netzeitung.de«Der deutsche Mittelstand braucht verlässliche Rahmenbedingungen»

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KfW-Chef Hans Reich (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe KfW-Chef Hans Reich
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Chef der KfW fordert für den Mittelstand verlässliche Rahmenbedingungen. «Wichtig für das Wachstum in Deutschlands wird sein, was noch in diesem Jahr an Reformen verabschiedet wird», sagte Reich der Netzeitung. Der Standort Deutschland Baring: «Die Bundesrepublik kann mit diesem Personal nicht überleben» Hundt: «Der Kündigungsschutz ist unkalkulierbar» Aiginger: Deutschland leidet an einer «Technologielücke» Hickel: «Schröder hat sich auf seinen eigenen Absturz eingestellt»

Die Wirtschaft in Deutschland scheint sich langsam von ihrer Stagnation zu lösen. Erste Daten deuten auf eine leichte Erholung der Konjunktur zum Jahresende hin. Der Vorstandssprechers der KfW Bankengruppe, Hans Reich, sieht gerade in den geplanten Strukturreformen den Schlüssel für mehr Wachstum. Die Netzeitung sprach mit Reich über den Standort Deutschland, die Situation im Mittelstand und die neuen Förderprogramme der KfW.

Netzeitung: Die Wirtschaft in Deutschland hat drei Jahre Stagnation hinter sich. In den vergangenen Monaten gab es aber erste Zeichen einer sehr langsamen Erholung. Herr Reich, wie ist die Lage wirklich?

Hans Reich: Ich wäre gern in der Lage, Ihnen darauf eine verbindliche Antwort zu geben. Wir haben aber immerhin deutliche Anzeichen dafür, dass wir im Frühjahr 2004 eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erwarten können. Das sagen unsere gestiegenen Kreditzusagen, aus denen man eine Art «Konjunkturindikator» ableiten kann. Noch in den ersten Monaten dieses Jahres hat die KfW einen Rückgang beim Fördervolumen verzeichnet. Die Entwicklung hat sich dann aber im Jahresverlauf deutlich geändert: Nun, im November, liegen wir mit unserem inländischen Fördervolumen 30 Prozent über den Werten des Vorjahres.

Da wir ausschließlich Investitionen finanzieren, machen sich unsere Kreditzusagen mit einer zeitlichen Verzögerung von sechs bis acht Monaten in den Auftragsbüchern der Unternehmen bemerkbar. Damit stimmen unsere Konjunktureinschätzungen mit denen der Wirtschaftforschungsinstitute, die einen BIP-Anstieg im ersten Quartal 2004 voraussagen, überein. Ganz wichtig für das Ausmaß des Wachstums wird aber sein, was noch in diesem Jahr an Reformen verabschiedet wird. Denn der Mittelstand - eine der wichtigsten Säulen unserer Volkswirtschaft - braucht verlässliche Rahmenbedingungen als Grundlage für sein unternehmerisches Handeln.

Netzeitung: Ist der Standort Deutschland nun eigentlich gut oder schlecht?

Reich: Deutschland ist einerseits ein hervorragender Standort. Die Infrastruktur hier zu Lande ist zum Beispiel sehr gut – es gibt weltweit kaum ein Land, das in dieser Hinsicht so gut aufgestellt ist. Andererseits gibt es viele Probleme, die wir dringend angehen müssen. Wir werden zukünftig zum Beispiel viel stärker wissensbasierte Produkte und Dienstleistungen erzeugen müssen, um weltweit konkurrenzfähig zu bleiben. Dafür müssen jetzt die Weichen gestellt werden.

Netzeitung: Mittelständische Unternehmen haben sich im Zuge der Wirtschaftskrise in Deutschland oft beklagt, dass sie bei den Banken immer schwerer Kredite bekommen. Hat sich an der Situation – auch durch die von den Banken vorgenommen Restrukturierung – etwas geändert?

Reich: Der Finanzsektor durchlebt eine Phase des Umbruchs. Banken und Mittelständler müssen sich auf die veränderten Rahmenbedingungen einstellen und tun dies auch. Fest steht: Die kleinteilige Kreditgewährung an mittelständische Kunden ist für Banken ein teures und risikoreiches Geschäft. Dies darf aber nicht dazu führen, dass dem Mittelstand der Zugang zu Krediten verschlossen wird. Hier sind wir als Förderbank gefragt und deshalb haben wir unser Förderangebot verändert: Wir haben zum Beispiel Globaldarlehen eingeführt, die den Hausbanken eine schlanke und risikogerecht gepreiste Kreditvergabe ermöglichen. Außerdem sorgen Verbriefungen dafür, dass die Mittelstandsfinanzierung für Banken wieder attraktiv wird. Dabei werden die Risiken aus Mittelstandskrediten an den Kapitalmarkt gebracht und so auf mehrere Schultern verteilt. Das war genau der richtige Schritt, weil es den Banken Luft für die Vergabe neuer Kredite verschafft.

