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Ausbildung: 

In der Tischlerei ist jeden Tag Girls' Day

24. Apr 2008 09:29
An der Bandsäge: Stefanie Kirschke
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Die Durchschnittsdeutsche lernt Verkäuferin, Friseurin oder Krankenschwester. Dass es auch anders geht, erfuhr Tilman Steffen von einer 22-Jährigen, die sich als Tischlerin in der Männerwelt behauptet. Wichtiges Detail: das Schild an der Toilette.

Stefanies Mutter fand es gut, als sich ihre Tochter bei einer Tischlerei um eine Lehre bewarb. Im Freundeskreis bekam die damals 20-Jährige anderes zu hören: «Das schaffst du nie», hieß es. Die Sprüche nervten, erzählt Stefanie Kirschke. Heute fährt die junge Frau morgens zehn Kilometer durch Berlin in ihren Lehrbetrieb im Nordosten der Stadt. Weil neben dem Meister nur noch ein Geselle dort arbeitet, treibt sie die Frauenquote auf absolut branchenuntypische 33 Prozent. Frauen im Männerbetrieb? Für ihren Chef war das kein Problem: «Wir mussten ein Schild am Klo anbringen und dafür sorgen, dass sie sich allein umziehen kann», erzählt Matthias Wassermann.

Nach dem Abitur, einem Freiwilligen Ökologischen Jahr und einem kurzen Umweg über ein Ausbildungszentrum war Stefanie klar: Eine Tischlerlehre ist das Richtige. Seither leimt sie Türen, legt Fußböden, baut Küchen, Betten und andere Möbel. Mittlerweile im dritten Ausbildungsjahr, glättet sie Bretter auf der elektrischen Abrichte, schiebt Bauplatten über die Kreissäge. Bis August will sie einen Zeichentisch fertigen, mit Tür und Schublade im Sockel – ihr Gesellenstück.

Stefanie gebraucht ihre Hände gern, um Dinge zu erschaffen. Schon als Kind ließ sie lieber Autos rollen, wenn andere Mädchen ihre Puppen ausfuhren. Heute legt sie selbst Hand an, wenn andere den Handwerker herbeirufen. «Man merkt schon, dass man mehr selbst machen kann, wenn man so einen Beruf hat», erzählt Stefanie zwischen Schraubenregal und Hobelbank. Ihr dunkelblondes Haar hält ein weißer Reif zusammen, an der Nase blinkt ein Piercing.

Der Meister wirkt zufrieden: Er lobt Stefanies Zuverlässigkeit und ihren Einsatz, zupacken könne sie nahezu genauso wie ein Mann, sagt Wassermann. «Ganz so zart besaitet sollte man nicht sein», ergänzt sie. Das gilt im männerdominierten Handwerk auch für den Umgang miteinander. Stefanie hat sich damit arrangiert: «Aus manchem Spruch sollte man sich nicht so viel machen.»

Stefanie Kirschke ist noch immer eine Ausnahme. Der Gegenentwurf zu ihr ist Katrin Müller, die deutsche Durchschnitts-Auszubildende. Ihre Alters- und Geschlechtsgenossinnen lernen Verkäuferin zu sein, Sekretärin, Friseurin, Krankenschwester. Die Karrierechancen liegen nahe null. Büro und Restaurant sind die Arbeitsorte, in denen die meisten Katrin Müllers zwischen Ahlbeck und Konstanz ihr Geld verdienen. Wenn sie mit drei Freundinnen im Café sitzt, studiert, statistisch betrachtet, gerade mal eine von ihnen im Bereich der Ingenieurwissenschaften. Katrin Müller dagegen wird mit größter Wahrscheinlichkeit gerade Kauffrau im Einzelhandel.

Frauen schuften vergleichsweise hart für ihr Einkommen: Sie verdienen nicht nur weniger als Männer im gleichen Job, sie ergreifen zudem noch immer die am schlechtesten bezahlten Berufe. Wo etwas zu bohren, biegen, feilen oder zu hobeln ist, lassen sie die Männer vor. 41 Prozent der Frauen haben beruflich mit Technik zu tun. Sie wagen sich höchstens bis ans Zeichenbrett oder ins Labor. Der Anteil der Elektrikerinnen unter den Azubis etwa lag vor zwei Jahren noch immer unter fünf Prozent. In industriellen Metallberufen lernen gerade einmal 2,3 Prozent und den als besonders aussichtsreich geltenden IT-Berufen sogar nur 1,5 Prozent Frauen.

Mädchen beim Girls Day (2004)
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Optimistisch stimmt, dass das Interesse an traditionellen Männerdomänen langsam zunimmt. «Das Image von Technik hat sich bei jungen Frauen inzwischen deutlich gewandelt», sagt Carmen Ruffer, Expertin vom Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit in Bielefeld. Technik gilt nicht mehr als langweilig. Die Frauen sähen ihre Chancen optimistischer als vor fünf oder zehn Jahren, sagt Ruffer. Die Organisatoren des jährlichen «Girls' Day», der das Interesse von Mädchen an technischen Berufen wecken soll, können das auch als ihren Erfolg verbuchen.
Doch Interesse allein nützt nicht: Viele Unternehmen bevorzugen für technische Ausbildungsplätze die Jungs. Und das, obwohl in den Bewerbungsmappen der Mädchen die besseren Schulabschlüsse liegen.

So lässt ein gravierender Wechsel auf sich warten. Die zehn beliebtesten Ausbildungsberufe sind seit Jahren die gleichen. Nur unterhalb dieser Top Ten gibt es Veränderungen, wie Expertin Ruffer sagt. Den Mädchen von heute fehlen Leitfiguren, Frauen also, die schon lange in technischen Berufen arbeiten und an Führungspositionen sitzen. «Es hat Vorbildwirkung, wenn solche Frauen ihre Erfahrungen weitergeben», sagt Ruffer. Damit sich etwas ändert, müssen somit nicht nur die Mädchen, sondern auch die Unternehmen überzeugt werden.

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