netzeitung.deFrankreich vor fundamentalem Wandel im Umgang mit Einwanderern und ihren Kindern

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Frankreich ist prinzipiell egalitär, so galt die gezielte institutionelle Förderung von Immigranten und ihren Nachkommen bislang als unangebracht. Die Regierung gibt sich jetzt entschlossen, das zu ändern.

Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy, ein Mann der harten rechtsbürgerlichen Linie, hat eine Debatte angestoßen, die die bisherigen Grenzen politischer Korrektheit Frankreichs in Frage stellt. In einer Fernsehsendung war er Ende November dafür eingetreten, die Integration von Immigranten in Frankreich durch positive Diskriminierung zu fördern, ja, er wolle dafür sorgen, dass es «moslemische Präfekten» gebe. Die Äußerung hat die Regierung inzwischen veranlasst, sich demonstrativ zu einer «wahren Politik der Gleichheit» (Premier Raffarin) zu bekennen.

Sarkozy muss sich über die Lautstärke der Reaktion selbst gewundert haben, wirkte seine Rechtfertigung, mit «moslemisch» habe er nur grundsätzlich Einwanderer aus Nordafrika gemeint, doch für seine Verhältnisse ungewöhnlich linkisch. Man warf dem Innenminister, dessen grundsätzliche Sympathie für Einwanderer durchaus in Frage steht, einen Verstoß gegen das eherne Prinzip der Rasse- und Religionsblindheit der französischen Republik vor. Ausgerechnet auf dem Höhepunkt einer neuen Debatte über das Verbot des als religiöse Demonstration verstandenen moslemischen Kopftuches an Schulen fiel sich Sarkozy, ohnehin kein Verfechter eines eigenen Gesetzes gegen das Kopftuch, als Verwalter der Religionsferne des Staates sozusagen selbst in den Rücken.

«Ein Präfekt hat nicht irgendeine Religion zu haben, denn er vertritt den Staat», belehrt Nicolas Baverez, Autor eines derzeit sehr erfolgreichen Buches über den Untergang Frankreichs und seiner Werte, «La France qui tombe», den Minister. Und der Präsident der Organisation SOS Racisme weist darauf hin, dass auch positive Diskriminierung die Zugehörigkeit des Geförderten zu einer bestimmten Gruppe betone und damit keinen integrierenden Effekt habe.

Um die Fakten gedrückt
Die politisch Korrekten, die sich im Sinne des viel beschworenen, aufgeklärten und toleranten «republikanischen Geistes» auch als die korrekteren Franzosen sehen können, drücken sich nach Ansicht ihrer Kritiker allerdings um die Fakten: Die von ihnen vorsichtig als «Bewohner problematischer Wohnviertel», «sozial Ausgegrenzte» und «Benachteiligte» bezeichneten Bewohner Frankreichs sind tatsächlich meist nordafrikanischer Herkunft und, ja, Moslems. Benachteiligt sind sie allerdings, was dazu führt, dass sie vielfältige Probleme haben - und machen.

Auch wenn viele von ihnen der Staatsangehörigkeit nach Franzosen sind, haben sie eine abgrenzbare Kultur - bis hin zu einer je nach Wohnquartier differenzierten Kleingruppensoziologie und einer eigenen, vor allem von der Jugend gepflegten und weiterentwickelten Sprache -, die sie innerhalb der französischen Gesellschaft als Vertreter einer Zwischenwelt ausweisen. Kulturell nicht mehr Orientalen und noch nicht Franzosen, entwickeln sie mehr und mehr Selbstbewusstsein und kehren die Diskriminierung, über die zu viel zu reden gegen das republikanische Tabu verstößt, ins Positive. Was in Deutschland der selbst ernannte «Kanak» ist, nennt sich in Frankreich «Kaffer» oder «Beur». Er lässt sich nichts bieten - und bekommt daher nichts geboten.

Keine Integration
Seit dem «Marsch der Beurs» vor zwanzig Jahren hat sich dies Selbstbewusstsein gefestigt, die damals geforderte Integration aber hat nicht stattgefunden. Die Elterngeneration, einst als willige und billige Arbeitskräfte geschätzt, hat diesem Fremdbild vielfach in stiller Rebellion die religiöse Tradition entgegengestellt, eine Selbst-Orientalisierung, die parallel zur Re-Islamisierung ihrer Heimatländer verlief. Für die Jugend gibt es die alten Jobs nicht mehr, genau genommen gibt es für diese Jugend praktisch keine Jobs. Sie behauptet sich gegen den rebellischen Konservatismus der Eltern in der Gegenrebellion ihrer «Gangsta-Kaffern»-Zwischenkultur oder - seltener, aber durchaus auffällig häufig - gegen den Duldergeist der Eltern und die westliche Kultur zugleich in religiös-politischer Radikalisierung.

