netzeitung.de«Wir können die Ausbildungsplatz- Abgabe mit freiwilligen Vereinbarungen verhindern»

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Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Wirtschaftsminister Clement will die Ausbildungsplatz-Abgabe in jedem Fall verhindern. «Es muss uns gelingen, aus freien Stücken Lehrstellen für alle zu schaffen», sagte er der Netzeitung.

Von Markus Scheffler

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) gibt sich optimistisch: Während Gewerkschaften, Bundesregierung, Opposition und Wirtschaft wegen der Ausbildungsplatzabgabe noch über Kreuz liegen, geht er davon aus, dass das entsprechende Gesetz gar nicht erst zur Anwendung kommen wird. «Ich habe überhaupt keinen Zweifel: Die Ausbildungsplatzabgabe wird sich von selbst erledigen», wiederholt Clement gebetsmühlenartig beim Start der Ausbildungsoffensive 2004 in Berlin. Der Minister besucht dabei jene Unternehmen, die ihm für das im Herbst beginnende Lehrjahr mehr als 400 zusätzliche Ausbildungsplätze in Aussicht gestellt haben.

«Wir können es schaffen«
«Es gibt in Deutschland 1,5 Millionen Unternehmen, die ausbilden können. Aber 600.000 davon bieten keine Lehrstellen an», betonte Clement gegenüber der Netzeitung. «Wenn wir diese Unternehmen erreichen und jeder Betrieb nur einen Lehrling einstellt, hätte kein junger Mensch Probleme, eine Lehrstellen zu finden», gibt er sich kämpferisch.

«Den Ausbildungspakt, den der DIHK vorschlägt, sollten wir aufgreifen. Ich habe in Nordrhein-Westfalen mit dem Ausbildungskonsens gute Erfahrungen gemacht. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass der Ausbildungspakt Erfolg haben kann», unterstreicht er. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hatte der Bundesregierung im April einen «Pakt für Ausbildung» vorgeschlagen. An die Stelle der Ausbildungsplatzabgabe träten demnach regionale Bündnisse, die Einführung eines Azubi-Bafög, Hilfen für schwer vermittelbare Schulabgänger sowie tarifliche Vereinbarungen.

Wettlauf zwischen Politik und Wirtschaft
«Ich verstehe das als einen fairen und sportlichen Wettbewerb: Bieten die Unternehmen ausreichend Lehrstellen an, ist die Abgabe vom Tisch. Darum starte ich jetzt die Ausbildungsoffensive, um die Unternehmen zu überzeugen, dass wir es schaffen können, jedem Schulabgänger eine Lehrstelle anzubieten», erklärte Clement.

«Außerdem soll die Ausbildungsoffensive junge Menschen erreichen und motivieren, sich um eine Ausbildungsstelle zu bemühen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Jugend von der Schule abgeht und sich schon aufgibt», mahnt der Wirtschaftsminister.

Langzeitsuche nach Lehrstelle
Vor allem dürfe niemand vergessen, dass die Hälfte der jungen Leute, die noch keine Lehrstelle haben, schon seit längerem auf der Suche ist: «Diese Menschen kommen aus einer Warteschleife. Das Durchschnittsalter der noch unversorgten Jugendlichen liegt bei 21 Jahren. Das sind Menschen, denen wir besondere Angebote machen müssen.» Über Zuschüsse der Bundesagentur für Arbeit (BA) für Betriebe, die diesen Menschen eine Chance geben, könne auch dieses Problem gelöst werden.

Aber die Unternehmer, die er anschließend trifft, um ihnen für das Engagement für mehr Lehrstellen zu danken, sind noch nicht überzeugt. «Die Entscheidung, zusätzliche Ausbildungsplätze bereitzustellen, ist uns nicht leicht gefallen», erklärt Tessen von Heydebreck, Personalvorstand bei der Deutschen Bank

. Das Frankfurter Geldhaus hatte 110 zusätzliche Lehrstellen in die Waagschale geworfen und will damit ausdrücklich Clements Offensive unterstützen - und damit ein Zeichen auch für andere Unternehmen setzen.

