«Menschen wollen etwas leisten»12. Feb 2004 09:07 | | Bert Christmann |
Durch Personalführungs- und Managementtheorien geistert ein neuer Begriff: Der Intrapreneur. Ein Interview mit dem Bundesvorsitzenden der Wirtschaftsjunioren Deutschland über neue Formen der Beschäftigung.
Zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wird eine reguläre Festanstellung immer seltener vereinbart. Stattdessen treten Übergangsformen zwischen der abhängigen Beschäftigung und dem klassischen Selbstständigen oder Freiberufler immer häufiger auf. Nach dem festen freien Mitarbeiter, abwertend auch Scheinselbstständiger genannt, erobert nun der Intrapreneur den Arbeitsmarkt. Das englische Kunstwort ist abgeleitet von Intracorporate Entrepreneur, auf Deutsch etwa: «Unternehmer innerhalb eines Unternehmens». Die Netzeitung sprach mit dem Bundesvorsitzenden der Wirtschaftsjunioren Deutschland, Bert Christmann, über Vor- und Nachteile dieses Beschäftigungsverhältnisses. Netzeitung: Herr Christmann, die Industriesoziologie hat den Intrapreneur als «Arbeitskraftunternehmer» eingedeutscht. Was unterscheidet ihn vom klassischen Arbeitnehmer einerseits und vom Selbstständigen andererseits? Bert Christmann: Der Begriff ist nicht neu. Die ersten Intrapreneure gab es schon Mitte der 90er Jahre, als sich das Konzept des «lean management» durchsetzte und nicht mehr nur von den Top-Angestellten, sondern auch von der mittleren und unteren Führungsebene unternehmerisches Denken gefordert wurde. Neu ist, dass sich jetzt auf breiter Front ein Kulturwechsel andeutet. Intrapreneure sind Angestellte, doch keine bloßen Befehlsempfänger, sondern eher so etwas wie Auftragnehmer, unternehmensinterne Dienstleister. Sie leiten vielleicht ein Projekt oder eine Abteilung, aber sie haben auch weitgehende Verantwortung für ihren Beitrag zum Unternehmenserfolg. Netzeitung: In welchen Branchen ist der neue Mitarbeiter-Typus im Kommen? Und warum? Christmann: Das hängt weitgehend von der Unternehmensgröße ab. Entwickelt wurde das Profil des Intrapreneurs ursprünglich, um bürokratische Effizienzverluste im Management von Konzernen zu begrenzen. Darüber hinaus spielen Intrapreneure überall da schon eine große Rolle, wo Mitarbeiter häufig außerhalb der Unternehmen eingesetzt oder verliehen werden oder unternehmensnahe Dienstleistungen erbringen. Also in Marketing, Produktdesign, bei EDV-Dienstleistungen und in der Beratung, aber auch in der Bio- und Umwelttechnologie - alles Bereiche, in denen zunehmend auch mit Freiberuflichen gearbeitet wird. Da sind die Grenzen oft fließend. Dass Intrapreneure immer häufiger auftreten, liegt einfach an einem doppelten Vorteil: Die Arbeitnehmer können ihre Arbeit so organisieren, wie sie es für richtig halten; und die Arbeitgeber profitieren davon, dass ihre Angestellten mehr Verantwortung übernehmen. Netzeitung: Kritiker behaupten, mit der Forderung nach mehr «unternehmerischem Denken» bei ihren Angestellten wälzten die Arbeitgeber nur ihr unternehmerisches Risiko auf ihre Beschäftigten ab. Ist das so? Christmann: Das geht gar nicht. Das unternehmerische Risiko bleibt letztlich immer beim Arbeitgeber. Möglich ist aber, die mittleren und unteren Führungskräfte unternehmensintern für Ergebnisbeiträge haftbar zu machen. Das kann man über Bonussysteme tun und über Zielvereinbarungen. Wer die angepeilten Bereichsziele nicht im Entferntesten erreicht, wird dann natürlich irgendwann gefragt, ob er der Richtige für den Job ist. Aber das ist der Sinn der Sache. Ein Beispiel: In einem Unternehmen verlangen die Angestellten eine Gehaltserhöhung - nicht, weil sie mehr leisten, sondern weil sie wegen der Preisentwicklung und steigender Steuern mehr brauchen. Wenn sie sich durchsetzen, könnten ihre Arbeitsplätze bald in Gefahr sein. Aber man kann ihnen anbieten, dass sie am Erfolg beteiligt werden, wenn sie Umsätze oder Gewinne steigern. Wir müssen dahin kommen, dass die Mitarbeiter darüber nachdenken, was sie für diesen Erfolg tun können. Gegenwärtig gilt noch als normal, dass Arbeitnehmer dies als Zumutung empfinden. Nach dem Motto: Was gehen mich die Probleme meines Arbeitgebers an? Netzeitung: Welche Vorteile winken einem Angestellten, wenn er sich zum Intrapreneur mausert? Wird die höhere Belastung durch die Verantwortung für den Erfolg eines Projekts durch Anreize kompensiert? Christmann: Das Insel-Denken, das über den eigenen Schreibtisch oder die eigene Abteilung nicht hinausgeht, spiegelt die Realität nicht wider. Ein Arbeitnehmer soll innerhalb des Ganzen seine Rolle für den