04.09.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Der Biowaffenexperte Kelly ist von der suggestiven Fragetechnik eines BBC-Reporters überrascht worden. Eine frühere Kollegin schilderte vor dem Hutton-Ausschuss, wie es zu Kellys entscheidender Aussage kam. Thema: Kelly-Affäre Kelly warnte in E-Mail vor "dunklen Akteuren" Psychologe: Kelly beging Selbstmord Hausarzt: Kelly war nicht depressiv
Der britische Waffenexperte David Kelly ist nach Angaben einer Zeugin von den Fragen des BBC-Reporters Andrew Gilligan aus der Fassung gebracht worden. Kellys frühere Kollegin Olivia Bosch sagte vor dem Hutton-Ausschuss, der den Tod Kellys untersucht, dass er ihr das nicht genehmigte Interview geschildert habe. Der BBC zufolge hatte Kelly in dem Gespräch erzählt, die britische Regierung habe ein Dossier über die von Irak ausgehende Bedrohung verfälscht, um einen Krieg zu rechtfertigen.
Die Zeugin berichtete indessen unter Berufung auf Kelly, dass ihm dieser Vorwurf buchstäblich in den Mund gelegt worden sei.
Gilligan spielte Namensspiel mit Kelly«Er war von der Art und Weise Gilligans befremdet, Informationen zu erhalten», sagte sie. Der Journalist habe ein Namensspiel veranstaltet, um die Identität desjenigen festzustellen, der das Irak-Dossier für die britische Regierung dramatisiert hatte.
«Der erste Name, den er (Gilligan) nannte, und das sehr schnell, war (Alastair) Campbell», sagte Bosch. Campbell - inzwischen ist er zurückgetreten - war damals noch Kommunikationsdirektor der britischen Regierung und engster Berater von Premier Tony Blair. Kelly habe sich als Staatsbediensteter von der Frage überrumpelt gefühlt und daher «vielleicht» geantwortet.
Version des Reporters weicht abGilligan hatte am 6. Juni in der Zeitung «Mail on Sunday» den Vorgang anders dargestellt. «Ich fragte ihn, wie dies passiert sei. Er (der damals noch nicht namentlich bekannte Kelly) antwortete mit einem einzigen Wort: Campbell.»
Kelly hatte nach Bekanntwerden seiner Identität als bis dahin ungenannte Quelle des BBC-Berichts in Zweifel gezogen, der einzige Gesprächspartner der BBC in Sachen Irak-Dossier gewesen zu sein. Im Zuge der Hutton-Ermittlung hat sich inzwischen herausgestellt, dass Kelly wahrscheinlich nicht über den gesamten Entstehungsprozess des umstrittenen Dossiers informiert gewesen war und auch nicht alle Geheimdienstdokumente kannte, auf die es Bezug nimmt.
Vorwurf des Aufsexens gegen GilliganGilligan ist daher seinerseits vorgeworfen worden, seinen folgenschweren Bericht über durch Campbell «aufgesexte» Regierungsinformationen in nicht unerheblichem Maße selbst aufgesext zu haben.
Mit der Vernehmung von Kellys Kollegin schloss Hutton die erste Phase der Anhörung ab. Nun wollen die Richter in London die Ergebnisse auswerten, und anschließend seine Arbeit am 15. September fortsetzen. (nz)