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David Baltimore – Nobelpreis und Skandal

20. Jul 2001 16:17, ergänzt 21. Jul 2001 07:00
David Baltimore - Präsident des California Institute of Technology,
David Baltimore gilt als einer der einflussreichsten Biologen unserer Zeit, ein Wegbereiter der Gentechnik. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde er durch den «Fall Baltimore».

BERLIN. Vor einem Jahrzehnt wurde der Nobelpreisträger mehrere Male vor einen Kongressausschuss zitiert, der amerikanische Geheimdienst analysierte Laboraufzeichnungen. Der Skandal zwang David Baltimore zum Verzicht auf sein Amt als Universitätspräsident. Nach seiner Rehabilitierung durch ein Gerichtsurteil 1996 wurde er 1998 Präsident des renommierten California Institute of Technology.

Von RNA zu DNA: reverse Transkription

Den Nobelpreis erhielt Baltimore 1975 für seine Arbeit an Retroviren. Deren Erbsubstanz besteht nicht aus DNA, sondern aus RNA. Diese Nukleinsäure dient normalerweise als «Arbeitskopie» zur Synthese von Proteinen: Die Information der DNA im Zellkern wird durch komplementäre Produktion von mRNA (messenger RNA = Boten-RNA) abgelesen und aus dem Kern transportiert. Baltimore fand heraus, dass der Prozess bei den Retroviren in die andere Richtung verläuft, das Ableseprodukt der Viren-RNA ist DNA. Damit kippte das Dogma, dass der Informationsfluss immer von DNA zu RNA verläuft. Für die «umgekehrte Abschreibung» war das Enzym reverse Transkriptase verantwortlich, eine Entdeckung mit weitreichenden Konsequenzen. Die reverse Transkriptase ermöglicht eine grundlegende Methode der Gentechnik: funktionelle mRNA aus Zellen zu «fischen» und eine komplementäre DNA zu kopieren, die cDNA (copy DNA). Diese kann in Bakterien oder andere Zellen eingebaut werden und ermöglicht die Produktion der entsprechenden Proteine.

Berühmte Publikation in Cell

Nobelpreisträger David Baltimore im Alter von 37 Jahren.
Baltimore war 37 Jahre, als er mit dem Nobelpreis gewürdigt wurde. Seit 1968 war er am Massachusetts Institute of Technology und baute im Laufe der Zeit eine riesige Arbeitsgruppe auf, dort wurde «Big Science» betrieben, die Art von Wissenschaft, die kritische Geister wie Erwin Chargaff mit tiefem Misstrauen sehen. Baltimore ist Autor von hunderten von Publikationen, die er zusammen mit seinen Dutzenden Mitarbeitern verfasst hat. Eine dieser Veröffentlichungen wurde über die Fachwelt hinaus berühmt, Grundlage für den «Fall Baltimore». Ausgelöst wurde der Aufruhr durch eine Nachwuchswissenschaftlerin im eigenen Labor, die über Unstimmigkeiten in der 1986 in der Fachzeitschrift Cell publizierten Studie stolperte. Als ihre Nachfragen und Kritik von der Laborleitung harsch abgebürstet wurden, wandte sie sich an Freunde, die Geschichte machte die Runde und wurde publik.

Secret Service im Labor

Mehr im Internet:
Bald war nicht mehr von Unstimmigkeiten die Rede, sondern von wissenschaftlichem Betrug. Baltimore selber wurde grundsätzlich keine Absicht vorgeworfen, verantwortlich und federführend für die Arbeit war eine seiner Mitarbeiterinnen. Er stellte sich jedoch voll hinter die Kollegin und ließ keine Kritik an der Publikation zu. Die Affäre weitete sich aus, der Kongress veranstaltete mehrere Anhörungen, der Secret Service rückte mit Spezialisten ins Labor ein und stellte anhand von Analysen von Tinten und Papier Manipulationen an Aufzeichnungen fest. Mittlerweile rückten Kollegen von Baltimore ab, nach nur 18 Monaten sah er sich unter großem Mediengetöse zum Rückzug vom 1990 aufgenommenen Posten als Präsident der New Yorker Rockefeller Universität gezwungen. In einer Stellungnahme räumte er letztendlich ein, dass er sich in falsch verhalten hätte und entschuldigte sich bei der skrupulösen Nachwuchswissenschaftlerin für seine Angriffe. Außerdem wurde jetzt die Publikation in Cell, der Stein des Anstoßes, zurück gezogen.

Happy End

Mehr in der Netzeitung:
  • Strafe für betrügerische Krebsforscher 04. Mai 2001 21:31
  • Die Wissenschaft des Abschreibens 01. Mrz 2001 08:41, ergänzt 13:26
  • Die Affäre bekam aber noch eine glückliche Wendung. Die hauptverantwortliche Mitarbeiterin hatte gegen Sanktionen geklagt, unter denen sie zu leiden hatte. 1996 bekam sie vor dem Gericht recht, weil die Ermittlungen des Secret Service und andere Indizien die Richter nicht überzeugen konnten. Jetzt wurde auch Kritik an den politischen Akteuren laut, Baltimore und Mitarbeiterin erschienen als Opfer einer Hexenjagd. Happy End: Sie hat heute eine Professur, Baltimore leitet die amerikanischen Forschungsaktivitäten zur Entwicklung einer Impfung gegen AIDS, ein Projekt mit einem Budget von mehreren 100 Millionen Dollar pro Jahr.
     
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