netzeitung.deErmordete Reporterin fühlte sich als «Freiwild»

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Anna Politkowskaja (Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Anna Politkowskaja
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Wenn sie nicht mehr schreibe, hätten ihre Feinde ihr Ziel erreicht, hat die am Samstag erschossen aufgefundene Journalistin Politkowskaja einmal gesagt. In Moskau wird dem Kreml eine Mitschuld an der Tat zugetraut.

Von Jan Gänger

Michail Gorbatschow sprach von einem «grausamen Verbrechen», als er von der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja erfuhr. Der ehemalige sowjetische Präsident ist einer der Besitzer der regierungskritischen Zeitung «Nowaja Gaseta», für die die Reporterin arbeitete. «Es ist ein Schlag gegen die gesamte unabhängige Presse», sagte Gorbatschow und bezeichnete den Auftragsmord als «schweres Verbrechen gegen das Land, gegen uns alle».

Politkowskaja hatte seit 1999 über den Tschetschenienkrieg berichtet. Sie griff dabei das russische Militär an, sie berichtete unter anderen über Folterungen, Massenerschießungen, Entführungen und Vergewaltigungen. Den Krieg bezeichnete sie als Kampf von Staatsterroristen gegen Terrorgruppen. Von Drohungen ließ sich die mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnete Journalistin nicht einschüchtern.

Bitterer Beigeschmack
In einem Buch, das im kommenden Jahr vom englischen Schriftstellerverband Pen veröffentlicht wird, berichtet sie dem britischen «Guardian» zufolge von einem Treffen mit Präsident Wladimir Putins innenpolitischem Chefberater, Wladislaw Surkow. Der stellvertretende Leiter der Präsidialverwaltung habe ihr gesagt, es gebe zwei Sorten von Feinden. Mit den einen könne man vernünftig reden, die anderen seien unverbesserlich. Die politische Bühne müsse von den letzteren «gesäubert» werden. «Also versuchen sie diese von mir, und anderen Menschen wie ich einer bin, zu reinigen», schrieb die Journalistin.

Da hat es schon einen seltsamen Beigeschmack, wenn der stellvertretende russische Generalstaatsanwalt feststellt, Politkowskaja sei wegen ihrer «öffentlichen Aufgabe» als Journalistin ermordet worden.

Heftige Spekulationen
In Moskau wird nun heftig darüber spekuliert, wer für den Tod verantwortlich ist. Viele blicken dabei zuerst in Richtung Kreml. Schließlich war Politikowskaja eine scharfe Kritikerin des russischen Präsidenten und fand besonders im Ausland Gehör. Sie prangerte vor allem das brutale Vorgehen des russischen Militärs in Tschetschenien an und brachte zahllose Gräueltaten an die Öffentlichkeit. Sie warf Wladimir Putin immer wieder vor, in Russland die «Zivilgesellschaft zu ersticken» und ein Klima amtlicher Korruption und Gewalt zu ermöglichen. In ihren Augen hat sich Putin niemals von seiner Vergangenheit als KGB-Offizier gelöst.

Vor diesem Hintergrund wird in Moskau dem Kreml zumindest eine Mitschuld an dem Tode zugetraut. Denn Russlands Führung ist nicht gerade dafür bekannt, laute Kritik zu dulden. Im Gegenteil: Gegner werden eingeschüchtert, um sie mundtot zu machen. Wenn das nicht hilft, wendet der Kreml eine sichere Methode an: Der unliebsame Sender oder die unliebsame Zeitung wird vom Staat übernommen und dann auf Kreml-Linie gebracht. So wurde beispielsweise der kritische Fernsehsender NTW im Jahre 2001 vom Staatskonzern Gazprom gegen den Willen des Besitzers Wladimir Gussinski gekauft. Gussinski unterschrieb den Vertrag, nachdem er zwischenzeitlich verhaftet worden war. Danach verließ er Russland.

