Gorbatschow wirft USA «Siegerkomplex» vor
Nach dem Fall der Mauer seien die Chancen nicht genutzt worden, eine neue Weltordnung herzustellen: «Da hat der Westen mehr seine geopolitischen Interessen verfolgt. Mit dem weltweiten Handel hat er ausgenutzt, was durch eine spontane, unkontrollierte Globalisierung möglich wurde.»
Gorbatschow kritisierte auch die Europa-Politik der Amerikaner: «Die Politik der Amerikaner hinsichtlich der EU und hinsichtlich des postsowjetischen Raums erfüllt manchen von uns doch mit Verwunderung und Enttäuschung. Man muss den Amerikanern mal ganz klar sagen: Es gibt nicht nur die Interessen der Vereinigten Staaten, sondern auch legitime Interessen der Europäischen Union, wo eine halbe Milliarde Menschen leben, die in der Lage sein müssen, ihr eigenes Schicksal, ihren eigenen demokratischen Weg zu entscheiden.»
Entspannter gab sich der ehemalige Generalsekretär der KPdSU im Fall Nordkorea: «Ich bin nicht der Auffassung, dass wir momentan vor einer unmittelbaren atomaren Bedrohung stehen.» Allerdings hätte auch die Arroganz der Atommächte zur Zuspitzung der Lage in Ostasien beigetragen. Um die Lage zu entspannen, «müsste sich der atomare Club anders benehmen»: «Der Artikel 6 des Atomwaffensperrvertrages sieht zum Beispiel vor, dass auch diejenigen, die heute legal über atomare Waffen verfügen, weiter abrüsten. Dieser Abrüstungsprozess ist allerdings zum Stillstand gekommen. Im Gegenteil: Es wird mehr gemacht, um die bestehenden Nuklearwaffen weiter zu vervollkommnen, um damit die so genannten 'Spezialaufgaben' zu lösen.»
Insbesondere China und Russland sieht Gorbatschow bei der Lösung des Nordkorea-Konfliktes in der Pflicht: «Aus dem Club der Atommächte könnten insbesondere Russland und China einen Beitrag zur Lösung des Nordkoreaproblems leisten. Immerhin haben Russland und China schon immer enge Beziehungen zu Nordkorea unterhalten. Deshalb denke ich, ist es notwendig, dass die Politiker nicht nur schöne Reden halten, sondern sich in so einer extremen Situation wirklich mit Realpolitik beschäftigen.»
Das Interview mit Michail Gorbatschow lesen Sie im Wortlaut am Montag in der Netzeitung.
Für das Web ediert von Michael Maier
