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Russlands Rechtsextreme imitieren andere

28. Jun 2007 12:51
In Russland diskutieren die Medien derzeit über ein Erstarken nationalistisch geprägter Gewalt. Anlass ist eine Massenprügelei im Zentrum Moskaus, berichtet Anna Kurizina.

Rund 50 Menschen waren es auf beiden Seiten: Russen auf der einen, Männer aus der Kaukasus-Region auf der anderen. In Moskau trafen sie vergangenen Freitag aufeinander - und schlugen sich. In den Medien des Landes wird nun über die womöglich eklatante Fremdenfeindlichkeit der Russen diskutiert. Dabei findet die Diskussion weniger im Fernsehen und in den Zeitungen statt, als mehr im Rundfunk und im Internet.

Die Massenprügelei fand zudem ausgerechnet an dem Tag statt, an dem Russland des Zweiten Weltkriegs gedenkt. Teilnehmer der Aktion hatten sich dazu am Vortag in Blogs und Internet-Foren verabredet.

Die Polizei nahm Dutzende fest. Niemand sei ernstlich verletzt worden, heißt es. Dennoch: Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow erklärte die Verabredung zu einer Provokation und warf der rechtsextremen Organisation «Bewegung gegen illegale Immigration» vor, mit der Aktion Völkerhass geschürt zu haben.

Das Ereignis wurde in der Presse in eine Reihe gestellt mit ähnlichen Nationalkonflikten der letzten Zeit: In der Stadt Stawropol kam es vor einem Monat zu Unruhen, in Kondopoga im August 2006, als jeweils russische Studenten angeblich von Tschetschenen ermordet worden waren. Der Name des kleinen Kondopoga in der nordrussischen Republik Karelien steht seitdem in den Medien für Ausländerhass.

Rechtsextremisten oder einfach Nachahmer?


Dem nationalistische Spektrum in Russland gehören nach Einschätzung von Experten mehr als zehn Organisationen an. Als einflussreichste Gruppierungen gelten die «Bewegung gegen illegale Immigration» (russisch DPNI) und die so genannte «National-Bolschewistische Partei» (NBP), die mit dem Schriftsteller Eduard Limonow an der Spitze eines der Mitglieder der regierungsoppositionellen Bewegung «Anderes Russland» ist.

Die nationalistischen und damit oft fremdenfeindlichen Tendenzen in Russland begannen sich ab dem Jahr 1990 deutlich herauszukristallisieren - mit der Gründung der «Russischen Nationalen Einheit» (RNE), einer Organisation mit Tausenden Mitgliedern, die bis heute von vielen Experten als die ernst gemeinteste und am besten strukturierte in der Geschichte des russischen Nationalismus gilt. Die Ideologie dieser Organisationen richtet sich unter anderem gegen Migranten aus Asien und dem Kaukasus, darunter auch Tschetschenien.

Der russische Rechtsextremismus sei zwar in einem bestimmten Kontext zu verstehen, lehne sich jedoch stark an bekannte Tendenzen an, sagt Andreas Umland, Lektor des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Kiew. Er imitiere die europäischen Ausprägungen des Faschismus' des 20. Jahrhunderts, vor allem des deutschen. Umland, der sich seit Jahren mit dem Thema des Nationalismus in Russland befasst, weist darauf hin, dass entsprechende russische Organisationen Attribute des NS-Regimes nachahmen.

So stellte das Logo der 2000 aufgelösten «Russischen Nationalen Einheit» ein stilisiertes Hakenkreuz auf rotem Hintergrund dar. Die heutige NBP-Fahne erinnert viele Kritiker an die Flagge des Dritten Reichs: Die sowjetische Sichel-Hammer-Symbolik anstelle des Hakenkreuzes im weißen Kreis wird von ihnen auch als eine modifizierte Swastika eingeschätzt. Schwarze Uniform, typische Begrüßung mit ausgestrecktem Arm und Hitler-Abbildungen ergänzen das Erscheinungsbild von Angehörigen beider Organisationen.

Unbedeutend für Politik, anziehend für Jugend


Dabei waren Nationalisten seit den 90ern politisch nie wirklich bedeutend. Die Tendenz war eher so, dass die Anführer ihre Ansichten mäßigen mussten, wenn sie in die «große Politik» wollten. So machte es auch der Mitgründer und Theoretiker des Nationalbolschewismus' Alexander Dugin, der 1998 aus der NBP austrat, um eigene politische Partei zu gründen.

Für den Schriftsteller Limonow sei die NBP seitdem eher ein ästhetisches Projekt, sagt Andreas Umland in der Konferenz zum Rechtsextremismus, die ebenfalls am Freitag, parallel zur Prügelei in Moskau, in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin stattgefunden hat. «Limonow ist bloß ein Publizist, dem es nicht um politisches Gewicht geht. Mit ihm sympathisieren auch viele Intellektuelle.»

Die «National-Bolschewistische Partei» war als Partei nie registriert, der Status wurde ihr schon seit 1998 mehrmals verweigert. Seit Juli 2006, als der G-8-Gipfel in Sankt Petersburg stattfand, gehört die NBP der Oppositionsbewegung «Anderes Russland» an. Dabei teilen viele Politologen in Russland die Meinung, die NBP würde schon lange nicht mehr existieren, wenn der Kreml sie wirklich gefährlich fände. Heute aber brauche er sie sogar: Die im April diesen Jahres vom Moskauer Gerichtshof für extremistisch erklärte NBP könne die Opposition schön komprometieren.

Bei sinkender politischer Rolle der Rechtsextremisten nimmt aber das Interesse junger Leute für nationalistische Ideen offensichtlich zu. Laut der russischen Presseagentur RIAN sind allein in Moskau bei der Verwaltung für Innere Angelegenheiten über vier Tausend junge Leute registriert, die sich zu extremistischen Jugendgruppierungen bekennen. Die so genannte «National-Bolschewistische Partei» zählt russlandweit rund 54.000 Mitglieder.

 
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