Zahlreiche Feinde
Doch Politkowskaja hatte sich nicht nur mit dem Kreml angelegt. Auch das Militär, die von Moskau in Tschetschenien installierte Regierung und die Moskauer Unterwelt fühlten sich von der Journalistin herausgefordert.
Vor ihrem Tode arbeitete Politkowskaja an einem Artikel über den pro-russischen Premierminister Tschetscheniens, Ramzan Kadirov. Der Bericht sollte am Montag in der «Nowaja Gaseta» erscheinen. Im April hatte Politkowskaja in einem Interview mit der «New York Times» schwere Vorwürfe gegen Kadirov erhoben und von Folterungen der tschetschenischen Polizei gesprochen. Ein Betroffener habe ihr sogar versichert, Kadirov selbst habe ihn gequält. Der Premier wies diese Anschuldigungen vehement zurück.

Politkowskaja starb am Geburtstag Wladimir Putins und kurz nach dem Geburtstag Kadirovs. Grund genug, für zornige, verbitterte Moskauer Journalisten, den Mord als Geschenk zu interpretieren. Auch für die Zeitungskommentatorin Julia Latinina besteht ein Zusammenhang. «All ihre Veröffentlichungen der Monate drehten sich um Tschetschenien und Kadirov», zitierte sie der «Guardian». «Politkowskaja hasste ihn. Und vor zwei Tagen war sein Geburtstag – von daher kann es nur ein Motiv geben.»

Bei einem Besuch Tschetscheniens behauptete Politkowskaja, der damalige Präsident Akhmad Kadyrov habe geschworen, sie umzubringen. Dabei handelt es sich um den Vater des derzeitigen Premiers. Er starb 2004 bei einem Bombenattentat in Tschetscheniens Hauptstadt Grosny.

Flucht nach Wien
Die Journalistin erhielt auch andere Morddrohungen. Im Herbst 2001 flüchtete Politkowskaja für mehrere Monate nach Wien. Sie begründete das mit Drohungen eines russischen Tschetschenien-Veteranen, den sie beschuldigt hatte, er habe Gräueltaten an Zivilisten verübt. Der Polizist wurde 2002 festgenommen, ein Jahr darauf wurde der Fall eingestellt. Derzeit ist der Offizier in Sibirien stationiert.

Doch auch von Mitarbeitern des Verteidigungs- und des Innenministeriums sei sie bedroht worden, so die Journalistin. «Das Enttäuschende ist, dass die Verantwortlichen nicht bereit sind, gegen diese Menschen vorzugehen», zitierte sie der Österreichische «Kurier». «Ich dachte, dass wir eine Verfassung und einen Präsidenten haben, der uns schützt. Meine Erfahrung aber ist, dass ich Freiwild geworden bin.»

Während eines Fluges von Moskau ins südrussische Beslan, wo sie über die Geiselnahme berichten wollte, erkrankte sie im Jahre 2004. Sie wurde ohnmächtig und mit Vergiftungssymptomen in ein Krankenhaus eingeliefert. Politkowskaja machte dafür den russischen Geheimdienst verantwortlich. Die Hintergründe dieses Vorfalls wurden aber nicht aufgeklärt.

Ein Dutzend Morde
Die Ermordung der Journalistin wirft ein Schlaglicht auf die Medienlandschaft Russlands. In dem Land sind nach Angaben der in den USA beheimateten Reporterorganisation «Komitee zum Schutz von Journalisten» in den vergangenen sechs Jahren, also seit dem Amtsantritt Putins, zwölf Journalisten Auftragsmorden zum Opfer gefallen. «Keiner davon wurde angemessen untersucht», kritisierte Geschäftsführer Joel Stein.

Im Dezember hatte Politkowskaja in Wien gesagt: «Manchmal bezahlen Menschen mit dem Leben, weil sie laut sagen, was sie denken. Manche Menschen werden getötet, nur weil sie mir Informationen geliefert haben.» Doch die Journalistin gab nicht auf. «Wenn ich nicht mehr schreibe, haben meine Feinde ihr Ziel erreicht», sagte sie einmal.