netzeitung.de«Die Ich-AG ist eine der erfolgreichsten Ideen im Bereich der Arbeitsmarktpolitik»

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Chef des Außenwerbe-Unternehmens Wall: Hans Wall (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Chef des Außenwerbe-Unternehmens Wall: Hans Wall
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Wall-AG-Chef Hans Wall bezeichnet die Ich-AG als «eine der besten wirtschaftspolitischen Entscheidungen der Vergangenheit». Die Netzeitung sprach mit ihm über die Probleme am Arbeitsmarkt und Selbstständigkeit in Deutschland. Thema: Netzeitung-Spezial für Existenzgründer

Hans Wall hat sein Unternehmen zu einem der größten Außenwerber in Deutschland gemacht. Der Firmengründer meint, viele andere Deutsche sollten wie er die Chance nutzen und sich selbständig machen. Die Ich-AG hält er dabei für einen gangbaren Weg: Sie sei eine der «besten wirtschaftspolitischen Entscheidungen der Vergangenheit», sagte er im Interview mit der Netzeitung.

Dass viele der Existenzgründer scheitern werden, sei dabei nichts Schlimmes, sondern «ganz normal». Allerdings warnt er vor einer «Zwangsberatung» für Gründer, die unnötige Bürokratie schaffen würde. Vielmehr müssten für sie «Steine aus dem Weg geräumt werden».

Wall hat einen Börsengang vorerst zurückgestellt. Sollten aber Finanzmittel für neue Aufträge benötigt werden, könnte der «Börsengang wieder auf der Agenda» stehen.

Netzeitung: Die Bundesregierung hat mit dem Existenzgründungszuschuss neben dem Überbrückungsgeld ein zweites Förderinstrument aufgelegt, um Arbeitslose zur Gründung zu motivieren und zu unterstützen. Sollten die Arbeitsagenturen Gründern nicht auch einen professionellen Coach an die Seite stellen, der sie betreut und berät?

Hans Wall: Von einer obligatorischen Beratung halte ich gar nichts. Dann würden nur wieder große Apparate aufgebaut, Vorschriften und Richtlinien geschaffen. Eine neue Bürokratie für Gründer würde entstehen. Das Gegenteil ist notwendig. Gerade dem Existenzgründer sollten Steine aus dem Weg geräumt werden. Deshalb halte ich die Ich-AG auch für eine der besten wirtschaftspolitischen Entscheidungen der Vergangenheit. Der Gründer geht zur Arbeitsagentur, stellt seinen Antrag und kann loslegen.

«Die Chancen liegen auf der Straße»
Netzeitung: Wenn schon keinen Coach – was würden Sie einem Gründer mit auf den Weg geben?

Wall: Erstens: Der Unternehmer muss ehrlich zu den anderen und zu sich selber sein. Zweitens: Erfolgreich ist nur, wer Dienstleistungen anbietet oder Produkte herstellt und vertreibt, von denen er überzeugt ist. Das ist eine Frage der Qualität der Produkte, die man anbietet. Wenn mein Produkt besser ist als das meiner Konkurrenten, dann werde ich diese Überzeugung auch transportieren. Eine bessere Werbung gibt es nicht.

Wer sich selbständig machen will, muss sich fragen, was er besser macht als die anderen. Er muss nicht gleich als Branchengröße einsteigen oder absolut neue Marktnischen entdeckt haben. Ich kann auch der Beste sein, obwohl ich noch ein kleines Unternehmen bin. Findet der Gründer also ein Produkt, das er verbessern kann, dann ist das die beste Startvoraussetzung. Und wir kommen jeden Tag an Dingen vorbei, die man besser machen kann. Die Chancen liegen auf der Straße.

Netzeitung: Kritiker werfen ein, die hohe Quote von Existenzgründung aus Arbeitslosigkeit sei bloße Schminke, mit der die Statistiken vorübergehend geschönt werden. Früher oder später gäben die Jungexistenzen sowieso auf und landeten wieder bei der Arbeitsagentur. Die Ausfallquote liegt auch tatsächlich bei zehn Prozent ...

Wall: Natürlich werden nicht alle überleben, die sich mit der Ich-AG selbständig machen. Nur wer besser ist als der Konkurrent, hat eine Chance am Markt. Dass eine ganze Reihe der Ich-AGs auf der Strecke bleibt, halte ich deshalb nicht für bemerkenswert. Da findet eine Auslese statt, die doch ganz normal ist.

Die Kritik richtet sich doch vielmehr gegen die Ich-AG als solche. Diese Kritik an der Ich-AG, die immer wieder von denselben Bedenkenträgern vorgetragen und von den Medien hochgespült wird, halte ich für völlig überzogen. Was gibt es Schöneres, als einem Arbeitslosen zu sagen: Du wirst Chef! Mach Dich selbständig! Versuch Dein Glück! Da fühlt man sich doch angesprochen als arbeitsloser Mensch. Man kommt raus aus der Arbeitslosigkeit.

Die Ich-AG ist eine der erfolgreichsten Ideen, die es in den vergangenen Monaten im Bereich der Arbeitsmarktpolitik gegeben hat. Ich halte es für richtig, dass man dem Arbeitslosen so die Chance gibt und ihn unterstützt, aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen.

