netzeitung.deNeustart auch nach vielen Berufsjahren möglich

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Beate Stelzer (links) mit Berufsberaterin Ute Glaubitz (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Beate Stelzer (links) mit Berufsberaterin Ute Glaubitz
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nach vielen Jahren den Beruf noch einmal zu wechseln, ist nicht selbstverständlich - aber es geht. Wer Begeisterung mitbringt, hat Experten zufolge im Bewerbungsgespräch ganz gute Karten.

Von Thorsten Wiese, dpa

Annähernd 20 Jahre lang war Beate Stelzer Krankenschwester. Vor einigen Jahren verlor die 41-Jährige aus Berlin dann die Lust an ihrem Beruf, und sie beschloss, endlich ihren Kindheitstraum in die Tat umzusetzen und zur See zu fahren. Sie holte mit Mitte 30 das Abitur nach und ließ sich an der Fachhochschule zum Schifffahrtsoffizier ausbilden. Heute ist Stelzer bei einer Reederei in Hamburg angestellt und fährt auf großen Frachtschiffen nach Asien und Südamerika.

Ein solcher Neuanfang fällt nicht jedem leicht. Viele denken vor allem gar nicht so weit, sich mitten im Berufsleben noch einmal völlig neu zu orientieren. «Wenn man sich nur noch auf das Wochenende freut, morgens kaum noch aus dem Bett kommt und die Unzufriedenheit immer größer wird, dann sollte ich aber über einen Wechsel nachdenken», sagt Karrierecoach Angelika Gulder aus dem hessischen Kriftel.

Gulder zufolge machen sich viele bei der Berufswahl nach der Schule zu wenig Gedanken. «Und viele steigen dann die Treppen in einem Haus hoch und merken erst im Dachgeschoss, dass sie sich im Gebäude geirrt haben», beschreibt die Expertin das Problem. Ist es soweit gekommen, sei grundsätzliches Umdenken notwendig.

«Was wollte ich schon immer werden?»
«Viele meinen, der Beruf muss wehtun. Alles andere sei Freizeit und Hobby», sagt die Berliner Berufsberaterin und Ratgeberautorin Uta Glaubitz. Auch Freunde und Bekannte übten Druck aus. «Wer mit 45 einen neuen Job sucht, hat aber mitnichten versagt. Er hat halt vorher etwas anderes gemacht», sagt Glaubitz.

Bei der Suche nach neuen Möglichkeiten verweist die Beraterin Wechselwillige auf Situationen, in denen sie besonders motiviert waren. «Jeder Beruf kostet eine Menge Energie. Deshalb muss ich mir überlegen, bei welchen Tätigkeiten ich von ganz allein Energie entwickle – woran ich zum Beispiel freiwillig schon einmal die halbe Nacht gearbeitet habe.»

Mit dem aktuellen Beruf stimme das oft nicht mehr überein, ergänzt Glaubitz. Viele hätten sich nach der Schule nur von ihren Eltern dazu drängen lassen, Bankkaufmann oder Lehrer zu werden. Deshalb könne auch die «Kindheitsvision» über die eigenen Wünsche Aufschluss geben, sagt Karrierecoach Alexandra Bass aus Mannheim – ganz nach dem Motto: «Was wollte ich schon immer werden?».

Ohne Altersbeschränkung
Ein Alter, von dem an ein Wechsel unmöglich ist, sehen die Berater nicht. «Ich kann mit 35 nicht mehr Model oder Leistungssportler werden. Da gibt es körperliche Grenzen. Ansonsten gibt es meiner Ansicht nach aber keine Beschränkungen», meint Uta Glaubitz. Dennoch gebe es nur wenige, die es schaffen, ganz von Neuem beginnen: Nach Schätzung von Angelika Gulder ist dabei nur jeder Zehnte erfolgreich.

Sinnvoll ist nach Gulders Empfehlung eine Art Projektplan für die Ziele der ersten zwölf Monate. «Wer könnte jemanden kennen, der jemanden in der Branche kennt?», sei eine der ersten Recherchefragen. Zu diesen Leuten müsse man Kontakte aufbauen. «Die meisten geben doch gerne Auskunft über ihren Beruf», sagt Gulder.

Arbeitgeber setzen auf Erfahrung
Beate Stelzer etwa reduzierte ihre Stelle auf zwei Tage die Woche und ließ sich nur noch für Nacht- und Wochenenddienste einteilen. In der Prüfungsphase ließ sie sich beurlauben. Sie informierte sich beim Arbeitsamt und nahm über Berufs- und Ehemaligenverbände Kontakt zu Seeleuten auf, um Branche und Arbeitsmarkt zu sondieren. Ihre Ersparnisse waren nach der Ausbildung aufgebraucht, und die Phase der Neuorientierung hat sie auch psychisch als sehr belastend empfunden. Dennoch hat es geklappt. «Die Miesmacher muss man einfach abschütteln», sagt sie. «Sonst funktioniert es nicht.»

Bei Bewerbungsgesprächen haben Umsattler gar keine so schlechten Karten: Alexandra Bass zufolge achten Personalchefs auf Authentizität. Bei dem, der für seine neue Tätigkeit Begeisterung mitbringt – was bei einem solchen Wagnis vorauszusetzen sei –, spreche nichts dagegen, dass es mit der Bewerbung klappt. «Arbeitgeber nehmen gerne jemanden ohne Erfahrung, wenn er viel Enthusiasmus mitbringt. In umgekehrter Kombination gibt es nämlich ohnehin viel zu viele.»