«Die finstere Macht»: US-Vize Cheney wird 65
27.01.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Er ist der zweitmächtigste Mann der USA, nicht nur, weil es die Verfassung so sagt. Seit fünf Jahren zieht Richard «Dick» Cheney im Hintergrund in entscheidenden politischen Fragen die Fäden, unauffällig, unermüdlich. Für viele Historiker steht heute schon fest: Noch nie hat es einen derart einflussreichen US-Vizepräsidenten gegeben wie diesen konservativen Pragmatiker, der auch beim Irakkriegs-Beschluss von Präsident George W. Bush eine mitentscheidende, wenn nicht sogar ausschlaggebende Rolle spielte.
Nicht, dass die Öffentlichkeit überhaupt häufig Gelegenheit hätte, ihn reden zu hören: Der frühere Chef des Ölservice-Giganten Halliburton zeigt sich nur selten. Unsichtbar, schweigsam, geheimnisvoll - so wird allgemein auch seine Persönlichkeit charakterisiert. Die meisten Menschen wissen kaum etwas über ihn, obwohl sein Name schon seit 30 Jahren in Washington ein Begriff ist. Der einstige Stabschef im Weißen Haus unter Gerald Ford, langjährige Kongressabgeordnete und frühere Verteidigungsminister unter George Bush Senior hat nie Wert auf öffentliche Selbstdarstellung gelegt. Ihm fehle jenes politische Gen, «das nach öffentlicher Bewunderung lechzt», formulierte es die «Washington Post» einst. Pentagonchef Donald Rumsfeld sagt, Cheneys Bedarf an Anerkennung liege bei Null.
So gilt Cheney als Hauptdrahtzieher bei der von Bush nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verfügten elektronischen Überwachung von US-Bürgern. Auch der Skandal um die Preisgabe des Namens einer CIA-Agentin aus Rache an der Irakkrieg-Kritik ihres Mannes hatte im Büro des «Vize» seinen Ursprung. Cheney war es auch, der sich hartnäckig gegen ein generelles gesetzliches Folterverbot sperrte.
Vor allem ist es aber seine Rolle bei der Irakkriegs-Entscheidung, sein beharrliches Pochen darauf, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitze, die den «Vize» bei den Demokraten zum Feind Nummer 2 nach Bush werden ließen. Auch manche seiner Freunde räumen ein, dass Cheneys politische Überzeugungen zu einem großen Teil aus einer tief verwurzelten pessimistischen Grundauffassung, aus einem negativen Menschenbild resultieren. Cheney sei stets von dem Gedanken beseelt gewesen, «dass hinter jedem Baum ein Feind lauert», analysierte das Magazin «Newsweek». Nach dem 11. September sei daraus Besessenheit geworden. (dpa)