«Startchancen sind für alle gleich»
Wir wollen auch nicht vergessen, dass über die Ich-AG rund eine Viertelmillion Arbeitslose aus der Beschäftigungslosigkeit herausgekommen sind. Das sind eine Viertelmillion neue Stellen. Das ist auch der Grund, warum ich die Initiative «Teamarbeit für Deutschland» unterstütze, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Möglichkeiten aufzuzeigen, die sich mit der Selbständigkeit und mit der Ich-AG bieten.

Vor allem dürfen aber Menschen, die aus einfachen Verhältnissen kommen, nicht glauben, die Selbständigkeit sei etwas für Reiche. Auch das ist ein Grund, «Teamarbeit für Deutschland» zu unterstützen. Die Startchancen sind in unserem Wirtschaftssystem für alle gleich und gerecht: Jeder kann sich selbständig machen – egal ob er Abitur hat oder die mittlere Reife. Jeder hat die Chance. Ob er es will oder nicht, ist eine ganz andere Frage.

«Unternehmer sollten Vorbilder sein»
Netzeitung: Es wird oft beklagt, in Deutschland fehle ohnehin das richtige Gründer-Klima.

Wall: Wenn ein Unternehmer anfängt, ist er nun einmal klein. Der kleine Anfänger interessiert niemanden, und so erging es auch mir am Anfang mit der Firma Wall. Aber wenn das Unternehmen wächst und Erfolg hat, dann kommen die Neider, Missgunst und ungerechte Kritik. Das ist in Deutschland nicht anders als im Ausland. Damit muss man sich abfinden.

Dass Unternehmer in der Kritik stehen, kommt aber auch nicht von ungefähr. Wenn Unternehmer mit ihrem Erfolg öffentlich hausieren gehen, muss man sich ja nicht wundern, wenn die Leute neidisch werden. Manche erfolgreiche Unternehmer geben da ein sehr schlechtes Vorbild ab. Ich finde das wichtig: Unternehmer sind Menschen wie andere auch. Trotzdem sollten Unternehmer auch als Vorbild fungieren, auf dem Teppich bleiben und sich gesellschaftlich engagieren.

«Der DSM-Kauf ist am Preis gescheitert»
Netzeitung Die Werbeumsätze sind in den vergangenen Jahren eingebrochen. Angesichts der weiterhin lahmen Konjunktur dürften die Umsätze in der Werbebranche auch nicht wie erwartet anziehen. Wie wird sich in diesem Umfeld das Wall-Geschäft entwickeln?

Wall: Der Werbemarkt in Deutschland stagniert. Unser Wachstum wird deshalb in erster Linie aus einem steigenden Marktanteil kommen. Ein erster Schritt hätte der Zukauf der Deutschen Städte Medien (DSM) sein sollen. Wall wollte die DSM haben, weil uns die Städte interessiert haben, die vorher Anteilseigner der DSM waren. Vor allem an den Standorten München, Frankfurt und Essen sind wir nach wie vor interessiert.

Außenwerbung ist vor allem eine Frage des Standorts und der Qualität. Die bloße Anzahl an Standorten ist irrelevant. Wir haben deshalb den Kommunen 300 Millionen Euro Investitionen in den nächsten zehn Jahren für ihre Straßen und Plätze versprochen. Die Städte brauchen die Investitionen, damit es dort sauberer und attraktiver wird. Allerdings konnten die Kommunen als Anteilseigner und Wall sich nicht auf den Kaufpreis für die DSM verständigen.

Die Verträge mit den beteiligten Kommunen über Standorte von Stadtmöbeln werden jetzt nach und nach auslaufen. Bis 2011 werden die Karten also neu gemischt. Die erste und entscheidende Ausschreibung wird die in Frankfurt am Main sein. Wall wird Millionen in die Entwicklung neuer Produkte stecken, um für diesen Wettbewerb gerüstet zu sein.

«Ein Börsengang ist derzeit nicht aktuell»
Netzeitung: Wall hatte bereits vor Jahren mit einem Börsengang geliebäugelt. Was ist aus den Plänen geworden?

Wall: Die Börse stand auf der Agenda, bevor wir einen amerikanischen Teilhaber als Minderheitspartner, der 20 Prozent der Anteile hielt, bekamen. Wir haben heute eine komfortable Eigenkapitalquote von rund 47 Prozent und mit JCDecaux einen guten Partner. Deshalb ist das Thema Börse heute nicht mehr so aktuell.

Trotzdem tun wir alles, um das Unternehmen börsenfähig zu machen. Denn wenn die Verträge der früheren DSM-Gesellschafter wie München, Essen oder Duisburg mit der DSM nach und nach auslaufen und die Projekte ausgeschrieben werden, würde Wall binnen kurzem so hohe Investitionen finanzieren müssen, dass der Börsengang wieder auf der Agenda stehen würde. Darum machen wir uns heute auch schon fit für die Börse, damit wir dann, wenn wir das Geld brauchen, keine Probleme mehr haben.

Das Gespräch führte Markus Scheffler.