11. Mrz 2004 09:03, ergänzt 09:21
Die Argumentation kann ich nicht nachvollziehen. Diese Unternehmen entscheiden völlig frei, ob sie ausbilden wollen oder nicht. Sie bilden nur dann aus, wenn es sich lohnt – sonst unterlassen sie es heute schon. Das ist aber genau das Problem, das wir haben: Es wird zu wenig ausgebildet, weil zu viele Betriebe sagen, ein Azubi muss sich auch für uns lohnen. Von einem anderen Unternehmen Geld für die eigene Ausbildungsleistung verlangen können sie nicht – das ist rechtlich nicht zulässig.Die ausbildenden Unternehmen wissen ja ganz genau, dass sie nach Ende einer Lehre im Wettbewerb mit anderen Firmen stehen, die dem Azubi möglicherweise höhere Löhne zahlen. Sie können also gar nicht davon ausgehen, dass diejenigen, die sie ausbilden, später zu einem niedrigerem Lohn als am Markt erzielbar bei ihnen bleiben. Da sie das wissen, können sie das von Anfang an bei ihrer Entscheidung - ausbilden oder nicht - mit in Rechnung stellen. Wenn sie wirklich von anderen, größeren Unternehmen ausgebeutet würden, würde sie Lehrstellen deshalb gar nicht erst anbieten.
Netzeitung: Würde das nicht letztlich dazu führen, dass noch weniger Fachpersonal als heute ausgebildet wird? Fachkräftemangel gilt doch in Teilen der Wirtschaft als ernstes Wachstumshemmnis...
Eekhoff: Das ist richtig, und genau darüber wird zu recht geklagt. Aber: Die zu geringe Zahl von Ausbildungsplätzen liegt nicht daran, dass sich die heute ausbildenden Unternehmen ausgebeutet fühlen. Sondern es liegt daran, dass Ausbildung für die Unternehmen nicht attraktiv genug ist – beispielsweise, weil die Ausbildungsvergütungen zu hoch sind. Oder weil nicht die Möglichkeit besteht, längerfristige Verträge mit den Auszubildenden zu schließen, damit sie an die Firma gebunden werden – und zwar zu einem Lohn, der unter dem liegt, was man am Markt erzielen kann. Die Unternehmen werden auf diesem Wege für die Kosten der Ausbildung entschädigt. Die Zahlungen könnten übrigens auch von einem Unternehmen kommen, das den Lehrling später übernimmt und für den finanziellen Ausgleich sorgt.
Netzeitung: Wie kann unter diesen Bedingungen der politische – und sicher auch gesellschaftliche – Wille, jedem eine Lehrstelle anzubieten, umgesetzt werden? Die bisherige Selbstverpflichtung der Wirtschaft hat dieses Ergebnis eben nicht erbracht...
Eekhoff: Ich halte gar nichts von einer Selbstverpflichtung. Jeder Unternehmer muss für sich entscheiden, ob er es wirtschaftlich für vernünftig hält, einen Lehrling auszubilden. Eine Selbstverpflichtung führt dazu, dass Unternehmen, die die Ausbildung mehr kostet als sie bringt, trotzdem ausbilden. Hier liegt der Punkt: Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als die Lehrlingen für ihre Stelle 25 bis 30 Mark zahlen mussten – das nannte man Lehrgeld zahlen. Unsere Gesellschaft hat sich aber dazu entschlossen, dass Auszubildende soviel Geld bekommen sollen, dass sie davon leben können. Das kann nicht vernünftig sein.
Mit dem gleichen Recht müsste man dann fragen, warum nicht Studenten während ihrer Zeit an den Uni beim Staat angestellt werden – damit der für ihren Lebensunterhalt aufkommt. Das fordert aber niemand. Ich kann nur sagen: Wer in der Ausbildung ist, der muss für diese Zeit entweder etwas dafür zahlen oder wenigstens mit dem zufrieden sein, was der Ausbilder ihm für die von ihm erbrachten Leistung zu zahlen bereit ist.
Netzeitung: Die meisten Studenten müssen sich ihren Lebensunterhalt durch Nebenjobs zumindest zum Teil erarbeiten, Azubis können aber wohl kaum neben der betriebliche Ausbildung und der Berufsschule noch einen weiteren Job annehmen...
Eekhoff: Da will ich nicht lange argumentieren, sondern nur sagen: Dann ist das Studium falsch organisiert. Wenn wir Leute ausbilden, sollten sie auch ihre gesamte Zeit für die Ausbildung verwenden können. Das Beispiel, das Sie nennen, ist ein gutes dafür, dass die Studienzeiten viel zu lang sind. Der Auszubildende könnte sich ja schließlich auch etwas dazuverdienen. Er könnte ja auch ein Jahr Pause einlegen, um zwischendurch Geld zu verdienen.
