netzeitung.de«Es gibt keine schlechte Zeiten für die Gründung von Unternehmen»

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Tobias Kollmann (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Tobias Kollmann
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die Deutschen werden zu spät mit dem «Unternehmer-Virus» infiziert. Das glaubt Tobias Kollmann. Der Existenzgründer-Experte vermisst eine gute Betreuung und plädiert im Interview mit der Netzeitung für Ausnahmen bei der Steuer.

Den Deutschen mangelt es nach Ansicht von Tobias Kollmann an Gründergeist. Neben Risikobereitschaft fehle es hierzulande an einem positiven Unternehmer-Image, sagte der Professor für E-Business und Unternehmensgründung an der Christian-Albrechts-Universität Kiel im Interview mit der Netzeitung. Wer eine gute Geschäftsidee habe, solle sich nicht von der schlechten Marktlage abschrecken lassen.

Netzeitung: Die Zahl der Unternehmensgründungen in Deutschland ist seit Jahren rückläufig und auch im Vergleich zu anderen Ländern niedrig. Woran liegt das?

Tobias Kollmann: Das liegt zum einen an einer fehlenden Motivation auf der Gründerseite. Nur wenige sind bereit, das Risiko der Selbstständigkeit einzugehen. Ferner hat der Unternehmer an sich in Deutschland immer noch ein zu negatives Image. Er wird oftmals als Ausbeuter und Machtinhaber klassifiziert. Das Gegenteil ist der Fall: Er eine der Hauptquellen des Wachstums und schafft Arbeitsplätze. Dass er hierbei auch für sein eigenes Wohl sorgt, ist nur gerecht.

Die andere Seite ist, dass die Rahmenbedingungen in Deutschland für Unternehmensgründungen nicht gerade optimal sind - Arbeitsbedingungen, Gesetzgebung, steuerliche Aspekte bieten nicht gerade einen Anreiz, das Risiko des Unternehmers auf sich zu nehmen.

Netzeitung: Was ist der Grund dafür, dass die Deutschen so wenig risikofreudig sind?

Kollmann:

Ein Grund dafür liegt sicher darin, dass man in Deutschland mit dem «Unternehmer-Virus» zu spät infiziert wird. Eigentlich geht es relativ gut los: Wenn meine Söhne im Kinderzimmer Kaufmannsladen spielen, dann ist das Unternehmertum ansatzweise schon vorhanden - der eine hat die Ware, der andere hat das Geld und es wird gehandelt. Leider wird einem dieser Ansatz über die gesamte Schulzeit wieder abtrainiert, da das Schulsystem kaum auf Fragen der Selbstständigkeit eingeht, und auch die so genannten Soft-Skills wie Kreativität oder Teamfähigkeit zu kurz kommen.

Später, an der Universität, hat man eventuell das Glück, wieder damit in Verbindung zu kommen. Allerdings nur dort, wo ein Lehrstuhl für Existenzgründung zu finden ist. Allerdings ist man dann schon meist im Hauptstudium, und Studien haben bewiesen, dass hier die Risikoneigung der Studenten bereits zurückgeht und man eher in einem etablierten Unternehmen unterkommen möchte. Damit kommt der Impuls zu spät.

Netzeitung: Was müsste geschehen, damit es mehr Unternehmergeist in Deutschland gibt?

Kollmann: Ein neuer Unternehmergeist würde von drei wesentliche Säulen gestützt werden: Erstens eine bessere Qualifikation der Gründer, zweitens eine intensivere Betreuung der Gründer gerade in der Anfangsphase und drittens ein besseres Investitionsklima.

Für die erste Säule muss das Thema «Entrepreneurship» intensiver in die verschiedenen Ausbildungsbereiche integriert werden. Hinsichtlich der zweiten Säule sollte Klarheit im Beratungsdschungel geschaffen werden. Wir benötigen für die Betreuung der potenziellen Gründer zentrale Anlaufpunkte, an denen das komplette Wissen von Finanzierungsfragen bis hin zu rechtlichen Aspekten gebündelt zur Verfügung gestellt wird. Für die dritte Säule müssen steuerliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die einen klaren Anreiz für ein Investment in junge Unternehmen schaffen.

