13.09.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Deutschland solle sich nicht an einem Militäreinsatz im Libanon beteiligen, fordert Nahostexperte Steinbach. Der Anschlag von Damaskus habe gezeigt, dass das Risiko für die Soldaten der UN-Truppe «unkalkulierbar» sei.
Von Sebastian ThomasDer Direktor des Hamburger Orient-Instituts, Udo Steinbach, hat die Bundesregierung davor gewarnt, Soldaten in den Libanon zu entsenden. Vor dem am Mittwoch anstehenden Kabinettsbeschluss zum Militäreinsatz der Bundeswehr sagte der Nahostexperte der Netzeitung: «Der Anschlag in Syrien hat gezeigt, dass die Sicherheitslage unkalkulierbar ist.» Was am Dienstag in Damaskus passiert sei, «kann morgen in Beirut oder im südlichen Libanon passieren».
Über die Hintergründe des Angriffs auf die amerikanische Botschaft, bei dem vier Menschen starben, gehen die Meinungen deutscher Nahostexperten auseinander. «Es hat den Anschein, dass eine kleine Gruppe radikalisierter Muslime dahinter steckt, die nicht notwendigerweise mit Al Qaeda verbunden ist», sagte der langjährige Nahost-Korrespondent der Wochenzeitung «Die Zeit», Michael Lüders, der Netzeitung. An eine Verwicklung offizieller syrischer Kreise glaubt Lüders nicht. «Wenn eine kleine Gruppe von Gewalttätern entschlossen ist, einen Anschlag dieser Art durchzuführen, lässt sich dies im Vorfeld kaum verhindern.» Das sei in Syrien nicht anders als in Deutschland, den USA oder anderswo.
Verhärtung islamistischer Kreise Selbst die für ihre Methoden berüchtigten syrischen Geheimdienste könnten nicht die gesamte Bevölkerung kontrollieren, so Lüders. Auch die Tatsache, dass syrische Wachleute ums Leben gekommen sind, deute darauf hin, dass dieser Anschlag ohne Wissen oder gar Billigung des Regimes erfolgt sei. Zudem sei das Verhältnis zu den USA seit Jahren äußerst angespannt. «In einer solchen Situation einen Anschlag gegen die Botschaft der einzig verbliebenen Weltmacht zu decken, traue ich dem syrischen Regime nicht zu», sagte Lüders.
Der Anschlag zeige vielmehr, dass es in Syrien neuerdings eine gewaltbereite Opposition gebe, die im Untergrund wirke und die zu derartigen Anschlägen in der Lage sei. «Man darf nicht vergessen, dass zahlreiche Syrer im Irak auf Seiten der muslimischen Aufständischen kämpfen», erläuterte Lüders. Dies führe sicherlich zu einer Radikalisierung und Verhärtung islamistischer Kreise im Land.
«Beide Augen zugedrückt»Auch Steinbach geht davon aus, dass radikale Islamisten den Angriff auf die US-Botschaft in Damaskus durchgeführt haben, um die USA bewusst zu provozieren. Anders als Lüders schließt der Hamburger Nahostexperte eine stillschweigende Billigung des Anschlags durch das syrische Regime jedoch nicht aus. «Die syrischen Sicherheitskräfte gelten als äußerst rigoros. Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass sie die Lage im Griff haben und derartige Aktionen verhindern können.»
Der Hamburger Professor zieht Parallelen zwischen dem Attentat auf den ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri und dem Anschlag vom Dienstag. «Ich denke, dass syrische Regierungskreise auch am Dienstag zumindest beide Augen zugedrückt haben», sagte der Direktor des Orient-Instituts. Der ehemalige libanesische Ministerpräsident Hariri war am 14. Februar vergangenen Jahres bei einem Sprengstoff-Attentat in Beirut ums Leben gekommen. Als Drahtzieher gilt der syrische Geheimdienst.
Dass die Attentäter von Damaskus der syrischen Regierung schaden wollten, hält Steinbach für unwahrscheinlich. «Die Islamisten haben keinen Grund gegen das Assad-Regime vorzugehen, dazu reicht ein Blick auf den Libanon.» Die dortige radikalislamische Miliz Hisbollah sei von Syrien stets unterstützt worden. Auch die diplomatische Annäherung an den Iran - die erste Auslandsreise des persischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad führte nach Damaskus dürfte in radikalislamischen Kreisen begrüßt worden sein.