Netzeitung: Wie stellen Sie Sich eine Ausbildung ohne Vergütung – oder sogar mit Kosten für den Lehrling – praktisch vor? Einige Azubis könnten dadurch von Sozialhilfe abhängig werden...
Eekhoff: Zunächst einmal sind mit Abstand die meisten Eltern in der Lage, etwas zur Ausbildung dazuzugeben. Selbst wenn die Vergütungen nur halb so hoch wären wie heute, ergäbe sich daraus in der Regel gar kein Problem. Insgesamt ist sehr viel Einkommen und Vermögen für die Unterstützung von Lehrlingen durch das Elternhaus da. Und: Die Eltern sind in der Regel auch bereit, etwas in ihre Kinder zu investieren, weil es den Kindern später höhere Einkommen ermöglicht. Das ist aber aus der Mode gekommen, weil der Staat sich der Sache annimmt.
Letztlich würde es sicher einige, sehr wenige Härtefälle geben, das ist richtig. Um die muss man sich kümmern. Das geht durch Kreditierung, wobei ähnlich dem Bafög für Studenten nur ein Teil zurückgezahlt werden müsste. Dafür wären vergleichsweise geringe Mittel erforderlich.
Netzeitung: Die Probleme bestehen gerade in Ostdeutschland: Dort gibt es kaum Ausbildungsplätze, wer eine Lehre machen will, sucht sich meist einen Platz in den alten Bundesländern. Diese Kosten sollen Ihrer Ansicht nach die Eltern tragen – zugleich liegen die Einkommen in den neuen Ländern deutlich unter dem Westniveau...
Eekhoff: Das stimmt zum Teil nicht. Es wird immer von einem Einkommensabstand von etwa 15 Prozent zwischen Ost- und Westdeutschland geredet. Tatsächlich sind die Realeinkommen für diejenigen in den neuen Bundesländern, die einen Arbeitsplatz haben, nicht wesentlich geringer. Die Wohnkosten etwa liegen im Osten bei nur rund der Hälfte des Westniveaus. Das muss man zu den Reallöhnen dazuzählen dürfen. Ich halte diese Diskussion für überzogen. Das eigentliche Problem ist doch, dass Regierung und Gewerkschaften massiv dazu beigetragen haben, dass es im Osten nur wenige Arbeitsplätze und damit auch wenig Ausbildungsplätze gibt.
Außerdem müsste die Ausbildungsvergütung gar nicht komplett wegfallen. Zunächst würde es sicher ausreichen, wenn ein Anstieg ausbleibt und über mehrere Jahre eine stabile Vergütung gezahlt wird. Man darf ja nicht außer Acht lassen, dass die Zahl der fehlenden Ausbildungsplätze gemessen an der Gesamtzahl der Lehrlinge eher gering ist.
Netzeitung: Außer den Forderungen nach einer Ausbildungsumlage gibt es noch andere Alternativvorschläge, so die Bildung eines wirtschaftsinternen Fonds zur Finanzierung der Ausbildung oder Vereinbarungen in Tarifverträgen über die Zahl der Ausbildungsplätze, etwa in der Chemiebranche. Was halten Sie von solchen Vorschlägen?
Eekhoff: Ich halte gar nichts davon. Das sind alles Krücken, die nicht funktionieren. Wenn die Wirtschaft einen Fonds auflegt, dann haben sie an Bürokratie dasselbe wie bei einer staatlich organisierten Abgabe. Wie hoch ist die Zahlung für jeden Betrieb, wer kriegt etwas aus dem Fonds? Solche Probleme löst der Markt von selber, wenn man ihn denn lässt. Die Verbände wollen der Wirtschaft nur vorgaukeln, dass ein Fonds ohne Staat einfacher zu regeln wäre. Dem ist aber nicht so.
Auch die Lösung über Tarifverträge ist keine. Denn mit ihnen kann nur die Höhe der Vergütung festgelegt werden. Dass man dabei kleine Zugeständnisse macht, die Betriebe aber gleichzeitig zu mehr Ausbildung verpflichtet – und dazu, die Lehrlinge später zu übernehmen, ist eine Regelung, die nicht auf die Wirklichkeit abgestimmt ist. Ich sehe keine Alternative zu einer Regelung, bei der sozialpolitische und verteilungspolitische Argumente nicht von vorneherein die Vergütung bestimmen, sondern gezielt für Auszubildende genutzt werden, die sich eine Ausbildung nicht leisten können.
Das Gespräch führte Kai Makus.