Frau Merkel und die Deutschen von Sibirien
27. Apr 2006 12:34
 |  Herzlicher Empfang: Angela Merkel bei den Russlanddeutschen in Tomsk | Foto: dpa |
|
Brot und Salz für die Kanzlerin: Mit dem traditionellen Begrüßungsgeschenk haben die Russlanddeutschen von Tomsk Angela Merkel empfangen. Es war eine Begegnung mit Menschen am Rande der russischen Gesellschaft.
Von Friedemann Kohler«Hei, so treiben wir den Winter aus!», singen bunt gekleidete Mädchen, als Angela Merkel am Deutsch-Russischen Haus von Tomsk eintrifft. Nach einem verregneten ersten Tag in Sibirien strahlt am zweiten Morgen die Frühlingssonne. Im hellen Licht leuchtet das mit Schnitzwerk verzierte blaue Holzhaus, das ein reicher Tomsker Kaufmann sich vor mehr als 100 Jahren bauen ließ. Heute ist das Haus Begegnungszentrum der Deutschstämmigen.
Wie bei ihrem ersten Besuch in Moskau nimmt sich Merkel auch diesmal Zeit für eine Gruppe am Rande der russischen Gesellschaft. In Moskau waren es die vom Staat bedrängten Bürgerrechtler. In Tomsk ist es die Minderheit der Russlanddeutschen.
Von Stalin vertrieben
Es sind die Nachkommen der einst zahlreichen deutschen Kolonisten, die vom sowjetischen Diktator Josef Stalin in die Weiten Sibiriens und Zentralasiens verjagt wurden. «Wir wissen um das schwere Schicksal», sagt die Kanzlerin bei der Begegnung mit Kirchenvertretern, Funktionären und Lokalpolitikern der Deutschen.Von 300.000 Deutschstämmigen in Russland, davon 200.000 in Sibirien spricht der deutsche Generalkonsul in Nowosibirsk, Michael Grau. Dagegen zählt der Landrat des deutschen Landkreises Asowo bei Omsk, Bruno Reiter, immer noch anderthalb bis zwei Millionen Deutsche einschließlich der angeheirateten Verwandtschaft. Etwa zwei Millionen Deutschstämmige sind seit 1991 aus dem Gebiet der früheren Sowjetunion ausgereist.
Merkel hört den Reden aufmerksam zu und hat vor allem eine Botschaft für die Russlanddeutschen: «Scheuen Sie sich nicht, die deutsche Sprache lebendig zu erhalten!» Nur so lasse sich die Kultur vor Ort bewahren. Aber auch bei den Übersiedlern nach Deutschland hänge die Integration von den Sprachkenntnissen ab.
«Wir fühlen uns hier wohl»
Doch heutzutage wollen viele Russlanddeutsche nicht ausreisen. «Wir werden in Russland gebraucht, fühlen uns hier wohl», sagt Reiter. Nur die leidigen Visa für Reisen nach Deutschland und die gekürzten Staatshilfen für die Russlanddeutschen bedeuteten Probleme. Merkel verspricht eine Fortsetzung der Hilfen für Bildungs- und Kulturarbeit - auf niedrigem Niveau. «Große Projekte wird es nicht mehr geben.»Besonders fragt die Kanzlerin nach dem Verhältnis der russisch- orthodoxen Kirche zu den evangelischen oder katholischen Gemeinden der Deutschstämmigen. Das Verhältnis zu staatlichen Stellen sei gut, aber oft bremsten einzelne orthodoxe Priester vor Ort soziale Projekte, berichtet eine Mitarbeiterin der Caritas. Die Frage der orthodoxen Kirche ist Merkel grundsätzlich wichtig. Das Verständnis der Russen für Demokratie hänge davon ab, wie die orthodoxe Kirche Westeuropa sieht. Es gebe «große Vorbehalte gegen unser Parteiensystem». Deshalb sollte der Dialog mit den Orthodoxen verstärkt werden, um eine größere Offenheit zu erreichen.
Auf der Stadtrundfahrt durch Tomsk besucht die Pastorentochter Merkel auch die neue Kirche der lutherischen Gemeinde, deren Bau die örtlichen Behörden eigens für ihren Besuch in Sibirien vorangetrieben hatten. (dpa)