CNN-Chef fordert Selbstzensur
31.10.2001
Herausgeber: netzeitung.de
CNN-Chef fordert Selbstzensur
«Pervers» findet es CNN-Vorsitzende Walter Isaacson, wenn vom Krieg in Afghanistan nur Tote und Leid zu sehen sind. Er forderte seine Korrespondenten auf, «ausgewogener» zu berichten. Thema: Kampf gegen den Terror NZ-Spezial Taliban: 1500 Tote durch ...
Der Vorsitzende des US-Nachrichtensenders Walter Isaacson hat seine Auslandskorrespondenten aufgefordert, weniger über das Leid des Krieges in Afghanistan und mehr über die Machenschaften des Taliban-Regimes zu schreiben.
«Wir müssen berichten, dass die Taliban Zivilisten als Schutzschilder benutzen und den Terroristen Unterschlupf bieten, die für den Tod von bis zu 5000 unschuldigen Menschen verantwortlich sind«, heißt es angeblich in einem internen Memorandum, von dem die »Washington Post« berichtet. Es erscheine ihm »pervers«, zu viel über Tote und Leid in Afghanistan zu berichten.
»Keine Propaganda auf CNN«In einem Interview hatte der CNN-Chef am Dienstag gesagt, dass sein Sender keine Propaganda-Plattform werden solle: »Die Menschen müssen den Zusammenhang mit dem Terrorismus verstehen, wenn sie die Bilder vom Leid der Zivilisten sehen.«
Bei anderen Sendern wurde Isaacsons Richtlinie eher skeptisch aufgenommen. So zitiert die «Washington Post» den Produzenten der «CBS Evening News», Jim Murphy, mit den Worten: «Ich würde niemals jemandem befehlen, etwas derartiges zu tun. Unsere Korrespondenten sind schlau genug zu wissen, dass alles in den entsprechenden Zusammenhang eingeordnet werden muss.»
«Niemand macht daraus ein Geheimnis»Ähnlich die Reaktion von Bill Wheatley, stellvertretender Nachrichtenchef bei NBC. «Man sollte dem amerikanischen Volk mehr zutrauen. Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, jedesmal, wenn man Bilder von Afghanistan zeigt, zu sagen, 'dies ist eine Folge des 11. September'«. Niemand mache schließlich ein Geheimnis daraus, sagte er.
Fernsehzuschauer in Europa oder Asien werden von den Richtlinien, die Isaacson offenbar ausgegeben hat allerdings nichts mitbekommen. Wie Amelie Heinrichsdorf, Sprecherin von Turner Broadcasting CNN, der Netzeitung sagte, seien Isaacsons Äußerungen allenfalls auf den Kanal «CNN Headline News» und möglichwerweise auf CNN USA anzuwenden. Eine offizielle Stellungnahme zu dem Thema gebe es jedoch nicht.
Der Autor des Artikels in der »Post«, Howard Kurtz, hat pikanterweise selber eine Sendung bei CNN - er leitet dort ein wöchentliches Medienprogramm. Anfang Oktober lud er auf der Website des Senders zum Internet-Chat ein - zum Thema »Ethik der Medien während des Terror-Krieges«.