Theo van Gogh:
Mord an Theo van Gogh stürzt die Niederlande in Identitätskrise
Schrille Figuren wie der Filmemacher und Publizist Theo van Gogh sind Ausnahmen von der niederländischen Regel und damit eine Art Selbstbestätigung für ein Gemeinwesen, das dem jahrzehntelang vorherrschenden Selbstgefühl nach ein zutiefst einiges ist. Van Gogh, Alkohol, Drogen und gutem Essen im Übermaß zugetan, war ein von seinem Arzt in seinen Ausschweifungen mühsam gebändigter übergewichtiger Provokateur. Er diffamierte Islamisten als «Ziegenficker» und nannte sie «Schuhputzer Allahs» und war zugleich ein Familienmensch mit großem, buntem Freundeskreis. Van Gogh war umstritten in seinem Land, das auf bürgerlicher Konformität sowie calvinistischer Bescheidenheit und Tugend ebenso beruht wie auf großherziger Toleranz und allumfassender Liberalität.
Erst durch seinen gewaltsamen Tod durch die Hand eines islamischen Fundamentalisten ist van Gogh zu einer Figur geworden, die viele Niederländer einigt: Extremismus in Worten ist freiheitlich und demokratisch zu erdulden, meinen sie, seine gewaltsame Unterdrückung oder Umsetzung in Gewalt dagegen bedeutet Krieg. Krieg: sogar die Regierung benutzte einen Moment lang das Wort, bevor sie sich offiziell wieder mäßigte und zur Besonnenheit aufrief. Die gesellschaftliche Debatte über multi- und plurikulturell, Integration und Assimilation, Arroganz der «Weißen», Ignoranz der «Braunen» und mehr oder minder latente Militanz vieler kaum integrierter Einwanderer aus Nordafrika aber läuft so heiß wie nie zuvor.
40 Prozent der Niederländer sagten in einer Umfrage unter dem Eindruck des Mordes an van Gogh, dass Moslems, die immerhin eine von 16 Millionen Einwohnern stellen, sich in ihrem Land nicht mehr wohl fühlen sollten. 90 Prozent der Befragten nähmen die Einschränkung bürgerlicher Freiheiten für einen verschärften Kampf gegen den Terrorismus in Kauf, und vier von fünf Niederländern wollen die Einwanderungspolitik verschärft sehen.
Seine Erkenntnis: Die kulturelle und ethnische Vielfalt in den Niederlanden ist keine ideale Mischung, sondern ein sich stetig verschärfendes Gegeneinander. Besonders Moslems ziehen sich demnach in Nischen zurück und bilden Parallelgesellschaften, in denen Extremisten die Potenziale zur individuellen Selbstbestätigung bieten, die die Gesellschaft aus ihrer Sicht (der des selbst erklärten Unterdrückungs-Opfers) verweigert. Und nichts geschieht, weil das verklärte Selbstbild nicht angekratzt werden darf. Im Gegenteil erfuhr van Gogh selbst als Autor Zensur, als eines seiner Stücke abgesetzt wurde, weil es die Gefühle von Moslems verletzte, und immer mehr Zeitungen verzichteten auf seine Kolumnen. «Wir sollten die Debatte suchen. Feinsinnig, und wenn das nicht geht, dann eben geschmacklos! Geschmacklos, aber mit Stil», formulierte der Publizist Theodor Holman das Lebensmotto, das er mit seinem Freund van Gogh teilte.
Nachdem der Film Ende August im nationalen Fernsehen ausgestrahlt worden war, häuften sich die Drohungen gegen van Gogh, den Ungläubigen ohne Moral. Er jedoch hielt sich für den provokanten «Dorftrottel», einen nicht wirklich für potenzielle Gewalttäter satisfaktionsfähigen Hofnarren. Er sah eher die liberal-konservative Hirsi Ali in Gefahr, als «Ketzerin» ermordet zu werden, und verweigerte selbst, wie es in einigen Medienberichten heißt, den Schutz der Polizei. Als man den ermordeten van Gogh vergangene Woche fand, steckte ein Messer in seinem Bauch, darauf war ein Brief an Hirsi Ali gespießt. Die Abgeordnete ist unter Polizeischutz untergetaucht.
Seltsamerweise, so meinen heute viele Kommentatoren, wurde es gleich wieder relativ still um das Thema gesellschaftlicher Bruch, Einwanderung und Integration, von van Goghs Polemiken abgesehen.
Zurückzuweichen sei aber ganz falsch, sagte der wie Hirsi Ali unter Polizeischutz stehende Moslem und Rechtswissenschafts-Professor der Universität Leiden, Afshin Ellian, der «Welt». Er sei in Gefahr, weil er gesagt habe, dass man sich über den Islam lustig machen müsse: «Wir müssen mehr über den Islam sprechen. Wir haben die Christenheit kritisiert und unsere Witze gemacht. Der Islam kann sich genau wie die Christenheit nur entwickeln, wenn er fähig ist, Kritik zu ertragen.»
Van Gogh aber hatte jedem Einwanderer Fähigkeit und Willen zur Integration abgesprochen, der die Freiheit der westlichen Gesellschaft nicht erträgt. In seinem letzten Text hielt er «religiösen Faschisten» ihre Intoleranz entgegen: «Ich frage mich, wie lange Einheimische noch willkommen sind in Amsterdam.»
Das Projekt radikaler Aufklärung van Goghs entlarvt sich in diesen Worten jedoch paradoxerweise als auch aus konformistischer Kulturangst geführter Freiheitskrieg; das eigentliche gesellschaftliche Problem erscheint komplexer, und es ist nicht nur eines des Islam. Brandanschläge Rechtsextremer auf Moscheen sind in den Niederlanden ebenso häufig wie islamistische Morddrohungen, und jedenfalls häufiger als Gewalttaten von Moslem-Fundamentalisten. «Submission», van Goghs letzter Film, der seinen Mörder zur Tat aufstachelte, wird trotz Publikumsinteresses nicht mehr aufgeführt: Postume Zensur aus Sicherheitsgründen. An dem Radweg, auf dem man van Goghs geschändete Leiche fand, liegen viele Blumen und ein Schild: «Stoppt die Islamisierung der Niederlande.»

