29.03.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Türken zeigen Flagge: Denkmal des unbekannten Soldaten in Ankara (
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH
Seitdem bei einer Feier zum kurdischen Neujahrsfest Halbwüchsige eine türkische Fahne zu Boden warfen und verbrennen wollten, schwappt eine Welle des Patriotismus über das Land am Bosporus.
Von Ingo Bierschwale, IstanbulNoch vor wenigen Monaten hatte jeder erwartet, dass die Türkei mit Zuversicht und sicherem Schritt auf die Europäische Union zumarschiert. Hatten doch die EU-Staats- und Regierungschefs mit ihrer Entscheidung, die Beitrittsverhandlungen am 3. Oktober zu beginnen, das Tor weit aufgestoßen. Doch seither scheint der Eifer, mit dem der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan Erstaunen und Bewunderung ausgelöst hatte, erlahmt. Von Unentschlossenheit und Zaudern ist die Rede. Statt zum Sternen-Banner der EU greifen die Türken dieser Tage vorzugsweise zur türkischen Fahne mit Stern und Halbmond.
Seitdem bei einer Feier zum kurdischen Neujahrsfest zwei Halbwüchsige in Mersin eine türkische Fahne zu Boden warfen und angeblich zu verbrennen suchten, schwappt eine Welle des Patriotismus über die Türkei hinweg. Landauf, landab sind Fahnenmärsche an der Tagesordnung, hängen an Häusern und Geschäften Landesflaggen wie sonst nur an nationalen Feiertagen, kommen die Hersteller den Bestellungen nicht mehr nach.
Auftrieb für NationalistenDabei war das Neujahrs- und Frühlingsfest in diesem Jahr ausgesprochen friedlich verlaufen. Die Polizei hielt sich zurück, obwohl die Feiern vielerorts in Sympathiekundgebungen für den seit sechs Jahren im Gefängnis sitzenden Kurdenführer Abdullah Öcalan übergingen. Kurdische Politiker distanzierten sich von dem Vorfall in Mersin.
Doch die patriotische Aufwallung, die Wasser auf den Mühlen der Nationalisten ist, die seit dem Wahlsieg der islamisch-konservativen AKP in den Hintergrund gedrängt wurden, scheint nicht so schnell abzuebben. Erdogan sah sich nun genötigt, zur Besonnenheit zu mahnen. Die Flagge, «Symbol unserer Unabhängigkeit, unserer gemeinsamen Kultur und Werte», dürfe nicht zu politischen Zwecken missbraucht werden.
Ergodan-Lager schwächeltIn die Defensive gedrängt sieht sich die islamisch-konservative Regierung seit Anfang des Jahres gleich an mehreren Fronten. Die «Alt-Parteien», nach der Wahl 2002 aus dem Parlament gedrängt, feiern fröhlichen Wiedereinzug. Möglich machen dies Abgeordnete, die der AKP aus Unzufriedenheit den Rücken kehren und die Partei wechseln.
Türkische Zeitungen malen bereits das Gespenst einer Rückkehr zu den überwunden geglaubten Zeiten politischer Instabilität an die Wand, nachdem die Zahl der im Parlament vertretenen Parteien am Dienstag von zwei auf sechs anstieg. Dass die anfangs einzige Oppositionspartei CHP noch stärker von diesem Aderlass betroffen ist, dürfte für Erdogan nur ein geringer Trost sein.
Zypern, Öcalan und Armenier-MassakerSchwerer wiegen die sich abzeichnenden Probleme auf dem Weg in die EU. Die ungelöste Zypern-Frage, die in der Türkei allemal geeignet ist, patriotische und nationalistische Gefühle auszulösen, belastet die Regierung ebenso wie der Fall Öcalan. Mit Bangen sieht die Türkei in dieser Sache der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte entgegen. Eine Wiederaufnahme des Verfahrens vor einem türkischen Gericht mit der Aussicht, dass der frühere PKK-Führer nicht bis ans Lebensende hinter Gittern zubringen müsste, dürfte für Erdogans Regierung Sturm bedeuten.
Das gilt nicht weniger für die Armenier-Frage, mit der sich die Türkei in diesem Jahr wegen des 90. Jahrestages des Beginns der Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich erneut konfrontiert sieht. Bislang zeichnet sich nicht ab, dass die Türkei von ihrer bisherigen Haltung abweichen wird, die Gräueltaten als Völkermord zu leugnen und diesen «Kriegsereignissen» armenische Massaker an der türkischen Bevölkerung gegenüberzustellen. (dpa)