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Gorbatschow wirft USA «Siegerkomplex» vor

13. Okt 2006 11:36
Michail Gorbatschow
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Für den ehemaligen KPdSU-Chef kann die Rolle der Weltmacht USA nicht so bleiben, wie sie ist. Die Lage in Nordkorea beurteilt er im Interview mit der Netzeitung entspannt.

Der ehemalige Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, hat heftige Kritik an den USA geübt. Im Interview mit der Netzeitung sagte Gorbatschow: «Unsere amerikanischen Freunde leiden heutzutage an einer Krankheit, die schlimmer ist als Aids. Ich würde diese Krankheit als den Siegerkomplex bezeichnen.» Gorbatschow begründet seine Kritik mit der Rolle der USA in der Weltpolitik.

Demnach könnten sich die USA bis heute nicht aus der Strategie befreien, die sie während des Kalten Krieges gespielt hätten: «Sie können sich nicht von ihrer alten Europapolitik lösen, die sie nach dem kalten Krieg angefangen haben. Da war es ihnen darum gegangen, in ganz Westeuropa das Sagen zu haben. Und diesen alten Anspruch werden die Amerikaner nicht los.»

Nach dem Fall der Mauer seien die Chancen nicht genutzt worden, eine neue Weltordnung herzustellen: «Da hat der Westen mehr seine geopolitischen Interessen verfolgt. Mit dem weltweiten Handel hat er ausgenutzt, was durch eine spontane, unkontrollierte Globalisierung möglich wurde.»

Interview:
Zur künftigen Rolle der USA sagte Gorbatschow: «Die USA werden auch in Zukunft durchaus ihre Rolle zu spielen haben. Aber nicht mehr die gleiche Rolle, sondern eine geringere Rolle. Es wird ein gestärktes vereintes Europa geben. Und es wird dann auch noch die großen Staaten geben wie Russland, China, Indien, Japan und Brasilien, die alle gleichermaßen den Gang der Welt mitbestimmen sollen. Es wird also auch neue Machtzentren geben. Dann müssen die Amerikaner verstehen, dass es notwendig ist, Dinge partnerschaftlich zu entscheiden und als Partner zu handeln, anstatt immer nur Kommandos geben zu wollen.»

Gorbatschow kritisierte auch die Europa-Politik der Amerikaner: «Die Politik der Amerikaner hinsichtlich der EU und hinsichtlich des postsowjetischen Raums erfüllt manchen von uns doch mit Verwunderung und Enttäuschung. Man muss den Amerikanern mal ganz klar sagen: Es gibt nicht nur die Interessen der Vereinigten Staaten, sondern auch legitime Interessen der Europäischen Union, wo eine halbe Milliarde Menschen leben, die in der Lage sein müssen, ihr eigenes Schicksal, ihren eigenen demokratischen Weg zu entscheiden.»

Entspannter gab sich der ehemalige Generalsekretär der KPdSU im Fall Nordkorea: «Ich bin nicht der Auffassung, dass wir momentan vor einer unmittelbaren atomaren Bedrohung stehen.» Allerdings hätte auch die Arroganz der Atommächte zur Zuspitzung der Lage in Ostasien beigetragen. Um die Lage zu entspannen, «müsste sich der atomare Club anders benehmen»: «Der Artikel 6 des Atomwaffensperrvertrages sieht zum Beispiel vor, dass auch diejenigen, die heute legal über atomare Waffen verfügen, weiter abrüsten. Dieser Abrüstungsprozess ist allerdings zum Stillstand gekommen. Im Gegenteil: Es wird mehr gemacht, um die bestehenden Nuklearwaffen weiter zu vervollkommnen, um damit die so genannten 'Spezialaufgaben' zu lösen.»

Insbesondere China und Russland sieht Gorbatschow bei der Lösung des Nordkorea-Konfliktes in der Pflicht: «Aus dem Club der Atommächte könnten insbesondere Russland und China einen Beitrag zur Lösung des Nordkoreaproblems leisten. Immerhin haben Russland und China schon immer enge Beziehungen zu Nordkorea unterhalten. Deshalb denke ich, ist es notwendig, dass die Politiker nicht nur schöne Reden halten, sondern sich in so einer extremen Situation wirklich mit Realpolitik beschäftigen.»

Das Interview mit Michail Gorbatschow lesen Sie im Wortlaut am Montag in der Netzeitung.

 
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