Netzeitung: Welche Rolle spielen für Existenzgründungen in Deutschland die Entrepreneurship-Lehrstühle an Universitäten?

Kollmann: Sie sind ein wesentlicher Faktor. Grundsätzlich können solche Lehrstühle wichtige Impulse zur Existenzgründung geben. Hintergrund ist die Tatsache, dass abgesehen von den persönlichen Eigenschaften der Gründerperson die notwendigen betriebswirtschaftlichen Aspekte der Unternehmensgründung erlernbar sind.

Dabei kommt es noch nicht einmal darauf an, dass unmittelbar nach dem Studium gegründet wird. Studien haben gezeigt, dass die Teilnehmer der Entrepreneurship-Kurse meist nach einer gewissen Berufserfahrung die gelernten Inhalte aktivieren und die Gründung somit erst mit einer zeitlichen Verzögerung in Angriff nehmen. Also zahlt sich die Basisarbeit durchaus aus. Ferner fungieren die Lehrstühle auch als Ansprechpartner für außeruniversitäre Gründungsaktivitäten in der Region und als Berater für den universitären Technologietransfer.

Netzeitung: Solche speziellen Entrepreneurship-Lehrstühle sind in Deutschland ein recht junges Phänomen. Früher dachte man doch, dass dafür die klassische BWL zuständig ist.

Kollmann: Das stimmt. Der älteste Lehrstuhl für Entrepreneurship in Deutschland ist gerade einmal sechs Jahre alt. Das zeigt doch, dass es in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern mit der Vermittlung von Gründungswissen noch nicht weit gediehen ist. Dabei wissen Inhaber von Entrepreneur-Lehrstühlen um die spezifische Lage von Gründern, können diese beraten und die Motivation zur Gründung fördern. Ein solcher Motivationsimpuls ist in der klassischen BWL gar nicht gegeben. Hier konzentriert man sich doch eher auf bereits existierende Großunternehmen und ist auf das klassische Management ausgerichtet. Entrepreneurship als Teilgebiet der BWL macht daher durchaus Sinn, da eine einfache Übertragung von Konzerninstrumenten eben nicht funktioniert.

Netzeitung: Sie haben die Rahmenbedingungen angesprochen. Wie müssten die sich denn ändern, um das Klima für Existenzgründer zu verbessern?

Kollmann: In diesem Zusammenhang gibt es mit den Petersberger Thesen des Deutschen Business Angel Netzwerks einen sinnvollen Forderungskatalog, aus dem ich nur zwei Punkte anführen möchte: Zum einen brauchen junge Unternehmen und deren Investoren Planungssicherheit - das heißt eine klare, verlässliche und langfristige Unternehmens-Steuerpolitik, in der es keinerlei rückwirkende Regelungen gibt. Zum anderen sollten Veräußerungsgewinne aus Beteiligungen an jungen Unternehmen für Investoren - wie bis zum Jahr 1998 - bis zu einer Beteiligungsgrenze von 25 Prozent, bei einer Haltefrist ab fünf Jahren sowie bei der Reinvestition in Start-ups steuerfrei sein.

Darüber hinaus muss es für junge Unternehmen vereinfachte Bedingungen im Personalbereich geben. Da müssen die Angestelltenverhältnisse vereinfacht werden und flexibler gestaltbar sein. Ferner sollte es steuerliche Vergünstigungen für die jungen Unternehmen in den ersten drei bis fünf Jahren nach der Gründung geben.

Netzeitung: Wichtig ist aber auch die finanzielle Förderung bei der Gründung. Mittelständische Unternehmen beklagen sich oft, dass sie bei den Banken immer schwerer Kredite bekommen.

