Frankreich vor fundamentalem Wandel im Umgang mit Einwanderern und ihren Kindern
04.12.2003
Herausgeber: netzeitung.de
«Ein Präfekt hat nicht irgendeine Religion zu haben, denn er vertritt den Staat», belehrt Nicolas Baverez, Autor eines derzeit sehr erfolgreichen Buches über den Untergang Frankreichs und seiner Werte, «La France qui tombe», den Minister. Und der Präsident der Organisation SOS Racisme weist darauf hin, dass auch positive Diskriminierung die Zugehörigkeit des Geförderten zu einer bestimmten Gruppe betone und damit keinen integrierenden Effekt habe.
Auch wenn viele von ihnen der Staatsangehörigkeit nach Franzosen sind, haben sie eine abgrenzbare Kultur - bis hin zu einer je nach Wohnquartier differenzierten Kleingruppensoziologie und einer eigenen, vor allem von der Jugend gepflegten und weiterentwickelten Sprache -, die sie innerhalb der französischen Gesellschaft als Vertreter einer Zwischenwelt ausweisen. Kulturell nicht mehr Orientalen und noch nicht Franzosen, entwickeln sie mehr und mehr Selbstbewusstsein und kehren die Diskriminierung, über die zu viel zu reden gegen das republikanische Tabu verstößt, ins Positive. Was in Deutschland der selbst ernannte «Kanak» ist, nennt sich in Frankreich «Kaffer» oder «Beur». Er lässt sich nichts bieten - und bekommt daher nichts geboten.
Der damalige Präsident Mitterand hatte Immigranten aus Nordafrika auf den «Marsch» hin langfristige Aufenthaltserlaubnisse zugesagt. Das hat sich inzwischen als hilfloser bürokratischer Akt erwiesen, denn es konnte die wachsende soziale Ausgrenzung der «Beurs» nicht aufhalten, genau so wenig wie Gesetze gegen Diskriminierung und rassistische Hetze oder die gut gemeinte Kampagne «Rühr' meinen (ausländischen) Kumpel nicht an». Einwanderer und Franzosen arabischer Herkunft wissen endlose Geschichten zu erzählen von telefonischen Bewerbungen, bei denen sie zunächst im lockeren Plauderton einen Vorstellungsgesprächstermin vereinbaren, um dann nach der ersten Nennung ihres Namens ein eisiges, «Ach, ich sehe gerade, der Termin ist doch nicht frei, wir rufen Sie an», zu hören zu bekommen. Viele versuchen erst gar nicht, sich schriftlich zu bewerben. Am Telefon besteht wenigstens die Chance, den Gesprächspartner schon mit schönstem französischen Charme umgarnt zu haben, bevor er den Bewerber als «Ali» oder «Yusuf» erkennt.
Wer Einwandererkinder eher benachteiligt, die überwiegende Mehrheit also, beruft sich ebenfalls, wenn er nicht sowieso Rassist ist und nicht weiter als mit Hass argumentiert, auf die schwierige Herkunft des Bewerbers aus dem Ghetto, sieht sie aber als Hindernis für echte Team- und Leistungsfähigkeit. Das soziale Stigma bewirkt also meist die fortgesetzte soziale Stigmatisierung und deren Folgen.
Die Debatte über Sarkozys polarisierende Worte hat jetzt aber weiter reichende Folgen als nur die verstärkte Rekrutierung arabischstämmiger Polizeischüler. Premierminister Jean-Pierre Raffarin hat mit einem neuen Integrations-Programm reagiert. Von positiver Diskriminierung ist darin nicht die Rede, er spricht von «positiver Mobilisation», die nicht die «Einwandererquote» bedeute, sondern «die Fenster zu öffnen», damit die «französischen Talente ausländischer Herkunft bessere Bedingungen vorfinden» - in der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt, im öffentlichen Dienst.
«Die Schlacht beginnt in der Schule», sagt Raffarin und erklärt die Talentförderung in den Ghettos gleich zu einem potenziellen Unterprojekt der großen, dezentralisierenden Schulreform, die er gerade unternimmt. Und in der Politik will er schon bei den Regionalwahlen im März die Beteiligung aus der Immigration stammender Kandidaten besonders unterstützen. Streng nach der Maßgabe des «republikanischen Geistes» vermeidet Raffarin bei seinem Projekt Unworte, auch wenn nicht zu bestreiten ist: Einige der geförderten Kandidaten werden wohl Moslems sein.
Für das Web ediert von Joachim Widmann