Unternehmenserfolg spielen; dafür ist er angestellt worden. Die mangelnde Solidarität, die wir in unserer Gesellschaft überhaupt beobachten, hat hier ihre Entsprechung innerhalb der Unternehmen: Jeder ist sich selbst der Nächste. Für das Ganze zu denken, macht aber auch Spaß. Verantwortlich und strategisch denken zu dürfen, bedeutet eine erhebliche Wertsteigerung. Es besteht ein höherer Grad der Identifikation mit dem Unternehmen und dem eigenen Bereich. Wenn es gut läuft, verwirklicht man seine Vorstellungen, freut an den Ergebnissen und verbucht vielleicht auch ein zusätzliches Einkommen als Bonus. Netzeitung: Eine Studie der Universität Dortmund kommt zu überraschenden Ergebnissen. Demnach arbeiten im IT-Bereich Intrapreneure im Durchschnitt 43 Stunden pro Woche, Festangestellte 39 Stunden und Selbstständige 54 Stunden. Doch 36 Prozent der Intrapreneure fühlen sich von ihrer Arbeitsmenge überfordert; bei den Festangestellten sind es 23 Prozent, bei den Selbstständigen nur 13 Prozent. Woran liegt das? Christmann: Unternehmen haben vielfach nicht den Mut, ihren Intrapreneuren wirklich mehr Spielraum zu geben. Tatsächlich ist ja die Verlockung groß, Aufgaben einfach beim Intrapreneur abzuladen und ihm zu sagen: Sieh zu, wie du damit klar kommst! Darum ist es wichtig, dass auch die nächsthöhere Management-Ebene regelmäßig nachfragt: Läuft alles? Brauchst du zusätzliche Unterstützung? Mehr Leute, mehr Kapazitäten, ein höheres Budget oder schlicht eine gute Idee? Stellt sich heraus, dass ein Engpass entstanden ist, muss man sich zusammensetzen und die Konditionen neu aushandeln. Und es ist wichtig, dass auch unabhängig von geplanten Berichtsterminen Lob und Anerkennung ausgesprochen werden. Weder das Profit Center noch der Intrapreneur dürfen zu einer Black Box werden, über deren Innenleben kein anderer so richtig Bescheid weiß. Das Ergebnis ist dann nur, dass der Intrapreneur keine Chance mehr hat, die erwartete Leistung zu bringen - und die Schuld dafür, sehr zu Unrecht, nur bei sich sucht. Netzeitung: Welche Auswirkungen hat es auf das Privatleben des Angestellten, wenn er zum Intrapreneur wird? Christmann: Natürlich ist die Gefahr hoch, dass ein Intrapreneur die gleichen Probleme bekommt wie ein Unternehmer: dass er nicht mehr abschalten kann und sein Privatleben vernachlässigt. Da muss sich die Unternehmenskultur ändern. Es ist ja zum Beispiel absurd, dass der Ruf eines Angestellten mit seiner Anwesenheit steigt - und nicht etwa mit seiner Leistung. Die Leute in den Unternehmen haben Angst, dass ihre Dinge irgendwo verhandelt werden, ohne dass sie dabei sind. Wachsen bei einem Intrapreneur die Verantwortlichkeiten, wird er daher kaum noch ein Meeting auslassen. Auch dieses Überhandnehmen der Meetings ist irrational: Immer mehr Leute nehmen ihre Laptops mit zu den Sitzungen, damit sie die Zeit sinnvoll nutzen können. Wir müssen dahin kommen, dass wir vielleicht auch die Augenbrauen heben, wenn jemand schon um 17 Uhr den Laden verlässt - weil er offenbar sehr effektiv arbeitet. Außerdem müssen wir mehr dafür tun, dass sich Familie und Beruf miteinander vereinbaren lassen - für Frauen und auch für Männer. Unternehmen müssen mehr Angebote flexibilisierter Arbeitszeiten und zur Kinderbetreuung schaffen. Netzeitung: Können Unternehmer ihren Beschäftigten guten Gewissens abverlangen, «unternehmerisches Denken» an den Tag zu legen? Oder handelt es sich um ein Modewort, das ihnen die Selbstausbeutung schmackhaft machen soll? Christmann: Der Begriff der «Selbstausbeutung» ist ein Modewort, das nahe legt, wir hätten heute noch die frühkapitalistischen Verhältnisse, die einst Marx empört haben - mit dem Unterschied, dass die Kapitalisten heute raffinierter geworden seien und ihren Opfern die Peitsche selbst in die Hand gäben. Ich glaube, das ist ein gefährlicher Irrtum - dem wir schon aufsitzen, wenn wir den Begriff der Arbeit negativ als etwas Aufgezwungenes definieren. Arbeit ist aber eine Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen und an einer gemeinsamen Sache teilzuhaben. Wenn wir dies mehr akzentuieren als früher und Menschen sich mit den Ergebnissen ihrer Arbeit stärker identifizieren können - was, nebenbei gesagt, auch Marx vermisste und als Entfremdung geißelte -, dann weiß ich nicht, was daran schlecht sein soll. Ich bin überzeugt, dass Menschen etwas leisten wollen und auch Freude daran haben oder finden, Verantwortung zu übernehmen. Für sich und für andere. Mit Bert Christmann sprach Oliver Heilwagen
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