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WTC-Trümmer für die Nachwelt

08. Apr 2004 11:07
Ground Zero
Der Neubau auf Ground Zero könnte sich verzögern: Stadt und Angehörige von Opfern sind sich nicht einig, welche Überreste des World Trade Center im Original erhalten werden sollen.

Von Miriam Vieregger, New York

Ground Zero, dieses mehrere Häuserblocks umfassende Loch mitten in Manhattan, zieht immer noch Touristen an, obwohl es fast wie eine gewöhnliche Grossbaustelle aussieht. Eine Baustelle, auf der es zur Zeit allerdings nicht voran geht.

Zu tun gäbe es genug. Eigentlich soll nämlich am 11. September, dem dritten Jahrestag der Terroranschläge auf das World Trade Center, der Grundstein für einen neuen Gebäudekomplex gelegt werden. Aber die Arbeit ruht, weil Bauunternehmer und Ingenieure das Ergebnis eines komplizierten Verfahrens abwarten müssen, das seit Anfang des Jahres läuft.

Steit um Fußabdrücke

Es geht in diesem Verfahren darum, was in und um Ground Zero als «historisch wertvoll» bewertet wird. Der Eintrag bestimmter geografischer oder baulicher Merkmale ins nationale Denkmalschutz-Register würde bedeuten, dass sie bei der Neubebauung bewahrt werden müssten. Dies könnte entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung des gesamten Geländes um den geplanten «Freedom Tower» herum haben.

Basis eine Säule auf Ground Zero
Ein Beispiel sind die so genannten Fußabdrücke der Zwillingstürme, die am Boden von Ground Zero – markiert durch die im Felsgrund zurück gebliebenen Verankerungen von Stahlsäulen - zu erkennen sind. Zwar nehmen die quadratischen Fundamentumrisse in Michael Arads und Peter Walkers Entwurf für das «9/11 memorial» einen zentralen Platz ein. Aber der Plan sieht vor, das Becken von Ground Zero aufzufüllen und lediglich die Form der Fußabdrücke mehrere Meter über dem jetzigen Grund nachzuempfinden, anstatt die Originale zu konservieren. Sollten die «footprints» ins Register eingetragen werden, muss der Entwurf geändert werden.

Verzögerungen beklagt

Über das Denkmalschutz-Procedere haben sich alle beteiligten Parteien in den vergangenen zwei Monaten empört. Hinterbliebene von 9/11-Opfern und mehrere Konservatoren beschuldigen die Behörden, an einer gründlichen Bestandsaufnahme uninteressiert zu sein. «Wir müssen annehmen, dass die Verantwortlichen der Legende erlegen sind, Denkmalschutz bedeute immer gleichzeitig auch eine Verzögerung von Bauvorhaben, und sich deshalb so unkooperativ zeigen», klagten mehrere Angehörigen-Organisationen im Februar in einem Brief ans Ministerium für Städtebau.

Die Lower Manhattan Development Corporation (LMDC), die nach dem 11. September gegründet wurde, um die Wiedererschließung des WTC-Geländes zu koordinieren, und die das Verfahren leitet, weist alle Vorwürfe zurück: «Die Anstrengungen der LMDC, die Öffentlichkeit in diesen Prozess einzuschließen, sind beispiellos», verteidigte der Präsident der LMDC, Kevin Rampe, das Verfahren.

Symbole gegen Konkretes

Kernpunkt der Kritik, die Angehörige und Konservatoren vorbringen: Die LMDC hat sich bisher geweigert, konkrete Gegenstände oder Bausubstanz wie die Fußabdrücke in ihrem Gutachten aufzuführen. Stattdessen argumentiert die LMDC auf abstrakter Ebene: Ihrer Meinung nach liegt die Historizität des Ortes vor allem in seiner Symbolik, nicht aber in konkreten baulichen Merkmalen, die nach dem Zusammensturz übrig blieben.