Der damalige Präsident Mitterand hatte Immigranten aus Nordafrika auf den «Marsch» hin langfristige Aufenthaltserlaubnisse zugesagt. Das hat sich inzwischen als hilfloser bürokratischer Akt erwiesen, denn es konnte die wachsende soziale Ausgrenzung der «Beurs» nicht aufhalten, genau so wenig wie Gesetze gegen Diskriminierung und rassistische Hetze oder die gut gemeinte Kampagne «Rühr' meinen (ausländischen) Kumpel nicht an». Einwanderer und Franzosen arabischer Herkunft wissen endlose Geschichten zu erzählen von telefonischen Bewerbungen, bei denen sie zunächst im lockeren Plauderton einen Vorstellungsgesprächstermin vereinbaren, um dann nach der ersten Nennung ihres Namens ein eisiges, «Ach, ich sehe gerade, der Termin ist doch nicht frei, wir rufen Sie an», zu hören zu bekommen. Viele versuchen erst gar nicht, sich schriftlich zu bewerben. Am Telefon besteht wenigstens die Chance, den Gesprächspartner schon mit schönstem französischen Charme umgarnt zu haben, bevor er den Bewerber als «Ali» oder «Yusuf» erkennt.

Einwanderer bevorzugt
Umgekehrt ist positive Diskriminierung zwar Tabu, aber, wenn auch selten, längst gang und gäbe, wie die Presse nach Sarkozys Äußerung herausgefunden hat: Mancher Arbeitgeber bevorzugt Einwandererkinder mit gleichwertigem Lebenslauf, weil sie es deutlich schwerer haben, an den Platz neben dem ebenbürtigen französischen Bewerber vor dem Schreibtisch des Personalchefs zu gelangen: Es gehe dabei allein um die Bewertung von Leistung, sagt einer der Chefs, die so handeln.

Wer Einwandererkinder eher benachteiligt, die überwiegende Mehrheit also, beruft sich ebenfalls, wenn er nicht sowieso Rassist ist und nicht weiter als mit Hass argumentiert, auf die schwierige Herkunft des Bewerbers aus dem Ghetto, sieht sie aber als Hindernis für echte Team- und Leistungsfähigkeit. Das soziale Stigma bewirkt also meist die fortgesetzte soziale Stigmatisierung und deren Folgen.

Aktive Politik
Der Innenminister, der besonders hart gegen die extrem hohe Kriminalität der Problemviertel vorgeht und dort - sichtbar etwa in den «arabischen» Wohnvierteln der Marseiller Innenstadt - für eine Polizeipräsenz von einer Intensität jenseits der Lächerlichkeit gesorgt hat, unternimmt mit seinem Vorstoß den Versuch zur aktiven Politik an der Wurzel des Problems. Die Ansätze dazu hatte die sozialistische Vorgängerregierung gelegt, die unter «Problem-Jugendlichen» Helfer der Polizei rekrutierte, die den Auftrag hatten, durch Kommunikation für «Nähe» und Verständnis zwischen Staatsmacht und sozial Ausgegrenzten zu sorgen.

Die Debatte über Sarkozys polarisierende Worte hat jetzt aber weiter reichende Folgen als nur die verstärkte Rekrutierung arabischstämmiger Polizeischüler. Premierminister Jean-Pierre Raffarin hat mit einem neuen Integrations-Programm reagiert. Von positiver Diskriminierung ist darin nicht die Rede, er spricht von «positiver Mobilisation», die nicht die «Einwandererquote» bedeute, sondern «die Fenster zu öffnen», damit die «französischen Talente ausländischer Herkunft bessere Bedingungen vorfinden» - in der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt, im öffentlichen Dienst.

«Die Schlacht beginnt in der Schule», sagt Raffarin und erklärt die Talentförderung in den Ghettos gleich zu einem potenziellen Unterprojekt der großen, dezentralisierenden Schulreform, die er gerade unternimmt. Und in der Politik will er schon bei den Regionalwahlen im März die Beteiligung aus der Immigration stammender Kandidaten besonders unterstützen. Streng nach der Maßgabe des «republikanischen Geistes» vermeidet Raffarin bei seinem Projekt Unworte, auch wenn nicht zu bestreiten ist: Einige der geförderten Kandidaten werden wohl Moslems sein.


Für das Web ediert von Joachim Widmann