netzeitung.de«Mobbing am Arbeitsplatz kann jeden treffen»

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Mobbing-Expertin Beate Beermann (Foto: BAuA<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Mobbing-Expertin Beate Beermann
Foto: BAuA
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Rund drei Prozent der berufstätigen Bevölkerung leiden unter Psychoterror am Arbeitsplatz - und es kann jeden treffen, sagt Mobbing-Expertin Beermann der Netzeitung. Der Schaden gehe in die Milliarden.

Von Michaela Duhr

Gezielte und systematische Schikane am Arbeitsplatz ist ein weit verbreitetes Phänomen. In Deutschland leiden laut einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) etwa drei Prozent der Beschäftigten unter Mobbing. Einer aktuelllen Studie des Deutschen Rechtsanwalt Zentralrufs zufolge haben mehr als 17 Prozent der Arbeitnehmer bereits arbeitsrechtliche Beratung hierzu in Anspruch genommen, während weitere zehn Prozent den Betriebsrat oder die Firmenleitung eingeschaltet haben.

«Es kann jeden treffen», sagt Mobbing-Expertin Beate Beermann von der BAuA der Netzeitung. «Das typische Mobbing-Opfer gibt es nicht. Es kann den Faulen in einer fleißigen Gruppe oder den Fleißigen in einer faulen Gruppe treffen.» Doch wie definiert man Mobbing? «Die Arbeitsmedizin spricht von einem schikanösen und feindseligen Verhalten gegenüber einer bestimmten Person über einen längeren Zeitraum hinweg mit dem Ziel, diese Person aus dem Job zu drängen», fügt sie hinzu.

«Der Leidensdruck ist da»
Die Psychologin berät Betriebe und Unternehmen zum Thema Mobbing. «Die Unternehmen kommen von selbst auf uns zu, so die Expertin. «Der Leidensdruck ist da.» Einer Studie zufolge gehen in Deutschland insgesamt 3,1 Prozent der Arbeitszeit durch Mobbing verloren. «Der dadurch entstehende wirtschaftliche Schaden geht in die Milliarden», schätzt Beermann.

Der zermürbende Kleinkrieg geht von Kollegen, aber auch von Vorgesetzten aus. Die Betroffenen werden geschnitten oder wie Luft behandelt. Es werden Gerüchte verbreitet, Informationen gar nicht oder falsch weitergeleitet, Arbeitsleistungen kränkend beurteilt oder erniedrigende Tätigkeiten übertragen.

«Das größte Problem bei Mobbing ist, dass es von den Betroffenen erst gar nicht richtig wahrgenommen wird», so die Psychologin. «Sie suchen den Fehler zunächst bei sich selbst und fragen sich: ‚Habe ich etwas Falsches gesagt oder getan’». Dabei habe Mobbing mit dem eigenen Verhalten meist nichts zu tun: «Es ist völlig egal, wie man sich selbst verhält.»

Sofort zur Sprache bringen
Beerman empfiehlt deshalb, feindseliges Verhalten in einer Gruppe sofort anzusprechen: «Sobald sich etwas im Team verändert und etwas Feindseliges passiert, sollte der Betroffene dies sofort zur Sprache bringen.» In diesem frühen Stadium kann Mobbing noch verhindert werden. Die Strukturen sind noch nicht verfestigt und die Kollegen haben sich noch nicht positioniert.

Zwar macht die alltägliche Schikane physisch und psychisch krank, doch als Krankheit ist Mobbing nicht anerkannt. «Die Symptome sind meist unspezifisch und nicht eindeutig zuzuordnen», begründet Beermann die Haltung der Krankenkassen. Die Beschwerden seien von Fall zu Fall unterschiedlich: So reagieren manche mit starken Magenbeschwerden oder schweren Schlafstörungen, andere wiederum klagen über Kopfschmerzen oder Neurodermitis. Die psychischen Symptome reichen von Konzentrationsstörungen und Depressionen bis hin zu Angstzuständen.

«Der beste Schutz ist die Fähigkeit, seine eigene Situation analysieren zu können», betont die Expertin. Wenn der Betroffene analysieren kann, in welcher Lage er sich befindet, kann er schneller und besser reagieren. Das lässt sich nach Ansicht von Beermann durchaus trainieren. So gibt es die Möglichkeit von Gesprächs- und Konfliktlösungsseminaren oder aber Hilfe in Form von Supervision: «Dies hilft, die eigene Wahrnehmung zu schärfen.»

Profi aufsuchen
Mobbing hat zudem oft schwere Folgen für das Privatleben. Mobbing-Opfer hätten das Bedürfnis die Ereignisse immer und immer wieder durchzusprechen. «Das belastet natürlich das private Umfeld sehr stark.» Außerdem seien Ehepartner, Kinder oder Freunde nicht die richtigen Ansprechpartner. Stattdessen sollte ein Therapeut oder Psychologe aufgesucht werden, der das Problem neutral und objektiv angehen könne, empfiehlt Beermann.

Grundsätzlich befürwortet die Expertin die Hilfe von Mobbing-Beratungsstellen. «Aber in manchen Selbsthilfegruppen wird schlimmer gemobbt als im Betrieb», warnt sie. Das liege daran, dass die Betroffenen die Strukturen, in denen sie jahrelang gearbeitet haben, nicht einfach ablegen könnten. Deshalb sollte eine Gruppe gewählt werden, die professionell moderiert und begleitet wird. Dort könnten aufkommende Mobbing-Strukturen sofort erkannt und aufgehalten werden.
Fürsorgepflicht des Arbeitgebers
Aber auch die Unternehmen selbst hätten eine Fürsorgepflicht gegenüber den Beschäftigten, so Beermann. «In Firmen, die eine umfassende Gesundheitsförderung betreiben, kommt das Thema Mobbing in Gesprächsrunden sehr schnell auf den Tisch.» Einige Unternehmen haben mittlerweile Maßnahmen gegen den Kleinkrieg am Arbeitsplatz ergriffen. Beermann vermutet, dass vielleicht zehn oder 20 Prozent der Unternehmen gegen Mobbing aktiv vorgehen.

«Wichtig ist dabei, die Vorgesetzten zu sensibilisieren und ein Bewusstsein für Mobbing zu schaffen.» Ein gutes Arbeitsklima, Transparenz und klare Strukturen sind ebenso bedeutende Faktoren. Dagegen begünstigen Stress, hohe Arbeitsbelastung, großer Konkurrenzdruck und ständige Überforderung von Mitarbeitern die Schikane am Arbeitsplatz.