«Italienische Terroristen lernen von Al Qaeda»
«Es sind gewaltbereite Aktivisten, die aus dem rechten oder linken Spektrum kommen und sich für die Aktionen spontan zusammengefunden haben», vermutet der deutsche Terrorismusforscher Kai Hirschmann. Er ist stellvertretender Direktor des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik (Iftus), einer kleinen Arbeitsgruppe, die sich seit Jahren mit diesem Thema beschäftigt.
«Natürlich können das ein paar lokale Durchgeknallte sein», so Hirschmann. «Doch wer solche Aktionen macht, ist eigentlich gut vernetzt, Inselterrorismus gibt es nicht mehr.» Wahrscheinlicher sei daher, dass es Menschen seien, «die mitten in der Gesellschaft leben und bereit sind, für bestimmte Ideologien spontan Gewalt auszuüben und sich dafür zu Terrorzellen zusammenfinden». Sie agierten nicht im Untergrund, sondern nutzten eher «Knotenpunkte», bestimmte Orte, um die Taten zu planen. Für Hirschmann ein Merkmal, dass bisher vor allem Al Qaeda auszeichnete.
Das Mudschaheddin-Netzwerk hat sich aufgrund des Verfolgungsdrucks mehrfach neu organisiert. Inzwischen fungiert es lediglich als ideologischer Überbau, die einzelnen Attentate werden von lokalen Gruppen unabhängig von einer zentralen Planung finanziert und verübt. Es gehe doch vor allem darum, so Hirschmann, so lange wie möglich handeln zu können, ohne vom Staat zerschlagen zu werden. Und da habe Al Qaeda offensichtlich ein erfolgreiches Prinzip entwickelt.
Die politische Motivation der italienischen Aktivisten zu bestimmen, sei allerdings schwierig. Bis die italienische Regierung Anarchisten als Täter ausgemacht habe, hätte man als Verantwortliche auch gut extreme Nationalisten vermuten können. Es könnten von Autonomen bis hin zu militanten Globalisierungsgegnern ganz verschiedene Gruppen sein.
Zwar wurden bisher nur europäische Ziele angegriffen, doch lasse das nicht auf das warum schließen. Offenbar gehe es der Gruppe um die europäischen Integrationsbestrebungen, ob sie jedoch vor allem die innereuropäische Politik, oder die der EU weltweit bekämpfen wolle, lasse sich nicht erkennen, da sie nicht mit der Öffentlichkeit kommuniziere.
Vielleicht aber sei das Schweigen der italienischen Gruppe nur eine Taktik, so Hirschmann. «Durch die stillen Attentate ist die Presse gezwungen, sich mit dem Phänomen zu beschäftigen und Mutmaßungen anzustellen, so wie diese hier. Mit einem klaren Bekennerschreiben wäre dagegen alles schnell erledigt gewesen. Vielleicht bekommen sie durch die Presse ja auch erst ein paar Ideen für Begründungen ihrer Attentate.»
Für das Web ediert von Kai Biermann