Netzeitung: Und wurden diese Spielräume von den Banken auch zur Kreditvergabe genutzt?

Reich: Ja, das zeigen uns unter anderem unsere Kreditzusagen. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass Banken und Sparkassen auf Dauer auf 3,2 Millionen mittelständische Unternehmen als Kunden verzichten können und wollen.

Netzeitung: Derzeit arbeiten Sie an neuen Förderprogrammen. Gibt es schon erste Ergebnisse?

Reich: Nach der Fusion mit der DtA im Sommer dieses Jahres sind die ersten Schritte der Neuaufstellung der KfW Mittelstandsbank umgesetzt. Seit September bietet der neue Unternehmerkredit Gründern, Freiberuflern und Mittelständlern langfristige Fremdkapitalfinanzierungen für ihre Investitionen. Momentan arbeiten wir an einer so genannten mezzaninen Produktfamilie. Mit diesen eigenkapitalähnlichen Finanzierungen wollen wir kleinen und mittleren Unternehmen helfen, ihre Eigenkapitalquote nachhaltig aufzustocken. Dies ist eine der dringendsten Aufgaben des deutschen Mittelstands. Solchen Unternehmen kann man nicht mit Wagniskapital oder Beteiligungskapital kommen

Mit dem Programm «Kapital für Arbeit» haben wir im vergangenen Jahr ein erstes mezzanines Förderprogramm eingeführt und positive Erfahrungen gesammelt. Die KfW Mittelstandsbank wird solche Finanzierungen künftig für alle Phasen des unternehmerischen Lebenszyklus – von Gründern bis zum etablierten Mittelständler – unter dem Namen «Unternehmerkapital» anbieten. Wir werden bald mit den neuen Produkten an den Markt gehen.

Netzeitung: Bald heißt wann?

Reich: Das Unternehmerkapital soll, wenn möglich, noch im ersten Quartal 2004 starten.

Netzeitung: Aber wird die KfW Mittelstandsbank nicht durch die Ausweitung ihrer Förderprodukte zunehmend zur Konkurrenz für die Geschäftsbanken?

Reich: Nein, wir wollen und können den Markt in keiner Weise ersetzen. Unsere Aufgabe ist es, kleine und mittlere Unternehmen in die Lage zu versetzen, bei den Banken weiterhin Geld zu bekommen. Denn schon heute ist es so, dass die Kreditvergabe der Banken sich nach der Bonität des Unternehmens richtet - und die wird eben maßgeblich durch die Eigenkapitalquote bestimmt.

Netzeitung: Aber besteht nicht die Gefahr, dass der Bankensektor seiner Verantwortung nicht mehr nachkommt, ausreichend Kredite gerade für den Mittelstand zur Verfügung zu stellen? Nach dem Motto: Die KfW wird es schon richten. Gerade die kleineren und mittleren Unternehmen gelten doch als Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

Reich: Die KfW Mittelstandbank vergibt ihre Kredite ausschließlich über die jeweiligen Hausbanken an die Unternehmer. Wir sind also Partner der Banken, keine Konkurrenten. Das Durchleitungsprinzip ist kostengünstig und hat sich bewährt. Es ist auch im neuen Gesetz über die KfW Bankengruppe vom Sommer dieses Jahres wieder festgeschrieben. Unsere Aufgabe ist es, die Märkte so zu entwickeln, dass sie funktionieren. Wenn es zu einem Marktversagen kommt, müssen wir als Förderbank daran arbeiten, dieses Versagen zu beseitigen.

Netzeitung: Aber sollte der Markt nicht so gut funktionieren, dass man eine KfW überhaupt nicht braucht?

Reich: Ja. Es wäre natürlich ordnungspolitisch eine Ideal-Konstellation, wenn die Märkte so funktionieren würden, dass diese eine KfW nicht mehr benötigten. Fakt ist aber: Märkte werden sich immer zyklisch entwickeln und Umwälzungen unterworfen sein. Es muss deshalb eine Langfrist-Bank geben, die Strukturveränderungen, die unabwendbar sind, so begleitet, dass keine bruchartigen Veränderungen entstehen, die die gesamte Volkswirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. Diese Bank darf dies aber nicht über Subventionen tun, sondern sie muss es mit marktkonformen Instrumenten machen. Wir nehmen keine Risiken in die Bilanz, die kein anderer nehmen würde.

Netzeitung: Ein Indikator für den Wachstumsvorsprung der Amerikaner ist neben der Inflexibilität der deutschen Märkte auch die deutlich geringere Zahl an Existenzgründungen. Viele behaupten, dass wäre auch ein Mentalitätsproblem – die Deutschen seien einfach nicht risikofreudig genug. Glauben Sie das auch?

Reich: Das war sicherlich mal so, hat sich aber nach meiner Einschätzung geändert. Die jüngere Generation ist wesentlich risikobereiter. Ein weiterer Abbau von Regulierungsvorschriften würde es aber sicherlich vielen leichter machen, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen.

Das Gespräch führten Marcus Gatzke und Michael Maier