Die Ausbildungsplatzabgabe schafft jedenfalls nach Auffassung des Geldhauses keine einzige Lehrstelle. Im Gegenteil – nicht die jungen Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen, profitieren von der Abgabe. Mehr Arbeit entstehe nur in den bürokratischen Apparaten, die künftig die Berechnung der Abgabe übernehmen, mahnt von Heydebreck. «Wer sich allein einmal die Formeln zu ihrer Berechnung angesehen hat, begreift, wer wieder einmal der wirkliche Sieger dieses Vorgehens werden könnte: die bereits vieles im Lande erstickende Bürokratie», klagt er.

Jugendlichen eine Zukunft geben
Diesen Seufzer bekommt Clement beim Auftakt seiner Ausbildungsoffensive immer wieder zu hören. Der Minister hatte aber auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die Ausbildungsplatzabgabe für unsinnig hält. «Es muss uns gelingen, aus freien Stücken Lehrstellen für alle zu schaffen», sagt Clement. «Wir müssen die Unternehmen, die bisher nicht ausbilden, erreichen und erklären, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, einen Fachkräftemangel zu verhindern», schildert er der Netzeitung seine Motivation zur Ausbildungsoffensive. «Die jungen Leute, die heute keine Lehrstelle finden, sind die Fachkräfte, die uns morgen fehlen. Wir müssen den jungen Menschen eine Perspektive bieten.»

Clement will mit der Ausbildungsoffensive die Starre durchbrechen, die die Diskussion um die Ausbildungsplatzabgabe lähmt. Wirtschaft, Regierung und Gewerkschaften werfen sich gegenseitig vor, Schuld an der Ausbildungsmisere zu sein. Die Unternehmen werfen den Gewerkschaften vor, die Lehrlingsgehälter seien zu hoch, was mehr Ausbildung verhindere. Gegenüber der Regierung beklagen sie eine mangelhafte Qualifikation der Schulabgänger. Die Opposition schlägt auf die Regierung ein: Mit der geplanten Abgabe verstaatliche sie die Ausbildung. Die Regierung will nur endlich mehr Lehrstellen sehen.

«Die Ausbildungsplatzabgabe löst nicht dauerhaft das Problem. Wir brauchen eine langfristig angelegte Strategie, um der Jugend eine Zukunft zu geben. Die Ausbildungsoffensive ist ein Baustein, der uns hilft, das Thema in die Köpfe der Menschen zu bekommen», erklärt Clement.

Öffentliche Hand bildet auch zu wenig aus
Vielen Unternehmen sei nicht bewusst, dass sie ihre eigene Zukunft verspielen, wenn die Jugend nicht ausgebildet wird. «Es gibt aber auch ein Kommunikationsproblem: Viele Unternehmen wissen gar nicht, dass sie ausbilden dürfen und in welchen Bereichen sie Lehrstellen anbieten können. Diesen Unternehmen will ich mit der Ausbildungsoffensive zeigen, dass wir es gemeinsam schaffen können. Unternehmen wie die Metro
, die Deutsche Bank oder Dussmann, die hunderte zusätzlicher Lehrstellen anbieten, sollen anderen Unternehmen ein Vorbild sein, auch einen Beitrag zur Bekämpfung des Lehrstellenmangels zu leisten», fordert Clement. Auch die Kammern seien gefordert, bei den Unternehmen, die gar nicht oder zu wenig ausbilden, Aufklärungsarbeit zu leisten.

Damit richte er sich aber nicht nur an die Unternehmen. «Auch die öffentliche Hand hat wegen der knappen Haushaltsmittel Lehrstellen gestrichen. Das kann aber nicht sein, dass selbst der Staat seiner Verantwortung nicht nachkommt», sagte Clement der Nezeitung - nahm aber den Bund ausdrücklich davon aus. Der biete bereits über seinen Bedarf hinaus aus.