Kollmann: Es liegt nicht in der Natur der Banken, zu große Risiken zu übernehmen, und deshalb versuchen sie diese auch auf andere Schultern zu verteilen. So müssen entweder persönliche Bürgschaften von den Gründern abgegeben werden, oder es werden die Förderprogramme des Staates herangezogen. Weit wichtiger als die Banken ist meiner Meinung nach auch der Markt für Risikokapital, der durch Business Angels und Venture Capital-Unternehmen geprägt wird. Die Förderprogramme sollten hier viel mehr auf ein Co-Investment mit diesen Investoren im Eigenkapitalbereich hin ausgeprägt sein.

Netzeitung: In den 90er Jahren war der Aktienmarkt ein wichtiger Kapitalgeber. Viele junge Unternehmen wagten den Gang aufs Parkett - Stichwort Neuer Markt. Dieser Bereich ist ja weggebrochen...

Kollmann: Die Börse kann grundsätzlich nicht für die Gründungsfinanzierung herangezogen werden. Dazu braucht es einen gewissen Reifegrad und etablierte Geschäftsmodelle. So kann lediglich für die Finanzierung des weiteren Wachstums über diesen Kanal nachgedacht werden. Dabei wird der Gang an die Börse jedoch überschätzt. Nur etwa drei bis vier Prozent der Wachstumsunternehmen gingen überhaupt diesen Weg. Die Börse war nie der Hauptweg bei der Kapitalfindung von Unternehmen und wird es auch in Zukunft nicht sein. Viel wichtiger ist es, dass strategische Eigenkapitalinvestoren für das Unternehmen gefunden werden, die über die rein finanziellen Mittel hinaus auch wertvolle Kompetenzen mitbringen. Das bringt junge Unternehmen voran.

Netzeitung: Wie viel bringt die Ich-AG den Existenzgründern?

Kollmann: Die Ich-AG ist sicher eine Möglichkeit, den ersten Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Dennoch sind derartige Initiativen auch mit Vorsicht zu genießen. Die Gründung einer Ich-AG sollte kein Ersatz für auslaufende Arbeitslosengelder sein. Ich halte wenig davon, Menschen zur Selbstständigkeit quasi zu drängen. Zumal Geld alleine ja auch im seltensten Fall ausreicht. Kapital ist schon wichtig, aber was Existenzgründer ebenso brauchen, ist individuelle Beratung und kontinuierliche Betreuung.

Netzeitung: Wie steht es damit in Deutschland?

Kollmann: Ganz schlecht. Wer ein Unternehmen gründen will, geht heute meist zunächst zur IHK. Dort kann man ihm jedoch keine individualisierte, auf ihn zugeschnittene Beratung anbieten. Diese wird auch nicht über Broschüren oder Checklisten gewährleistet, die eher einen allgemeinen Überblick geben wollen. Das weite Feld von Gründungsberatern ist ebenso unübersichtlich wie qualitativ fragwürdig. Die beste Betreuung gibt es immer noch von gestandenen Unternehmern, die mit Rat und Tat zur Seite stehen und mit eigenem Kapital auch ins unternehmerische Risiko gehen. Allerdings ist diese Mentorenkultur in Deutschland bei weitem noch nicht so ausgeprägt wie in anderen Ländern. Während es in Deutschland gerade einmal 500 bis 600 aktive Business Angels gibt, geht ihre Zahl in den USA in die Hunderttausende.

Netzeitung: Liegt die niedrige Zahl von Unternehmensgründungen nicht auch an der momentanen Wirtschaftslage? Vielleicht trauen sich viele derzeit einfach nicht angesichts der stagnierenden Konjunktur.

Kollmann: Beispiele wie Hewlett-Packard und Cisco, die jeweils in einer Wirtschaftskrise gegründet wurden, zeigen, dass unabhängig vom Marktumfeld gute Ideen zu erfolgreichen Unternehmen werden können. Ich glaube daher nicht, dass es gute oder schlechte Zeiten für Unternehmensgründungen gibt - es gibt nur gute und schlechte Ideen. Wer ein Unternehmen gründen will, sollte sich nicht von der schlechten Marktlage abhalten lassen. Diese sollte vielmehr als Prüfstein für die Tragfähigkeit der Idee interpretiert werden.

Das Gespräch führte Matthias Breitinger.