«Italienische Terroristen lernen von Al Qaeda»
06. Jan 2004 13:04
 | Briefbombe im EU-Parlament in Brüssel | Foto: AP |
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Das Prinzip Al Qaeda ist die Blaupause für andere terroristische Strukturen, glaubt Terrorismusforscher Hirschmann: Eine spontan gebildete Terrorzelle könne für die Briefbomben auf die EU verantwortlich sein.
Eine Serie von Briefbomben beschäftigt zurzeit italienische und europäische Behörden. Wer sie verschickt, ist trotz intensiver Ermittlungen bisher völlig unklar. Terrorexperten vermuten: Die Täter haben von Al Qaeda gelernt.
Der Taten beschuldigt werden von der italienischen Regierung Mitglieder der autonomen Szene – eine anarchistische Gruppe namens «Federazione Anarchica Informale» (FAI) soll für die eher Brandbomben zu nennenden Sprengsätze verantwortlich sein. Diese Gruppe war zuvor nicht in Erscheinung getreten.«Es sind gewaltbereite Aktivisten, die aus dem rechten oder linken Spektrum kommen und sich für die Aktionen spontan zusammengefunden haben», vermutet der deutsche Terrorismusforscher Kai Hirschmann. Er ist stellvertretender Direktor des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik (Iftus), einer kleinen Arbeitsgruppe, die sich seit Jahren mit diesem Thema beschäftigt.
Wie Al Qaeda
Nach seiner Ansicht ist an den Tätern vor allem eines auffällig, dass sie Organisations-Prinzipien von Al Qaeda übernommen haben und dass sie sich in Bologna auskennen. «Al Qaeda ist zu einer Blaupause geworden. Terroristen lernen offenbar aus der Vergangenheit.»«Natürlich können das ein paar lokale Durchgeknallte sein», so Hirschmann. «Doch wer solche Aktionen macht, ist eigentlich gut vernetzt, Inselterrorismus gibt es nicht mehr.» Wahrscheinlicher sei daher, dass es Menschen seien, «die mitten in der Gesellschaft leben und bereit sind, für bestimmte Ideologien spontan Gewalt auszuüben und sich dafür zu Terrorzellen zusammenfinden». Sie agierten nicht im Untergrund, sondern nutzten eher «Knotenpunkte», bestimmte Orte, um die Taten zu planen. Für Hirschmann ein Merkmal, dass bisher vor allem Al Qaeda auszeichnete.
Das Mudschaheddin-Netzwerk hat sich aufgrund des Verfolgungsdrucks mehrfach neu organisiert. Inzwischen fungiert es lediglich als ideologischer Überbau, die einzelnen Attentate werden von lokalen Gruppen unabhängig von einer zentralen Planung finanziert und verübt. Es gehe doch vor allem darum, so Hirschmann, so lange wie möglich handeln zu können, ohne vom Staat zerschlagen zu werden. Und da habe Al Qaeda offensichtlich ein erfolgreiches Prinzip entwickelt.
Aufmerksamkeit, nicht Tote
Im Gegensatz zu Al Qaeda scheine die Briefbomben-Gruppe aber nur Aufmerksamkeit zu wollen, keine Toten. Sämtliche Sprengsätze seien nicht gebaut worden, um zu töten oder schwer zu verletzen. Offenbar versuche man, «eine wirre politische Motivation mit einem Knalleffekt zu versehen, der diese Motivation bei der Bevölkerung nicht sofort diskreditiert», so Hirschmann.Die politische Motivation der italienischen Aktivisten zu bestimmen, sei allerdings schwierig. Bis die italienische Regierung Anarchisten als Täter ausgemacht habe, hätte man als Verantwortliche auch gut extreme Nationalisten vermuten können. Es könnten von Autonomen bis hin zu militanten Globalisierungsgegnern ganz verschiedene Gruppen sein.
Vage politische Ziele
Bisher wurde lediglich ein Flugblatt gefunden, in dem vage Ziele beschrieben sind. Ein Zusammenschluss von «Einzelpersonen und Gruppen» kündigte darin an, denjenigen, die ihnen im Wege stünden, das Leben schwer zu machen. Der Text lag nahe der Privatwohnung von EU-Kommissionspräsident Romano Prodi in Bologna. Dort waren zwei Brandsätze explodiert, einer in einem Müllcontainer und einer in einem Brief, der an Prodis Frau geschickt worden war. «Wahrscheinlich ist es eine lokale Gruppe aus Bologna, sie müssen sich gut bei Prodi auskennen», so Hirschmann.Zwar wurden bisher nur europäische Ziele angegriffen, doch lasse das nicht auf das warum schließen. Offenbar gehe es der Gruppe um die europäischen Integrationsbestrebungen, ob sie jedoch vor allem die innereuropäische Politik, oder die der EU weltweit bekämpfen wolle, lasse sich nicht erkennen, da sie nicht mit der Öffentlichkeit kommuniziere.
Medienstrategie
Al Qaeda nutzt seit dem 11. September 2001 gezielt die Medien, um mit Anhängern und Gegnern zu kommunizieren. Zuvor jedoch habe man keine Begründungen für die Anschläge geliefert und lediglich nach dem Motto «schweigen und morden» gehandelt.Vielleicht aber sei das Schweigen der italienischen Gruppe nur eine Taktik, so Hirschmann. «Durch die stillen Attentate ist die Presse gezwungen, sich mit dem Phänomen zu beschäftigen und Mutmaßungen anzustellen, so wie diese hier. Mit einem klaren Bekennerschreiben wäre dagegen alles schnell erledigt gewesen. Vielleicht bekommen sie durch die Presse ja auch erst ein paar Ideen für Begründungen ihrer Attentate.»
Für das Web ediert von Kai Biermann