Ermordete Reporterin fühlte sich als «Freiwild»
Michail Gorbatschow sprach von einem «grausamen Verbrechen», als er von der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja erfuhr. Der ehemalige sowjetische Präsident ist einer der Besitzer der regierungskritischen Zeitung «Nowaja Gaseta», für die die Reporterin arbeitete. «Es ist ein Schlag gegen die gesamte unabhängige Presse», sagte Gorbatschow und bezeichnete den Auftragsmord als «schweres Verbrechen gegen das Land, gegen uns alle».
Vor diesem Hintergrund wird in Moskau dem Kreml zumindest eine Mitschuld an dem Tode zugetraut. Denn Russlands Führung ist nicht gerade dafür bekannt, laute Kritik zu dulden. Im Gegenteil: Gegner werden eingeschüchtert, um sie mundtot zu machen. Wenn das nicht hilft, wendet der Kreml eine sichere Methode an: Der unliebsame Sender oder die unliebsame Zeitung wird vom Staat übernommen und dann auf Kreml-Linie gebracht. So wurde beispielsweise der kritische Fernsehsender NTW im Jahre 2001 vom Staatskonzern Gazprom gegen den Willen des Besitzers Wladimir Gussinski gekauft. Gussinski unterschrieb den Vertrag, nachdem er zwischenzeitlich verhaftet worden war. Danach verließ er Russland.
Vor ihrem Tode arbeitete Politkowskaja an einem Artikel über den pro-russischen Premierminister Tschetscheniens, Ramzan Kadirov. Der Bericht sollte am Montag in der «Nowaja Gaseta» erscheinen. Im April hatte Politkowskaja in einem Interview mit der «New York Times» schwere Vorwürfe gegen Kadirov erhoben und von Folterungen der tschetschenischen Polizei gesprochen. Ein Betroffener habe ihr sogar versichert, Kadirov selbst habe ihn gequält. Der Premier wies diese Anschuldigungen vehement zurück.
Politkowskaja starb am Geburtstag Wladimir Putins und kurz nach dem Geburtstag Kadirovs. Grund genug, für zornige, verbitterte Moskauer Journalisten, den Mord als Geschenk zu interpretieren. Auch für die Zeitungskommentatorin Julia Latinina besteht ein Zusammenhang. «All ihre Veröffentlichungen der Monate drehten sich um Tschetschenien und Kadirov», zitierte sie der «Guardian». «Politkowskaja hasste ihn. Und vor zwei Tagen war sein Geburtstag von daher kann es nur ein Motiv geben.»
Bei einem Besuch Tschetscheniens behauptete Politkowskaja, der damalige Präsident Akhmad Kadyrov habe geschworen, sie umzubringen. Dabei handelt es sich um den Vater des derzeitigen Premiers. Er starb 2004 bei einem Bombenattentat in Tschetscheniens Hauptstadt Grosny.
Doch auch von Mitarbeitern des Verteidigungs- und des Innenministeriums sei sie bedroht worden, so die Journalistin. «Das Enttäuschende ist, dass die Verantwortlichen nicht bereit sind, gegen diese Menschen vorzugehen», zitierte sie der Österreichische «Kurier». «Ich dachte, dass wir eine Verfassung und einen Präsidenten haben, der uns schützt. Meine Erfahrung aber ist, dass ich Freiwild geworden bin.»
Während eines Fluges von Moskau ins südrussische Beslan, wo sie über die Geiselnahme berichten wollte, erkrankte sie im Jahre 2004. Sie wurde ohnmächtig und mit Vergiftungssymptomen in ein Krankenhaus eingeliefert. Politkowskaja machte dafür den russischen Geheimdienst verantwortlich. Die Hintergründe dieses Vorfalls wurden aber nicht aufgeklärt.
Im Dezember hatte Politkowskaja in Wien gesagt: «Manchmal bezahlen Menschen mit dem Leben, weil sie laut sagen, was sie denken. Manche Menschen werden getötet, nur weil sie mir Informationen geliefert haben.» Doch die Journalistin gab nicht auf. «Wenn ich nicht mehr schreibe, haben meine Feinde ihr Ziel erreicht», sagte sie einmal.

