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«Wenn Sarko siegt, gibt es Krieg»

21. Apr 2007 09:24
Sarkozy beschimpfte Vorstadt-Randalierer als 'Gesindel'
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Seit den schweren Unruhen ist Sarkozy in den französischen Vorstädten der meist gehasste Politiker. So viele Wähler wie nie wollen nun dort ihre Stimme abgeben, um einen Sieg des Konservativen zu verhindern.

Nicolas Sarkozy will Frankreich versöhnen. Er werde seinen Landsleuten die Mutlosigkeit angesichts von Massenarbeitslosigkeit und der fehlgeschlagenen Integration zahlloser Jugendlicher austreiben, schreibt er in seinem jüngsten Wahlkampf-Buch. Die eigene Aggressivität habe er abgelegt: «In der Politik mache ich keinen Krieg mehr.»

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In Clichy-sous-Bois klingt die Botschaft wie ein Pfeifen im Wald. In der Trabantenstadt östlich von Paris brachen vor eineinhalb Jahren die Unruhen aus. Mit wochenlangen Krawallen machten die Jugendlichen - der Großteil aus afrikanischen Einwandererfamilien - auf ihre Ausgeschlossenheit aufmerksam.

Sarkozy in Vorstädten unerwünschter Gast

Die Wut in den «Quartiers Populaires» ist geblieben und richtet sich gegen Sarkozy. «Ich würde ihm nicht raten, hier eine Wahlkampfveranstaltung zu machen», sagt der 22-jährige Ahmadi, trotz Abitur in der Tasche seit drei Jahren vergeblich auf Jobsuche. Er schlägt mit Freunden vor dem Aldi in Clichy-sous-Bois die Zeit tot, der Supermarkt liegt im Schatten zweier zwanzigstöckiger Wohnsilos.

Die Einwanderung sei nicht das Problem Frankreichs, sagt Ahmadi, der als Sohn malischer Zuwanderer in Clichy geboren wurde. «Es ist die Armut, man hat uns innerhalb der Gesellschaft abgeschoben.» Es ist ein Gefühl, das die meisten Menschen in Clichy teilen. An ihrer Situation hat sich seit den Herbstunruhen 2005 kaum etwas verändert.

Armut und fehlende Verkehrsanbindungen

Die Gemeinde wartet weiter auf eine Straßenbahnlinie, die sie endlich an das Regionalbahnnetz anbinden würde, und auf neuen, weniger menschenverachtenden Wohnraum. Und doch hat sich eine Aufbruchstimmung breit gemacht.

«Die Bürger setzen eine große Hoffnung in die Wahl», sagt Samir Mihi, Gründer der Organisation AC Le Feu (Genug mit dem Feuer). Wer in Frankreich wählen will, muss sich zuvor auf eine Liste eintragen lassen. Die Zahl der Einschreibungen ist im Département Seine-Saint-Denis, in dem die prekärsten Trabantenstädte liegen, um 8,5 Prozent gestiegen. In Clichy schnellte sie von 7000 auf 10.500 in die Höhe.

Kein politisches "Waste Land" mehr

«Wir sind kein politisches 'Waste Land' mehr, in dem sich alle zurückziehen», sagt Mihi, während er in seinem Büro in einem kalten Kaffee rührt. «Die Menschen haben begriffen, dass sie nur ernst genommen werden, wenn sie eine Stimme zu vergeben haben.»

Offenbar begreifen auch die Kandidaten, dass die Banlieue angesichts des knappen Rennens wahlentscheidend werden könnte. Die Sozialistin Ségolène Royal sprach vor kurzem vor dem «Parlament der Vorstädte» in der Lyoner «Cité» Villeurbanne, wo sie den Kommunen mehr Mittel zusagte.

Selbst der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen ging in der berüchtigten Hochhaussiedlung Argenteuil südöstlich von Paris auf Stimmenfang. Aus Angst vor Protesten blieb sein Auftritt bis zuletzt geheim. Nur etwa 30 Personen hatten sich am Karfreitag vor seinem Mikrofon versammelt.

Hassfigur Le Pen

«Sie sind vollständig französisch», rief er ihnen zu. «Ekelhaft», kommentierte ein Jugendlicher. Zu verhindern, dass Le Pen am 22. April wie bei der letzten Wahl vor fünf Jahren wieder den Einzug in die zweite Runde schafft, ist für viele Menschen in der Banlieue die zweitwichtigste Wahlmotivation.

«Vor allem geht es darum, Sarkozy zu verhindern», sagt Ahmadi. «Er hasst uns, und wir hassen ihn. Wenn Sarko siegt, gibt es einen Krieg in den Städten.»

Für den Ex-Innenminister entwickelt sich die aggressive Stimmung in der Banlieue zum Fiasko. Schon vor Monaten kündigte Sarkozy einen Wahlkampfauftritt in Villeurbanne an, um sich medienwirksam mit den Jugendlichen zu versöhnen, die er dort 2005 als «Gesindel» beschimpfte.

Inzwischen muss er den höhnischen Triumph von Le Pen ertragen, der sich darüber lustig macht, dass sich der frühere Innenminister nicht dorthin traut. Paradoxerweise war Sarkozy einer der ersten Politiker, die auf die brisante Lage aufmerksam machten.

Sarkozy erkannte früh Konfliktpotenzial

«Wenn Frankreich die Probleme nicht sehen will, bevor sie explodieren, hat unser Land wenig Chancen, sie zu überwinden», sagte er schon ein Jahr vor den Krawallen. Wie in den USA will er mit «positiver Diskriminierung» die Exklusion von Minderheiten bekämpfen. Zugleich hat er als Innenminister aus einer in den Quartieren präsenten und verankerten Polizei eine «Polizei der Verhaftung» gemacht, die mit scharfen Kontrollen und Einsätzen die Jugendlichen provoziert.

Während Ahmadi mit seinen Freunden auf dem staubigen Aldi-Parkplatz Fußball spielt, durchkämmt eine Einheit der Bereitschaftspolizei CRS das Areal. Die Beamten wirken nervös. «Für uns ist das ist normal», sagt Ahmadis Freund Ragi, 24 Jahre alt. Wen die beiden am 22. April wählen, wissen sie noch nicht. Sie warten noch auf neue Vorschläge und darauf, wer die besten Aussichten in einem Duell mit dem Exinnenminister hätte. Aber auf jeden Fall «tout sauf Sarko.» (Alles nur nicht Sarkozy). (Tobias Schmidt, AP)

 
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