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Für die meisten Angehörigen ist das inakzeptabel. Für sie bedeuten die sichtbaren Spuren des echten World Trade Center Schmerz und Trost zugleich. «Wir müssen die Fußabdrücke bewahren, und wir müssen Teile der Ruine zurück zu Ground Zero bringen», sagt Anthony Gardner, dessen Bruder im World Trade Center ums Leben kam. «Das sind wir nicht nur den Opfern schuldig sondern auch kommenden Generation - nur wenn die Leute hier auch in 50 Jahren noch die Dimensionen der echten Stahlträger sehen können, werden sie die historische Bedeutung und die Ausmaße der Gräuel des 11. September begreifen können.»

Schutt unter Denkmalschutz stellen

Die Familien wollen, dass nicht nur vorhandene Substanz in Ground Zero sondern auch die wichtigsten Teile aus den 11,8 Millionen Tonnen Bauschutt, die nach dem 11. September von dort abtransportiert wurden, unter Denkmalschutz gestellt werden. Deshalb forderten sie Ende Februar die Behörden auf, allen interessierten Parteien einen Überblick darüber zu verschaffen, was an Trümmern der Zwillingstürme noch vorhanden ist. «Wir wollen wissen, was es noch gibt», sagt Gardner, der im Vorstand der Organisation «Coalition of 9/11 Families» sitzt. «Riesige Mengen Stahl vom WTC wurden nach dem 11. September ins Ausland verscherbelt und dort eingeschmolzen. Das ist schlimm genug.»

Die LMDC und die New Yorker Port Authority, Verwalterin der WTC-Reststücke, beugten sich dem Druck. Im Hangar 17 am New Yorker John-F.-Kennedy-Flughafen lagert alles, was die Port Authority ab Oktober 2001 zusammen tragen ließ. Im März öffnete sie zum ersten Mal die Tore zu der ehemaligen Flugzeughalle.

Bizarre Sammlung

Es herrschte eine seltsame Mischung aus Museums- und Friedhofsehrfürchtigkeit, als die erste Gruppe von zehn Angehörigen und einer Konservatorin Mitte März Hangar 17 betrat. Die einzige Dekoration in dem von surrenden Neonröhren erleuchteten Lagerraum ist ein riesiges Sternenbanner. Zu sehen waren bizarr gekrümmte, zerborstene und angeschmolzene Stahlsäulen, Fahrräder mit geschmolzenen Reifen, zerquetschte Feuerwehrwagen und zwei Drehtüren der WTC-Metrostation.

Der letzte Stahlträger von Ground Zero
Das Herzstück der Sammlung ist «the last steel beam». Der etwa zehn Meter lange, quadratische Stahlträger wurde als letztes großes Stück der WTC-Ruine im Frühjahr 2002 abgerissen. Jetzt liegt der Koloss aufgebockt in einem klimaregulierten Zelt, wo Restaurateure behutsam seine rostige Oberfläche bearbeiten. Die Säule ist dekoriert mit Fotos von Opfern und handgeschriebenen Zeilen, die Abbruchexperten und Feuerwehrmänner während der Aufräumarbeiten angebracht hatten. «You ran into hell, now you walk with angels» (Du bist in die Hölle geraten, jetzt gehst du an der Seite der Engel), steht auf einer Seite. Daneben, mit Paketband aufgeklebt, hängt der vergrößerte Ausdruck eines Fotos von Christian Regenhard. Er war einer der 343 Feuerwehrmänner die im World Trade Center umkamen.

Eingreifen der Bush-Regierung möglich

Der Abschlussbericht zur Historizität von Ground Zero und WTC-Resten soll in der kommenden Woche veröffentlicht werden. Diese wird aber nur dann geschehen, wenn sich aufgebrachte Mitglieder von Angehörigen-Organisationen nicht noch entscheiden, gegen die LMDC vor Gericht zu ziehen.

In diesem Fall würde die Grundsteinlegung am dritten Jahrestag der Anschläge für die LMDC ausfallen - und für George W. Bush, der als Ehrengast geladen ist. Allerdings würde besagte Zeremonie eine glänzendes PR-Event im Wahlkampf des Präsidenten abgeben, knappe sieben Wochen vor der Wahl. Gut möglich, dass dies Motivation genug für das Weiße Haus ist, in den kommenden Tagen noch vermittelnd in das Denkmalschutz-Verfahren einzugreifen.

 
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