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Lupe Entführungen deutscher Soldaten befürchtet

Offiziere der Bundeswehr raten Soldaten im Entführungsfall, so nah wie möglich an der Wahrheit lügen. Nach Informationen der Geheimdienste könnte es bald zu Geiselnahmen von Soldaten kommen.

Die Lage in Afghanistan wird nach Darstellung der Geheimdienste immer düsterer. «Wir haben Hinweise erhalten, dass die Taliban jetzt versuchen wollen, Soldaten der Bundeswehr zu entführen», sagten Geheimdienstler am Samstag in der afghanischen Hauptstadt Kabul der Nachrichtenagentur ddp.

Das wäre der «worst case», der «schlimmste Fall», weil die islamistischen Terroristen in «direkten Verhandlungen von der Bundesregierung verlangen könnten, Freilassung der Soldaten nur gegen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan», sagten die Geheimdienstler. Sie verwiesen auf die
«direkten Verhandlungen» der Taliban mit der südkoreanischen Regierung zur Freilassung ihrer 19 Staatsbürger.

Lösegeld für Geiseln
Die Geheimdienste machten auf Berichte aufmerksam, wonach den Taliban von der südkoreanischen Regierung ein Lösegeld pro Geisel von rund einer Million Dollar «verdeckt» bezahlt worden sein soll. Seoul streitet die Zahlung «energisch» ab. Die Taliban verkündeten aber, dass sie von dem Geld «mehr Waffen und bessere Fahrzeuge für mehr Selbstmordanschläge kaufen können».

In Berliner Sicherheitskreisen wird nach ddp-Informationen zunehmend die brisante Frage erörtert, ob nicht auch für die Freilassung des am 18. Juli entführten deutschen Bauingenieurs Rudolf B. «letztlich nur noch der Ausweg für seine Freilassung über eine Zahlung von Lösegeld geht». Etwas anderes werde «kaum noch bleiben», hieß es.

Ohne Tabus entscheiden
Die Bundesregierung hat allerdings bei allen Entführungsfällen stets «offiziell» betont, dass sie sich nicht erpressen lasse, geschweige denn Lösegeld zahle. Vorsichtig hatte jedoch SPD-Fraktionschef Peter Struck unlängst Andeutungen gemacht, als er sagte, man könne bei Entführungen der Regierung die Zahlung von Lösegeld grundsätzlich nicht verbieten. Die Regierung müsse darüber «ohne Tabus» entscheiden. Für die Freilassung der Archäologin Susanne Osthoff und der Ingenieure Thomas Nitzschke und Rene Bräunlich aus irakischer Geiselhaft waren seinerzeit nach ddp-Informationen Millionen von Dollar an die Entführer geflossen.

Wie sehr es die Taliban auf die Bundeswehrsoldaten abgesehen haben, hat jüngst der gezielte Anschlag auf einen Konvoi der Feldjäger am Flughafen von Kabul gezeigt. Die Soldaten hatten ein «Riesenglück», weil sie auf den heranrasenden Selbstmordattentäter sofort reagierten und mit Vollgas entkommen konnten. Nur einer der Soldaten wurde leicht verletzt. Die Taliban sprachen davon, dass
«einer ihrer Helden den Angriff auf deutsche Truppen ausgeführt hat».
Deutsche Offiziere befürchten nach den in immer kürzeren Abständen erfolgten Attentaten auf die Bundeswehr, «eine Entwicklung, die nicht mehr beherrschbar ist».

Tipps für den Ernstfall
Die Offiziere berichteten, dass die deutschen Soldaten bei der Einweisung auf die Gefahren, die in Afghanistan lauern, auch auf den Fall einer Entführung vorbereitet werden. Die Soldaten erhalten bis ins Einzelne gehende Tipps, wie sich verhalten sollen. Zum Beispiel wird ihnen geraten, wenn sie unter ungeheurem Druck militärische Informationen preisgeben müssten, sollten sie «immer so nah wie möglich an der Wahrheit entlang lügen». Die Offiziere betonten jedoch, dass es keine Patentrezepte gebe, wie sich ein Angehöriger der Bundeswehr im Ernstfall wirklich verhalten soll oder kann. Die Situationen seien «nicht vorprogrammierbar». Wer von den Taliban gekidnappt werden sollte, müsse jedoch stets in Rechnung ziehen, «dass er es mit Mördern zu tun hat».

Als «völlig abwegig» bezeichneten Sicherheitspolitiker in Berlin und auch Offiziere der Bundeswehr am Samstag den Vorschlag der Grünen-Europaabgeordneten Angelika Beer zur Aufnahme von Verhandlungen mit den Taliban. Zur Verhinderung einer weiteren Radikalisierung der afghanischen Gesellschaft sei es «unerlässlich, auch mit Teilen der Taliban zu verhandeln», argumentierte Beer. «Das wäre der Einstieg in den Ausstieg für uns aus Afghanistan. Die
Taliban würden zur Macht am Hindukusch zurückkehren können», sagte dagegen ein Sicherheitsexperte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Er zeigte sich «sehr verwundert» darüber, dass nach Beer auch Struck für «politische Gespräche mit gemäßigten Taliban» eintrete.(ddp)