Immer mehr Gründungen aus der Not heraus
31. Mrz 2004 15:43
 | Rolf Sternberg, Professor an der Universität Köln | Foto: Uni Köln |
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Erstmals seit drei Jahren ist die Gründungsquote in Deutschland gestiegen. Doch viele Menschen gehen nur mangels Alternativen auf dem Arbeitsmarkt den Weg in die Selbständigkeit.
Der Rückgang der Gründungsquote in Deutschland seit dem New-Economy-Boom ist vorerst gestoppt. Das geht aus der GEM-Studie 2003 hervor, einer internationalen Befragung zum Gründungsgeschehen, die Professor Rolf Sternberg von der Universität Köln am Mittwoch in der KFW-Niederlassung Berlin vorstellte. So hätten sich im Jahr 2003 statistisch 3,34 Erwachsene pro 100 Einwohner als so genannte «Nascent Entrepreneurs» aktiv an der Gründung eines neuen Unternehmens beteiligt. Im Jahr 2002 hatte diese Quote nur bei 3,32 Personen gelegen. Im Jahr 2000 hatte sie dagegen noch knapp vier betragen.
Unterschiede zwischen Ost und West
«Auffällig sind hier die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland: Während die Quote in den alten Bundesländern weiter zurückgegangen ist, ist sie in den neuen Bundesländern stark angestiegen», sagte Sternberg. Auffälligkeiten gebe es auch hinsichtlich der Motivationen: Während im Westen der Anteil derer, die sich mangels besserer Erwerbsalternativen aus der Not heraus selbständig machen, nahezu stabil geblieben sei, habe sich diese Gruppe im Osten stark vergrößert. Allerdings ist Sternberg zufolge in den neuen Ländern auch der Anteil der Personen gewachsen, die sich selbstständig machen, um eine Geschäftsidee zu verwirklichen. In den alten Ländern sei diese Gruppe dagegen kleiner geworden. Im Ländervergleich rangiere Deutschland bei den «Nascent Entrepreneurs» auf Platz 17 von insgesamt 31 Staaten. «An der Spitze stehen Venezuela, Uganda, Argentinien und Chile. Aber das sind natürlich Staaten, die mit Deutschland schwer zu vergleichen sind», schränkte der Wissenschaftler ein. Bezogen auf die EU-Staaten liege Deutschland hinter Irland, Spanien und Finnland, aber vor Ländern wie Großbritannien, Dänemark, Schweden oder Frankreich. Auffällig sei im internationalen aber der hohe Anteil von Notgründungen. Demnach kamen in Deutschland im Jahr 2003 auf 3,49 Neugründungen 0,82 Notgründungen. In den USA komme dagegen nur etwa eine Notgründung auf rund acht Neugründungen.
Angst vor dem Scheitern
Die Angst vor dem Scheitern sei in Deutschland als Gründungshemmnis weit verbreitet. Die Einschätzung der Gründungschancen sei im vergangenen Jahr erheblich pessimistischer ausgefallen als in den Vorjahren. Dagegen würden die eigenen Gründungsfähigkeiten positiver eingeschätzt als in der Vergangenheit, sagte Sternberg.Hinsichtlich der nationalen Rahmenbedingungen für Gründungen habe Deutschland vor allem bei den öffentlichen Förderangeboten mit Platz Zwei gut abgeschnitten. Gut bestellt sei es auch um die öffentliche Infrastruktur – etwa Verkehrswege – und den Schutz des geistigen Eigentums. Hohe Defizite sahen die Befragten der Studie zufolge dagegen bei gesellschaftlichen Werten und Normen hinsichtlich Neugründungen und der gründungsbezogenen Ausbildung in der Schule.
Gründerinnen stärker fördern
Im Schwerpunktthema «Frauen und Gründungen» zeigt die GEM-Studie laut Sternberg, dass Frauen in Deutschland Gründungen eher im Nebenerwerb durchführen und meist älter sind als Männer. Auch verfolgten sie geringere Wachstumsziele als Männer. «Familien- und Unternehmensgründungen dürfen sich nicht ausschließen», forderte der Wissenschaftler. Darüber hinaus müssten die Gründungsfähigkeiten, Gründungseinstellungen und -motive bei Frauen und Mädchen verbessert werden. Weiter plädierte er für die Vermittlung gründungsbezogenen Wissens an Schulen und schlug vor, die berufliche Selbständigkeit auch in der Bildungspolitik zu thematisieren. «Durch Ganztagsschulen ließen sich Existenzgründungen von Frauen – und natürlich auch von Männern – leichter vollziehen», sagte er. Hinsichtlich der Förderpolitik empfahl Sternberg «mehr in der Tiefe und etwas weniger in der Breite» zu fördern. Eine Herausforderung bleibe angesichts der restriktiven Kreditvergabe durch die Banken die Finanzierung von Kleinst- und Nebenerwerbsgründungen.
Arbeitslosigkeit entscheidet über Gründung
«Die Studie zeigt, dass in Deutschland häufiger als anderswo und zuletzt auch vermehrt Unternehmen aus der Not heraus gegründet werden», sagte Norbert Irsch, Chefvolkswirt der KFW-Bankengruppe, die die GEM-Studie zusammen mit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young gesponsert hatte. Für viele Menschen sei mittlerweile die Arbeitslosigkeit der entscheidende Anstoß, einen vielleicht lang gehegten Wunsch nach beruflicher Selbständigkeit in die Tat umzusetzen. Bedenklich sei, dass sich Gründer in Deutschland aus Angst vor dem Scheitern offenbar immer wieder selbst ausbremsten. (nz)