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Negatives Beispiel in der EU: 

Jeder fünfte Deutsche arbeitet für Armutslohn

12. Mrz 2008 17:28
Putzfrauen arbeiten häufig zu Armutslöhnen
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Millionen Deutsche würden sich freuen, wenn sie wenigstens den Mindestlohn bekämen, denn sie verdienen weit weniger. Europäische Gewerkschafter prangern die Verhältnisse in Deutschland an.

Sechs Millionen Deutsche arbeiten nach Darstellung des Europäischen Gewerkschaftsbunds (EGB) für einen Bruttolohn von maximal sechs Euro pro Stunde. «Der Exportweltmeister Deutschland ist eines der Länder, das besonders stark vom Problem der Armutslöhne betroffen ist», sagte EGB-Experte Ronald Janssen am Mittwoch in Brüssel.

Demnach bekämen in West-Deutschland Niedriglohn-Arbeiter 6,86 Euro pro Stunde, im Osten 4,86 Euro. Der mittlere Stundenlohn eines Industriearbeiters liege mit rund 25 Euro viel höher. Der deutsche Niedriglohnsektor umfasse 22 Prozent aller Beschäftigten. Das sei ein Rekord auf dem Kontinent und ähnlich hoch wie die 25 Prozent Niedriglohn-Arbeiter in Großbritannien und den USA.

Auch Zeitverträge und unfreiwillige Teilzeitjobs bereiteten zunehmend Probleme: «Für viele Frauen ist Teilzeit die einzige Möglichkeit, überhaupt eine Arbeit zu finden», sagte der EGB-Fachmann Walter Cerfeda. Zudem hätten EU-weit 32 Millionen Beschäftigte nur einen befristeten Vertrag, 10 Millionen mehr als 1997. Die Zahl der Scheinselbstständigen sei seit dem Jahr 2000 von 20 auf 29 Millionen gestiegen. Der EGB forderte europäische Schutzklauseln.

«Prekäre» Arbeitsverhältnisse

Der EGB forderte vor diesem Hintergrund die EU-Staats- und Regierungschefs auf, bei ihrem Gipfeltreffen am Donnerstag die Lissabon-Strategie für Wachstum und Beschäftigung in Europa zu korrigieren. Zwar seien in den vergangenen zwei Jahren rund 6,5 Millionen neue Jobs entstanden, es handele sich aber vielfach um «prekäre» Arbeitsverhältnisse, sagte EGB-Generalsekretär John Monks. Drei Viertel aller neuen Arbeitsverträge in Frankreich seien zeitlich befristet. In Spanien hätten sechs Millionen Beschäftigte nur Zeitverträge. Fast drei Millionen Scheinselbstständige in Italien hätten nur einen Auftraggeber. In Großbritannien bekomme jeder dritte Arbeitnehmer keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

EU-weit ist die Zahl schlecht bezahlter und unsicherer Arbeitsverhältnisse nach EGB-Angaben in den vergangenen zehn Jahren drastisch gestiegen. «Wenn sich das fortsetzt, wird der Widerstand gegen Europa wachsen», warnte Monks. 17 Millionen Arbeitnehmer in der Europäischen Union lebten bereits in Armut, 31 Millionen arbeiteten für Hungerlöhne. Die EU tue nicht genug, um die Lage zu verbessern.

Der Fraktionschef der Sozialdemokraten im Europa-Parlament, Martin Schulz (SPD), forderte den EU-Gipfel ebenfalls zum Umsteuern auf. «Die soziale Sicherheit ist vom Wirtschaftswachstum abgekoppelt worden», sagte Schulz laut einer Mitteilung seiner Fraktion. Die Löhne hinkten hinter den Gewinnen der Unternehmen her. Deshalb müsse die EU ihre politischen Leitlinien ändern.

Die konservative EVP-Fraktion rief hingegen zum Festhalten an der sogenannten Lissabon-Strategie auf. Die darin festgelegte EU-Politik gebe «eine angemessene Antwort» auf die Herausforderung der Globalisierung, des demografischen Wandels und der Klimaveränderung. Die Europäer sollten für ihr Sozialmodell werben, sagte der EVP- Fraktionschef Joseph Daul in Straßburg. (dpa/AP)

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