhaltspunkt, wie der Vorsitzende Richter Javier Gómez Bermúdez sagte. Die vorige konservative Regierung in Spanien hatte nach den Anschlägen vom März 2004 zunächst die ETA verantwortlich gemacht.
Während der Urteilsverkündung herrschten strengste Sicherheitsvorkehrungen. Polizeihunde hatten den Gerichtssaal nach Sprengstoff durchsucht, über dem Gebäude kreisten Hubschrauber. (nz/dpa/AP)